© Merle Schewe
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AMNESTY-Magazin: Dezember 2021 Zu Tisch!

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2021.
Zu den anstehenden Festtagen gehört auch gemeinsames Essen und Trinken. Längst haben fremde Küchen dabei ihren Platz erhalten. Doch viele unserer Lebensmittel haben problematische Hintergründe. Was sich die Produzent*innen einfallen lassen, um die Herstellungsbedingungen zu verbessern, lesen Sie zu einigen Produkten auf unserem Tisch, angerichtet von den Redaktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
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Falafel: Gut integriert

Falafel, Hummus und Pita waren bis vor einigen Jahren hierzulande kaum bekannt. Wie zuvor Pizzerien oder Kebabstände erobern nun arabische Restaurants die Städte. Sie verdeutlichen den Einfluss der Migration auf unsere Essgewohnheiten und die Integrationsfähigkeit der Migrant*innen. 

Fisch: Unappetitliche Jobs

Fisch ist lecker. Mehr als unappetitlich aber sind die Arbeitsbedingungen in der Fischerei und der Fischverarbeitung. Der Organisation Global Fishing Watch zufolge besteht bei gut einem Viertel der Fangschiffe weltweit der Verdacht auf ausbeuterische Arbeitsbedingungen. Laut der zuständigen Gewerkschaft ITF zählen dazu überbelegte Kabinen, eine extrem schlechte Bezahlung und Arbeitszeiten von zwanzig und mehr Stunden pro Tag. Um die Beschäftigten unter Druck zu setzen, nimmt man ihnen ihre Pässe ab. Auch sklavereiähnliche Arbeitsverhältnisse sind bekannt.

Kaffee: Fair gehandelt

Guten Morgen! Kaffee ist für viele der unverzichtbare Wachmacher. Schön, wenn der Geschmack dank Direktimporten, fairen Preisen und Kooperationen nicht verdorben wird. Alternative Lieferketten wollen Ausbeutung und Monokulturen bekämpfen. Zur Reportage «Pionier*innen des 'grünen Goldes'»

Cashews: Giftige Kerne

Cashewkerne sind hierzulande ein beliebter und gesunder Snack. Doch die Kerne schaden der Gesundheit Tausender Arbeiterinnen in Indien. Denn die getrockneten Früchte enthalten ein giftiges Öl, das die Hände und Augen der Frauen verätzt. Die Hände vieler Frauen sind von der Säure geschwärzt, zerrissen und blutig. Handschuhe könnten helfen, doch sie sind teuer und würden die Arbeit verlangsamen. Das können sich die Frauen nicht leisten, denn sie werden pro Stück bezahlt. Vier bis sechs Franken verdienen sie pro Tag für eine Arbeit, die teils heftige Schmerzen verursacht. Mehrere Organisationen setzen sich dafür ein, den Schutz der Arbeiterinnen zu verbessern, um bleibende Gesundheitsschäden zu verhindern.

Avocados: Gefährliches Superfood

Die Avocado gilt als Superfood, aber sie hat auch dunkle Seiten. So steht die Frucht im Mittelpunkt eines Konflikts in Mexiko, dem weltweit grössten Exporteur von Avocados. Kartelle bestehlen und erpressen örtliche Landwirt*innen, die wiederum zu den Waffen greifen und lokale Milizen bilden, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Hinzu kommen fatale ökologische Auswirkungen: Um die rasant gestiegene Nachfrage des Westens zu befriedigen, werden in den Erzeugerländern Monokulturen angelegt, für die man Wälder abholzt. In Chile führte die wasserintensive Produktion mancherorts dazu, dass die Bevölkerung kein Trinkwasser mehr hatte.

Tomaten: Produkt der Ausbeutung

Sie ist eine der beliebtesten Feldfrüchte: die Tomate. Bei ihrer Ernte werden jedoch weltweit Landarbeiter*innen ausgebeutet. Im Süden Spaniens und Italiens macht sich eine Art moderner Sklaverei breit. Vermittler*innen heuern billige Arbeitskräfte an – oft sind es Migrant*innen ohne Aufenthaltstitel aus Afrika oder Südosteuropa. Für die Vermittlung, den Transport zu den Feldern und sogar für Trinkwasser verlangen die Mittelspersonen von den Arbeiter*innen einen Teil des Lohns, der ohnehin gering ist. Nach Angaben von Gewerkschaften liegt er bei 30 Franken pro Tag. Wer sich beschwert, wird entlassen. Die Landarbeiter*innen leben in behelfsmässigen Lagern und sind Misshandlungen und Willkür ausgesetzt. Landarbeiterinnen in Spanien und in den USA berichten von sexuellen Übergriffen während der Feldarbeit.

