«Wir wollen kein Mitleid, sondern eine Chance», sagt Mahmoud im Film «Captains of Zaatari». © trigon-film
«Wir wollen kein Mitleid, sondern eine Chance», sagt Mahmoud im Film «Captains of Zaatari». © trigon-film

Syrien Lagerkoller und Fussballträume

Von Boris Bögli. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2021.
Zwei junge syrische Flüchtlinge erhalten die Chance, sich der professionellen Fussballwelt zu präsentieren. «Captains of Zaatari» des ägyptischen Regisseurs Ali El Arabi zeigt, wie der Sport helfen kann, Brücken zu schlagen.

Was tun jugendliche Syrien-Flüchtlinge ohne Perspektive, um sich im riesigen jordanischen Lager Zaatari zu beschäftigen? Sie spielen Fussball. Der Sporteifer und die Träume des 18-jährigen Fawzi und seines 17-jährigen Freundes Mahmoud stehen im Zentrum des Filmdebüts von Ali El Arabi.

Fawzi ist ehrgeizig und ernsthaft, ein Captain auf und neben dem staubigen Platz. Er setzt alles auf die Karte Fussball. Seiner kleinen Schwester verspricht er: «Wenn ich Profi bin, kaufe ich dir alles, was du willst.» Auch Mahmoud liebt Fussball, ihm ist allerdings auch eine gute Ausbildung sehr wichtig.

Eines Tages reist eine Delegation der renommierten Fussballakademie Aspire aus Katar an, um eine syrische Auswahl an ein U-17-Turnier einzuladen – ob aus echtem Interesse an Talenten oder zu PR-Zwecken, bleibt offen. Doch Fawzi ist zu alt, er muss seine Captain-Binde an den scheuen Mahmoud abgeben. In den bitterkalten Nächten sitzt er einsam an einer Strasse im Camp und denkt über seine ungewisse Zukunft nach. Dann wendet sich das Schicksal und Fawzi darf dem Team nachreisen. In Doha tritt er in eine Welt ein, wie sie kontrastreicher zum Lager nicht sein könnte: Glaspaläste, Luxushotels mit Swimmingpool, ein Trainingsgelände mit perfektem Rasen.

Im Gespräch mit den grossen Stars

Fawzi und Mahmoud beobachten die Stars von Bayern München bei ihrem Wintertraining. «Das ist Lewandowski, er kostet 90 Millionen und könnte ganz Syrien kaufen», erklärt Fawzi. In Gesprächen mit Superstars wie Xavi und David Trezeguet wird ihnen der unbedingte Leistungswille eingetrichtert. Vom Turnier, in welchem die Flüchtlings-Auswahl unter dem Namen Syrian Dreams spielt, erhoffen sich die jungen Männer viel: «Das nächste Spiel wird live übertragen, wir wollen unseren Familien keine Schande bereiten.» Das Turnier könnte über ihr gesamtes zukünftiges Leben entscheiden, alle hoffen auf einen Ausbildungsplatz an der Fussballakademie. Ob dies Fawzi und Mahmoud gelingt, soll hier nicht verraten werden.

«Captains of Zaatari» ist weder schmalzig noch deprimierend. Es ist ein bildgewaltiger Dokumentarfilm, der auch am Sundance-Festival wohlwollend aufgenommen wurde. Regisseur El Arabi hat die Jugendlichen lange vor dem Fussballabenteuer kennengelernt. Das so geschaffene Vertrauen bildet sich in der Intimität vieler Szenen ab. Kameramann Mahmoud Beshir schafft mit Nachtbildern, Schatten, dem hellen Sand und den weissen UNHCR-Zelten bisweilen eine Schwarz- Weiss-Stimmung, die dann durch die roten Fussballtrikots aufgelöst wird.