Der Küstenort Futaba ist eine Geisterstadt. Die Einwohner*innen wurden nach der Nuklearkatastrophe evakuiert. © Felix Lill
Der Küstenort Futaba ist eine Geisterstadt. Die Einwohner*innen wurden nach der Nuklearkatastrophe evakuiert. © Felix Lill

MAGAZIN AMNESTY Made in Fukushima

Von Felix Lill. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2021.
Vor zehn Jahren havarierte im nordostjapanischen Fukushima ein Atomkraftwerk. Bis heute werden Fragen zur Sicherheit gestellt, insbesondere bei Nahrungsmitteln. Einige Menschen trauen den offiziellen Messungen nicht, andere wollen unbedingt wieder die Landwirtschaft fördern. Wieder andere satteln um. Ein Besuch vor Ort.

Bei der Fahrt durch den japanischen Küstenort Futaba in der Präfektur Fukushima bemüht sich Tatsuhiro Yamane um Optimismus. Anlass dafür hat er kaum. Mit seinem Kleinwagen passiert Yamane eine alte Metzgerei zu seiner Rechten, die seit einem Jahrzehnt kein Mensch betreten hat. Die Decke ist eingestürzt, Hunde streunen durch die Ruine. Kurz dahinter steht ein zerrütteter Ziegelsteinbau, der in besseren Tagen ein kleines Lebensmittelgeschäft war. Zersprungene Fenster, eine verwaist Ladentheke. Die Shotengai – eine ehemalige Einkaufsstrasse – ist verlassen.

Das nördlich von Tokio gelegene Futaba gilt seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima als Geisterstadt. «Am Tag der Katastrophe gab man den Leuten zwei Stunden, um alles zu packen und das Weite zu suchen», sagt der 36-jährige Yamane. Die 6000 Einwohner*innen mussten evakuiert werden, zurückgekehrt sind sie bisher nicht.

Yamane, der im Gemeinderat der Stadt sitzt, hofft, dass die Menschen nächstes Jahr teilweise zurückkehren dürfen. Er gibt sich zuversichtlich, obwohl nur zehn Prozent der Bevölkerung tatsächlich eine Rückkehr planen. Gerade jüngere Familien haben inzwischen anderswo Wurzeln geschlagen oder halten das Leben in der alten Heimat für zu unsicher, fürchten sich vor der Strahlung. Am Bahnhof von Futaba misst ein festinstallierter Geigerzähler eine Strahlungsbelastung von 0,25 Mikrosievert die Stunde, etwas mehr als der Grenzwert von 0,23. In der Mehrzweckhalle, einen guten Kilometer von der Einkaufsstrasse entfernt, waren es zuletzt 2,88 Mikrosievert.

«Bald wollen wir wieder Reis anbauen», sagt Tatsuhiro Yamane, der mittlerweile landeinwärts zu teilweise brachliegenden Feldern fährt. Derzeit werden Probeernten durchgeführt. Die Ergebnisse der Strahlungsprüfungen könnten nächstes Jahr kommen. «Für viele Menschen hier bildeten die Äcker die Lebensgrundlage», sagt Yamane. Eine Rückkehr zur Landwirtschaft wäre gut für die lokale Wirtschaft – und für den Ruf der ganzen Region.

Zweifelhafte Grenzwerte

Vor zehn Jahren wurde der Präfektur Fukushima ein trauriger Ruhm zuteil. Am 11. März 2011 begann die Erde heftig zu beben. Es wurde ein Erdbeben der Stärke 9,0 gemessen. Danach brach eine 20 Meter hohe Welle über die Küste herein, die ganze Dörfer verschluckte. Hunderttausende verloren ihr Zuhause, an die 20 000 Menschen ihr Leben. Doch dem nicht genug: Der Tsunami traf auch das direkt am Wasser gelegene Atomkraftwerk Fukushima Daiichi mit voller Wucht. In drei der sechs Reaktoren kam es zu Kernschmelzen, Radioaktivität trat aus. Alle Menschen im Umkreis von 30 Kilometern von der Kraftwerksruine mussten die Region verlassen. In Japan beschrieb man Orte wie Futaba fortan als «Geisterstädte» – die Infrastruktur war noch vorhanden, das Leben nicht.