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Pak Choi: Aus dem Hinterhof

Kleine Flächen statt grosser Felder: Mitten in Nairobi baut Joshua Kiamba für sich und andere Gemüse an. Und trägt damit zur Bekämpfung des Hungers bei, der in Corona-Zeiten zugenommen hat. Zum Artikel «Selbstversorgung im Slum»

Orangen: Bitter für Pflücker*innen

In Brasilien schuften die Orangenpflücker* innen oft in sengender Hitze, erhalten kaum den Mindestlohn oder arbeiten ohne Vertrag. Die Organisation Public Eye hat festgestellt, dass sämtliche Verarbeitungsunternehmen für Orangensaft das Recht auf gerechte Entlohnung und menschenwürdige Arbeitsbedingungen missachten. Während der Pandemie sind die Preise für Orangensaft auf den internationalen Märkten zwar gestiegen, nicht aber die Löhne der Pflücker*innen.

Kakao: Übler Nachgeschmack

Abholzung, Pestizide, missbräuchliche Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit sorgen seit Langem für Kritik an den grossen Schokoladefirmen. Diese haben sich 2001 verpflichtet, die Kinderarbeit deutlich zu reduzieren. Wie ein Bericht der Universität Chicago von 2020 nun zeigt, arbeiten aber nach wie vor 1,5 Millionen Kinder unter teils gefährlichen Bedingungen im Kakaoanbau, insbesondere in Ghana und Côte d’Ivoire, von wo rund 60 Prozent des weltweit produzierten Kakaos stammen. Die Schweiz ist nicht nur Sitz zahlreicher Schokoladeproduzenten: Rund 30 Prozent aller Kakaobohnen werden von Schweizer Unternehmen gehandelt.

Wasser: Mangel überall

Die Uno hat sich zum Ziel gesetzt, dass alle Menschen bis 2030 Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Anlagen haben sollen. Doch bis heute mangelt es immer noch zwei Milliarden Menschen an Trinkwasser. 3,6 Milliarden Menschen, fast die Hälfte der Weltbevölkerung, müssen auf sichere sanitäre Anlagen verzichten. Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren noch verschärft: Wasserquellen trocknen aus oder werden verunreinigt. Dies begünstigt den Ausbruch von Seuchen und die Ausbreitung von Krankheiten.

Soja: Verheerende Bohne

Soja ist für viele Länder Südamerikas eines der wichtigsten Exportprodukte. Der Anbau ist ökologisch wie menschenrechtlich hoch problematisch, denn Soja wird in riesigen Monokulturen produziert, für die Regenwald in Ackerland umgewandelt wird. Agrarkonzerne vertreiben indigene Völker und lokale Gemeinschaften von ihrem angestammten Land. Dass diese oft keine formellen Landtitel besitzen, spielt den Firmen in die Hände. Der starke Einsatz von Pestiziden, die teils giftig und deswegen in der EU verboten sind, schädigt die Gesundheit von Arbeiter*innen und Anwohner*innen. Ausserdem reichern sich die Giftstoffe in Böden und Gewässern an.

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Erdbeeren: Hungerlöhne für Migrant*innen

Erdbeeren finden sich fast das ganze Jahr über in unseren Supermärkten. Um dies zu gewährleisten, werden Tausende Migrant*innen auf Feldern im Süden Spaniens Opfer von Ausbeutung. Der Uno-Sonderberichterstatter für Armut und Menschenrechte, Philip Alston, sagte 2020 nach dem Besuch einer Unterkunft für Arbeiter*innen in der Stadt Huelva, die dortigen Zustände zählten zu den schlimmsten, die er je gesehen habe. Die Menschen lebten ohne Toiletten, Strom und fliessendes Wasser in einer improvisierten Zeltstadt. Die Migrant*innen schuften zudem für Hungerlöhne. Da viele weder lesen noch schreiben können und kein Spanisch sprechen, geraten sie schnell in Abhängigkeit und haben kaum Mittel, sich gegen Ausbeutung zu wehren.

Whisky: Alternative zu Sake

Sake war gestern. Weil zehn Jahre nach dem GAU von Fukushima Produkte aus der Region noch immer einen schlechten Ruf haben, ist der Brauer Tetsuzo Yamaguchi auf Whisky umgestiegen. Zur Reportag «Made in Fukushima»