Die hohen Lebensmittelpreise im Norden Kanadas belasten die indigene Bevölkerung. © KEYSTONE/ARCTICPHOTO/Bryan and Cherry Alexander
Die hohen Lebensmittelpreise im Norden Kanadas belasten die indigene Bevölkerung. © KEYSTONE/ARCTICPHOTO/Bryan and Cherry Alexander

MAGAZIN AMNESTY AMNESTY-Magazin: Dezember 2021 Hunger in der Arktis

Von Natalie Wenger. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2021.
Überteuert, faulig, rar: Die Lebensmittelsituation im hohen Norden Kanadas ist angespannt. Gerade in indigenen Haushalten kommt oft nicht genug Essen auf den Tisch. Das soll sich nun ändern: Eine neue Strategie soll weitreichende Veränderungen bringen.

Lebensmittel sind teuer in den nördlichen Provinzen Kanadas. Richtig teuer. Immer wieder teilen Einwohner*innen auf den sozialen Medien Fotos von den Preisen. Eine Packung Vanillekekse: 18 Dollar (ca. 13 Franken). Eine Büchse Babynahrung: 26,99 Dollar. Neun Blaubeermuffins: 68,99 Dollar.

Die Preise sind oft doppelt oder dreimal so hoch wie im Süden Kanadas. Viele der 65'000 Menschen aus dem Gebiet Inuit Nunangat, der Heimat der Inuit im Norden Kanadas, müssen einen Grossteil ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden – rund 500 Dollar pro Woche. Manche können sich die Waren kaum leisten: Laut einem Bericht der Organisation Inuit Tapirit Kanatami (ITK) sind 76 Prozent der Inuit über 15 Jahren von Ernährungsunsicherheit betroffen, sechsmal mehr als der kanadische Durchschnitt.

Die Gemeinschaften leben in abgelegenen Gebieten. Nur zwei Gemeinden verfügen über einen ganzjährigen Strassenzugang, der Rest ist auf Flug- oder Schiffstransporte angewiesen. Die einzige Anlegestelle, die grössere Boote abfertigen kann, ist mehrere Hundert Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt. Grosslieferungen von nicht verderblichen Lebensmitteln und Treibstoff gibt es nur zwei- bis dreimal pro Jahr. Frische Lebensmittel müssen eingeflogen werden, zu Kleinstflughäfen mit Schotterpisten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Abhängigkeit von Unternehmen

Die Krise hat historische Wurzeln: In den 1900er-Jahren wurden Inuit-Gemeinschaften gezwungen, weiter in den Norden zu ziehen, sich in Städten niederzulassen und Internatsschulen zu besuchen. Die Kolonialregierung hinderte die Inuit daran, ihre eigenen Lebensmittel zu ernten, zu fischen, zu jagen. Lebensmittelunternehmen und Schifffahrtsgesellschaften, die sich in der Region breit machten, kontrollierten, wer wie viel und welche Nahrungsmittel kaufen konnte. Bis heute haben diese Unternehmen eine immense Macht über den Zugang zu Lebensmitteln. Sie koordinieren die meisten Flüge und Seetransporte und sind für die Lieferungen von Nutrition North zuständig, einem nationalen Lebensmittelsubventionsprogramm.

Vor fünf Jahren wurde eine Reihe von kurzfristigen Massnahmen eingeführt, darunter Lebensmittelbanken, Suppenküchen und Schulfrühstücksprogramme, die den Hunger in der Arktis beenden sollten. Diese Massnahmen reichten nicht, kritisierte ITK und veröffentlichte Mitte Juli 2021 eine umfassende Ernährungssicherheitsstrategie, die weitreichende Veränderungen beinhaltet. Die ITK fordert, dass die Regierung mehr in lokale Fluggesellschaften und die Lebensmittelproduktion vor Ort investiert sowie Lagerhäuser aufbaut, in denen Lebensmittel ordnungsgemäss gelagert werden können. Der Bericht schlägt ausserdem ein garantiertes Einkommen für einkommensschwache Inuit vor und verlangt, dass die Einwohner*innen über Investitionen in lokale Lebensmittelprogramme mitentscheiden können. Die Forderungen zeigten Wirkung: Die Regierung rief eine neue Arbeitsgruppe ins Leben und sprach 163 Millionen Dollar, um Programme zur Ernährungssicherung zu entwickeln und zu verbessern.

Bis die Programme zum Laufen kommen, haben die Inuit eine eigene Strategie, damit niemand hungern muss: Sie teilen. Wer kann, lädt Nachbar*innen und Bekannte zum Essen ein. Oder postet eine Einladung in den sozialen Medien, damit alle, die eine herzhafte Mahlzeit brauchen, vorbeikommen können.