Joshua Kiamba an seinem Hydroponic-Tisch. © Bettina Rühl
Joshua Kiamba an seinem Hydroponic-Tisch. © Bettina Rühl

Selbstversorgung im Slum

Von Bettina Rühl. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2021.
Mit der Corona-Pandemie breitete sich auch der Hunger in Kenia weiter aus. Doch es gibt Hoffnung: In den Slums von Nairobi entstehen derweil kreative Gärten.

Vorsichtig holt Joshua Kiamba ein Spinatpflänzchen aus einem kleinen Anzuchttopf und setzt es in eine halbierte PET-Flasche voller Steine. Dann stellt er diese in ein ungewöhnliches Hochbeet: Die Pflanzen wachsen nicht in Erde, sondern stehen mitsamt den PET-Flaschen in einem Wasserbad. Hydroponik heisst diese Art des Gartenbaus, bei der Pflanzen durch eine mineralische Nährlösung versorgt werden. «Das ist eine praktische Methode, weil wir hier so wenig Platz haben», erklärt Kiamba, der sich als leidenschaftlichen Bio-Bauern bezeichnet.

Eine-Gasse-in-Korogocho.jpg Eine Gasse im Slum Korogocho in Nairobi. © Bettina Rühl

Joshua Kiamba lebt nicht, wie zu erwarten wäre, auf dem Land, sondern in Korogocho, einem der Slums der kenianischen Hauptstadt Nairobi. In den von Wellblechhütten gesäumten engen Gassen ist Kiambas kleine Parzelle eine Oase: Hier wächst aus PET-Flaschen eine Vielzahl von Gemüsesorten. In der einen Hälfte des Gartens stehen zwei Hydroponik-Beete, im anderen Bereich hat er einen Sackgarten. Dort gedeihen Spinat, Pak Choi, Sukuma Wiki und andere lokale Blattgemüsesorten in mit Erde gefüllten Säcken. Der Clou daran ist, dass die Pflanzen nicht nur die horizontale Fläche nutzen, sondern auch aus Löchern an den Seiten der Säcke wachsen, sodass sie übereinander in die Höhe streben können. So kann auf wenig Platz vergleichsweise viel Gemüse reifen. Im Platzmanagement hat es Kiamba zur Meisterschaft gebracht: Er nutzt praktisch jeden Zentimeter auf seinem Grundstück, befestigt die PET-Flaschen an der Grundstücksumfassung aus Wellblech und den Streben des Plastikdachs.

Was er erntet, verzehrt er mit seiner Familie und verkauft den Überschuss auf dem Markt. Da er am Ufer des Nairobi-Flusses, der durch Korogocho führt, auch etwas Mais anbaut, muss er keine Lebensmittel kaufen. «Ich bin Bauer wie meine Eltern, aber die lebten auf dem Land», sagt er. Seit dem Beginn der Corona-Pandemie weiss er seinen Beruf noch mehr zu schätzen als vorher: «Meine Familie und ich hatten immer genug zu essen. Wir sind in unserer Ernährung unabhängig.»

Ein Gemüsegarten-auf-dem-Grundstück-der-Gemeinde-St-John-in-Korogocho-Nairobi-direkt-neben-der-Müllhalde-von-Dandora.jpg Ein Gemüsegarten auf dem Grundstück der Gemeinde St. John im Slum Korogocho in Nairobi – direkt neben einer Müllhalde. © Bettina Rühl

Kreative Methoden gegen den Hunger

Etliche Kenianer*innen dagegen leiden unter den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie, ihr Menschenrecht auf Nahrung bleibt häufig Theorie. Das gilt vor allem für die Bewohner*innen von Vierteln wie Korogocho. Nach einer Studie des Afrikanischen Zentrums für Bevölkerungs- und Gesundheitsforschung (APHRC) ist in den städtischen Armenvierteln fast die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren für ihr Alter zu klein. Grund sei der Mangel an Nahrung in entscheidenden Wachstumsphasen, sagt die Wissenschaftlerin Elizabeth Kimani Morage vom APHRC. «Unseren Ergebnissen zufolge haben 80 Prozent der untersuchten Haushalte keinen zuverlässigen Zugang zu angemessener Nahrung.» Bei der Hälfte der Haushalte führe das zu ernsten Problemen – Hunger gehöre dort zum Alltag. Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie hätten das Problem noch massiv verschärft, wie kürzlich stichprobenartige Befragungen von Familien in den Slums durch das APHRC ergeben hätten.

Der Anbau von Lebensmitteln auch auf kleinsten Flächen in den Städten gilt als vielversprechender Weg, um das Menschenrecht auf Nahrung zu verwirklichen. Initiativen wie Voices 4 Change oder die Organisation APHRC wollen deshalb kreative städtische Anbaumethoden fördern und weitum bekannt machen. In Korogocho soll Joshua Kiamba einer der wichtigsten Multiplikatoren werden.