Gulbahar Haitiwaji hat den Mut, für ihr Buch mit Bild und Namen hinzustehen. © Emmanuelle Marchadour
Gulbahar Haitiwaji hat den Mut, für ihr Buch mit Bild und Namen hinzustehen. © Emmanuelle Marchadour

MAGAZIN AMNESTY Amnesty Magazin August 2022: Buch «Ich wollte nicht wegen China krank werden»

Von Till Schmidt. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom August 2022.
Ihr «Prozess» dauerte nur neun Minuten, das Urteil lautete sieben Jahre Umerziehung. Doch nach knapp drei Jahren kam sie frei. In einem Buch berichtet die Uigurin Gulbahar Haitiwaji über ihre Zeit in Gefangenschaft.

Zunächst gab es vor allem Satellitenaufnahmen. Jahrelang hatte die chinesische Regierung ihr flächendeckendes Überwachungs- und Internierungssystem in der Region Xinjiang für die dort lebenden Uigur*innen geleugnet. Doch angesichts zahlreicher Beweise von Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und ehemaligen Inhaftierten spricht sie inzwischen davon, «durch Extremismus beeinflusste Menschen» in «Erziehungsanstalten fortzubilden». Zuletzt zeigten die sogenannten Xinjiang Police Files eines investigativen Journalismuskollektivs Details zu den staatlichen Umerziehungslagern: Seit 2017 wurden mehr als eine Million überwiegend muslimische Uigur*innen interniert.

Eine von ihnen ist Gulbahar Haitiwaji. Die Uigurin hatte mit ihrem Mann und ihren Töchtern zehn Jahre in Frankreich im Exil gelebt, als die chinesische Regierung sie im Jahr 2016 mit einem Trick nach Xinjiang lockte: Eine Formalität für ihren Vorruhestand müsse vor Ort geregelt werden, hiess es. Zwei Wochen Aufenthalt plante Haitiwaji dafür ein. Bleiben musste sie drei Jahre – als Gefangene in einem Umerziehungslager. Ihr «Vergehen »? Separatismus. Eine Tochter Haitiwajis hatte in Frankreich mit einer Fahne der uigurischen Unabhängigkeitsbewegung demonstriert, als Beweise wurden Fotoaufnahmen aus den Online- Netzwerken herangezogen.

Mut zur Authentizität

Bevor ein Gericht Haitiwaji im November 2018 nach einem neunminütigen Prozess zu sieben Jahren «Umerziehung» verurteilte, befand sie sich in Untersuchungshaft. In ihrem Buch «Wie ich das chinesische Lager überlebt habe» schildert sie eindrücklich, wie hilflos sie war, weil niemand ihre vielen Fragen beantworten konnte. Wie bizarr es ihr erschien, dass während der Verhöre eine angeblich belastende «Akte» als Druckmittel eingesetzt wurde.

«Es war klar, dass der Prozess nicht nur mir, sondern auch meinem Mann und meiner Tochter galt», sagt Haitiwaji. Die Amateurhaftigkeit des Verfahrens habe sie immer wieder «zum Lachen gebracht». Grosse Sorgen bereitete ihr allerdings ihre Unterschrift unter einem bestimmten Dokument. Man hatte ihr versprochen, dass sie damit das Privileg bekommen würde, nach der Untersuchungshaft nicht in einem Gefängnis inhaftiert, sondern in einer «Schule» umerzogen zu werden. «Ich fürchtete von Anfang an, dass China das Dokument willkürlich gegen mich verwenden würde», sagt Haitiwaji. Doch dazu kam es glücklicherweise nicht.

Über ihre Gefangenschaft hat Haitiwaji einen autobiografischen Bericht veröffentlicht, der 2021 in Frankreich erschien und seit Januar 2022 auch auf Deutsch vorliegt. Ursprünglich sollte das Buch, das sie gemeinsam mit der Journalistin Rozenn Morgat verfasste, nicht unter ihrem Namen veröffentlicht werden. Nun aber ist auf dem Titelblatt sogar ein Porträt der Autorin zu sehen. «Wegen des noch in China lebenden Teils meiner Familie war ich zunächst besorgt. Doch schnell wurde mir klar, dass mich die Leute sowieso erkennen», sagt Haitiwaji. Ihre Inhaftierung hatte international Aufmerksamkeit erregt.