Wird das Leben zurückkommen? Und wäre das richtig? 55 Kilometer südlich von Futaba, in der 335 000 Einwohner* innen zählenden Stadt Iwaki, macht sich Mayumi Iida täglich Gedanken darüber. «Ich finde es gut, dass die Bauern in Futaba wieder anbauen wollen. Aber ich bin skeptisch», sagt sie. Mayumi Iida, Mutter eines zehnjährigen Kindes, arbeitet für die Privatklinik Tarachine, die in den Monaten nach dem Atom-GAU gegründet wurde.

Die offiziellen Grenzwerte, etwa für den sicheren Verzehr von Nahrungsmitteln, stellt die Klinik Tarachine infrage.

Mehrere Frauen aus Iwaki sammelten aus Sorge um ihre Kinder Spenden für Messgeräte und die Beschäftigung medizinischen Personals. Heute stehen in den Räumlichkeiten der unabhängigen Klinik Tarachine mehrere Maschinen, die Beta- und Gammastrahlung bis auf zwei Stellen nach dem Komma angeben. Damit soll der Regierung auf die Finger geschaut werden. «Die Ergebnisse sind in der Regel ähnlich», sagt Mayumi Iida. «Aber unsere Maschinen sind genauer.» Die offiziellen Grenzwerte, etwa für den sicheren Verzehr von Nahrungsmitteln, stellt die Klinik Tarachine infrage.

Bei Messwerten von unter 100 Becquerel sind Nahrungsmittel laut der japanischen Regierung allgemein essbar. «Diese Zahlen richten sich aber nach männlichen Personen in der Pubertät», sagt Iida. «Menschen sind jedoch nicht gleich, Kinder etwa sind anfälliger.» Hinzu kämen individuelle Unterschiede bei der Verträglichkeit. Dies bestätigen Expert*innen. Laut Alex Rosen, Vorsitzender der Anti-Atomkraft-Vereinigung IPPNW, die seit Jahren die Strahlung in Fukushima untersucht, reagiert jeder Körper anders auf Strahlung. Ein allgemeiner Grenzwert für alle sei deshalb ungenau.

Bei Tarachine können Einwohner*innen von Fukushima ihre Nahrungsmittel testen lassen. Die Angestellten der Klinik selbst sammeln Nahrungsmittel, für die Fukushima traditionell jahrzehntelang bekannt gewesen ist: Pfirsiche und Reis vom Feld, Pilze aus dem Wald, Fische aus Fluss und Meer. «Sobald unsere Maschinen auch nur zwei Stellen hinter dem Komma einen Wert über null messen, erklären wir die Nahrungsmittel für nicht essbar», sagt Mayumi Iida. Dies komme regelmässig vor.

In der Klinik Tarachine werden Lebensmittel auf ihre Strahlenbelastung getestet. © Felix Lill

Im Stich gelassen

Viele Menschen in Fukushima fühlen sich allein gelassen, in ihren Menschenrechten verletzt. Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postuliert: «Jeder Mensch hat Anspruch auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohlbefinden einschliesslich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztlicher Betreuung und der notwendigen Leistungen der sozialen Fürsorge gewährleistet.»

Die japanische Regierung betont zwar, jedes in den Verkauf gehende Lebensmittelerzeugnis werde geprüft. Doch das reicht laut Mayumi Iida nicht. «Bei Landwirtschaftskooperativen oder der Fischerei wird längst nicht alles verkauft, was geerntet oder gefischt wird. Man gibt etwas an Freunde weiter oder man isst es selbst.» Die Lage in der Fischerei sei schwierig, weil nicht alle Substanzen, denen ein Fisch im Wasser ausgesetzt ist, mit der derzeitigen Technologie herausgefiltert werden können.

Die Regierung bot Ende August an, jene Produkte aufzukaufen, die die Fischer nicht absetzen können. Die Reputation von Fisch aus der Region wird sich so kaum verbessern.

