Urs Gredig © André Gottschalk
Urs Gredig © André Gottschalk

MAGAZIN AMNESTY Schweiz Fan-(Un)Kultur

Von Urs Gredig. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2021.
SRF-Moderator Urs Gredig sinniert über die Diversität im Fussball und fragt sich, wie er seine Leidenschaft für den Sport ausleben und trotzdem die Menschenrechte hochhalten kann.

Kürzlich kam mein 11-jähriger Sohn abends aufgeregt zu mir und sagte: «Papi, schau mal, wie cool, beim Fussball haben sie LGBTQ-Eckfahnen!» Und tatsächlich, in einem Champions-League-Spiel des SC Wolfsburg präsentierten sich die Platzbegrenzungs-Wimpel in leuchtenden Regenbogenfarben. «Tolle Idee», dachte ich und fragte mich gleichzeitig, warum sich gerade der Fussball mit dem Thema Diversity noch immer dermassen schwertut.

«Rassismus oder Homophobie ist leider vielerorts immer noch fester Bestandteil des Geschehens rund ums runde Leder.» Urs Gredig

Denn seien wir ehrlich, obwohl in den vergangenen Jahren vermehrt Toleranz in- und ausserhalb der Stadien propagiert wird: Rassismus oder Homophobie ist leider vielerorts immer noch fester Bestandteil des Geschehens rund ums runde Leder. Gerade einige schockierende Szenen während der Euro 2020 warfen diesen Sommer ein grelles Licht auf eine Fankultur, die vielmehr den Begriff «Fan-Unkultur» verdient. Seien es Schmähungen gegen Schwarze Spieler oder der Protest gegen Toleranz-Gesten gegenüber der Black- oder der LGBTI*-Community: Die Fussball-Familie stellte sich mancherorts ein schlechtes Zeugnis aus.

Als bekennender Fan des Sports schäme ich mich dafür. Gleichzeitig ertappe ich mich dabei, bei entsprechenden Gesprächen oft aus der Defensive heraus zu argumentieren: «Nehmt mich ja nicht in Sippenhaft mit diesen hirnlosen Trotteln!», oder: «Das sind absolute Minderheiten, die allermeisten Fussball-Liebhaber*innen sind doch tolerant und weltoffen.»

Aber kann ich mich so einfach aus der Verantwortung stehlen? Mache ich mich nicht mitschuldig, wenn ich den Absender eines rassistischen Spruchs auf der Tribüne nicht konsequent darauf anspreche – und sei er noch so muskulös oder furchteinflössend tätowiert? Und sollte ich vielleicht nicht gleich ganz auf meine Passion verzichten, wenn es einem aktiven Spieler offenbar auch im aufgeschlossen- toleranten 2021 aus Angst vor Repressionen noch immer nicht möglich ist, sich als Homosexueller zu outen? Und fangen Sie mir bloss nicht mit dem Sinn (beziehungsweise Unsinn) einer WM in Katar oder den Bestechungsgeschichten rund um Fifa und Uefa an!

«Fussball-Fan zu sein bleibt für mich ein stetes Dilemma.»

Fussball-Fan zu sein bleibt für mich ein stetes Dilemma. Und doch – ich gebe es zu –, die Liebe zum Sport ist grösser, ich bleibe ihm treu und freue mich dann umso mehr darüber, wenn mir mein Sohn die einzig richtige Fankultur vorlebt: eine ohne Hass und Vorurteile. Dafür mit umso mehr Begeisterung, zum Beispiel über Regenbogen-Eckfahnen!