Die Nennung der Autorinnen sorge für Ehrlichkeit und Authentizität, sagt Haitiwaji. Ihre Publikation sieht sie als ihr «grosses Projekt», um für die Rechte der Uigur*innen zu kämpfen. Haitiwaji begreift sich auch nach ihrer Freilassung und der Buchveröffentlichung nicht als politischen Menschen. «Ich habe den Eindruck, nicht wirklich einen Überblick über und ein Bewusstsein für politische Entwicklungen zu haben», sagt die 55-Jährige. «Mit meinem Buch möchte ich aber meinen Teil dazu beitragen.»

Traumatische Erinnerungen

Eine Stärke von Haitiwajis Bericht liegt in der detaillierten Beobachtung der Menschen, die sie bewachten und verhörten. Das Personal der Unterdrückungsmaschinerie ist teilweise uigurischer Herkunft. «Die machen einfach ihren Job und werden gezwungen, Befehle auszuführen», sagt Haitiwaji. «Einige Polizeibeamte, die Uiguren nicht weiter misshandeln wollten, haben ihren Job aufgegeben – und sind sofort inhaftiert worden.»

In ihrer Schilderung des quälend langsam verstreichenden Alltags hebt Haitiwaji die Solidarität unter den Inhaftierten hervor. Die Frauen ihres Schlafraums teilten nicht nur Essen, Hygieneartikel und andere Dinge des täglichen Bedarfs, sondern gingen auch empathisch und sorgsam miteinander um. «Wir waren voller Hoffnung, aber auch voller Verzweiflung, weil wir nicht wussten, wann wir endlich rauskommen. » Seit ihrer Freilassung fragt sie sich, ob ihre damaligen Mitgefangenen immer noch inhaftiert sind. «Ich weiss, dass das unmöglich ist, aber ich würde sie gerne einfach fragen: ‹Wie geht es dir?›»

Um die Haftzeit zu überstehen, klammerte sich Haitiwaji immer wieder an ihre Unschuld, «denn ich wusste ja, dass ich nichts verbrochen hatte». Dies ging einher mit Tagträumen über «delikates französisches Essen» und mit Gedanken an ihre Familie. Auch Sportübungen hätten geholfen. «Selbst als ich an mein Bett fixiert war, bin ich mit meinen Beinen in der Luft Fahrrad gefahren«, erzählt Haitiwaji voller Stolz auf ihre Resilienz. «Nie im Leben wollte ich wegen China krank werden.»

In Frankreich setzte sich Haitiwajis Familie unermüdlich für ihre Freilassung ein. Ihrer Tochter Gulhumar gelang es, Diplomat*innen und Medien über das Schicksal ihrer Mutter zu informieren und so für öffentlichen Druck zu sorgen. Die Zeit in Haft hat tiefe seelische Spuren bei Gulbahar Haitiwaji hinterlassen: «Fast jede Nacht habe ich Albträume. Ich bin zurück im Lager, muss Lieder singen und Propaganda rezitieren. Jedes Mal denke ich: Ich werde niemals freikommen.»

Über ihre Zeit im «Umerziehungslager » will Haitiwaji weiterhin berichten. «Wir brauchen mehr Beweise für das, was in Xinjiang passiert, und wir müssen es bekannter machen.» Die chinesische Propaganda manipuliere noch immer viele Menschen. Anderen wiederum fehle die Vorstellungskraft, um sich bewusst zu machen, wie brutal die Repression vor Ort sei, sagt Haitiwaji. Sie fordert ausserdem mehr politischen Druck auf die chinesische Regierung.

Gulbahar Haitiwaji kann nicht mehr in ihr Geburtsland zurück. Sie hofft daher, dass der noch in Xinjiang lebende Teil ihrer Familie irgendwann einen Weg nach Frankreich findet.