Hinzu kommt, dass die Regierung im Frühjahr verkündete, in Zukunft das für die Kühlung der schmorenden Atomreaktoren verwendete Wasser in den Ozean zu leiten, da auf dem Kraftwerksgelände der Lagerplatz ausgeht. Diese Ankündigung sorgte in Japan und international für Aufruhr. Obwohl die Regierung beteuerte, das Wasser würde entsprechend gereinigt, protestierten die Fischereiverbände. Die Regierung bot Ende August an, jene Produkte aufzukaufen, die die Fischer nicht absetzen können. Die Reputation von Fisch aus der Region wird sich so jedoch kaum verbessern. Die für den Handel wichtigen Nachbarländer China, Südkorea und Taiwan importieren bis heute keine Lebensmittel aus Fukushima. Zu sehr klingt die Region noch nach Gefahr.

Tetsuzo Yamaguchi braut heute statt Sake lokalen Whisky. © Felix Lill

Kreativität ist gefragt

Das spürt auch Tetsuzo Yamaguchi, ein 68-jähriger Sake-Brauer aus der 330 000 Einwohner*innen zählenden Stadt Koriyama. Yamaguchis Heimat liegt im Landesinneren, 70 Kilometer von der Kraftwerksruine entfernt, und musste nie evakuiert werden. Trotzdem leidet Yamaguchis Familienbetrieb Sasanokawa, den er in zehnter Generation führt, bis heute unter den Folgen der Katastrophe. «Früher waren unsere wichtigsten Exportmärkte China und Südkorea», erzählt er, als er über das geräumige Betriebsgelände geht.

«Da vorne befindet sich die Produktionshalle für Nihonshu. Das ist der Reisschnaps, den man im Ausland oft Sake nennt. Geschäftlich ist der für uns mittlerweile irrelevant.» Denn die ostasiatischen Nachbarländer, mit denen Japans diplomatische Beziehungen ohnehin schwierig sind, importieren bis heute keine Nahrungsmittelerzeugnisse mit dem Label Fukushima. So sind die Verkäufe der traditionellen japanischen Spirituosen auf ein Drittel des Vorkrisenniveaus gefallen. «Unser Wasser ist rein, unser Reis ist sauber», beteuert Yamaguchi. «Es gab hier keine Auswirkungen durch den Atomunfall.» Tatsächlich werden in der Region Strahlenbelastungen von gerade mal 0,09 Mikrosievert gemessen. Das ist weniger als in Singapur oder Seoul.

In den Tagen der Katastrophe gehörte Tetsuzo Yamaguchi zu denjenigen, die den Evakuierten Hilfe anboten. In der Nachbarschaft wurde eine temporäre Unterkunft errichtet. Die Belegschaft von Sasanokawa braute wochenlang warmen Punsch, der den Geflüchteten gratis Getränke angeboten wurde. Doch im Ausland kam die Botschaft, dass es auch innerhalb Fukushimas sichere Orte gab, nicht an. «Das Geschäft mit Nihonshu haben wir über Generationen erfolgreich betrieben. Aber allmählich gebe ich auf», sagt Yamaguchi.

Er kann es sich leisten, auf die Produktion von Sake zu verzichten. Sein Betriebsgelände hat genügend Hallen, um andere Spirituosen herzustellen. Darauf konzentriert er sich mittlerweile. «Vor ein paar Jahren riet mir ein Kunde, es mit Whisky zu versuchen», sagt er. Yamaguchi, dessen Betrieb sich in den Nachkriegsjahrzehnten schon einmal im Brennen des europäischen Destillats versucht hatte, zögerte zuerst, probierte es dann aber aus. «Die Brennblasen von damals hatten wir noch.»

Yamaguchi importierte schottische Whiskys, mischte diese und lagerte sie in eigenen Fässern. So entstand vor einigen Jahren der erste Blended Whisky aus Fukushima. Mittlerweile kauft der Betrieb das Getreide ein und brennt selbst. Unter dem Markennamen «Asaka The First Peated» kam Anfang Jahr ein Single Malt auf den Markt. «Der war nach ein paar Wochen fast vergriffen», sagt Yamaguchi.

In 40 Länder, insbesondere die USA und Europa, exportiert Sasanokawa heute Whisky. Damit sieht sich Tetsuzo Yamaguchi auch als Botschafter seiner Heimatregion. Die am meisten verkaufte Produktlinie seines Hauses, ein Blended Whisky namens «963», ist nach der Postleitzahl seiner Heimatstadt Koriyama benannt. «Wir müssen den Ruf von Fukushima wieder verbessern. Es geht auch um unsere Lebensgrundlage und unser Recht, unsere Produkte zu verkaufen.»