Shon Faye: «Eine Gemeinschaft mit anderen trans Menschen zu finden, ist unglaublich wichtig. Wir haben bestimmte Erfahrungen, die nur andere trans Menschen verstehen können.»© Paul Samuel White
Shon Faye: «Eine Gemeinschaft mit anderen trans Menschen zu finden, ist unglaublich wichtig. Wir haben bestimmte Erfahrungen, die nur andere trans Menschen verstehen können.» © Paul Samuel White

MAGAZIN AMNESTY Transgender «Es gibt keine Verbündeten, nur Handlungen»

Von Natalie Wenger. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2022.
In ihrem Buch «Die Transgender-Frage» analysiert die Rechtsanwältin und Publizistin Shon Faye die verschiedenen Ebenen der Diskriminierung von trans Menschen. Im Interview erzählt sie, welche Stereotypen bestehen und was sich in der Gesellschaft verändern muss.
AMNESTY: Ihr Buch heisst «Die Transgender- Frage». Was genau ist darunter zu verstehen?


Shon Faye:
Der in den Medien häufig verwendete Begriff «Transgender-Frage» ist ein Ausdruck, der mich zutiefst verärgert und frustriert. Denn er suggeriert, dass die trans Community, zu der ich gehöre, ein Problem für die Gesellschaft sei, eine Frage, die wir klären müssen. Der Titel des Buches zielt darauf ab, sich diesen Ausdruck wieder anzueignen und den Diskurs auf die realen Probleme von trans Menschen zu lenken. Also darauf, dass viele trans Personen von Kindheit an ein gewisses Mass an Ausgrenzung erfahren und häufig diskriminiert werden. Viele trans Personen werden für ihre Identität bestraft oder ermutigt, diese zu unterdrücken.

Das liegt zum Teil daran, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von der Idee des binären Geschlechts besessen ist. Geschlecht und ganz besonders die Unterscheidung zwischen Jungen und Mädchen hat zu Unrecht eine enorm hohe Bedeutung. Weil der Raum für Ungewissheit und zur Erforschung des eigenen Geschlechts nicht gegeben ist, werden trans Menschen schon in jungen Jahren an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Das Gesundheitssystem ist oft keine Hilfe: Trans Menschen müssen meist belastende psychische Tests durchlaufen und jahrelang warten, bis sie mit der Transition beginnen können. 


Im 20. Jahrhundert begannen Ärzt*innen damit, trans Menschen die Geschlechtsangleichung zu ermöglichen. Dies allerdings meist nur unter der Voraussetzung, dass sie nicht als trans erkennbar waren und ihre trans Identität verbargen. Denn die binäre Geschlechterordnung sollte intakt bleiben. trans Menschen durften zwar existieren, aber nur, wenn sie sich an die binäre Geschlechterordnung hielten. Noch immer hält sich die Vorstellung, dass wir trans Menschen psychisch krank oder instabil sind. Das widerspiegelt sich in der Tatsache, dass schädliche medizinische Praktiken aufrechterhalten werden wie etwa stundenlange invasive Befragungen.

Wir wachsen in einem transphoben Umfeld auf, das uns das Gefühl gibt, dass mit uns etwas nicht stimmt.

Wie sollte ein transfreundliches Gesundheitssystem aussehen?

Wichtig ist die vollständige Beseitigung der Pathologisierung. Es gibt keine medizinische Fachperson, die diagnostizieren kann, ob jemand trans ist oder nicht. Die einzige Person, die feststellen kann, ob eine Person trans ist, ist diese Person selbst. Trans Personen sollten eine informierte Zustimmung zu einer Behandlung geben können, ohne dass eine psychiatrische Beurteilung erforderlich ist. 

Eine traurige Folge der Vorurteile und Diskriminierungen ist eine im Vergleich zur übrigen Gesellschaft hohe Suizidrate. 


Ich kenne keine trans Person, mich eingeschlossen, die nicht in irgendeiner Weise mit einem Trauma zu kämpfen hat oder hatte. Wir wachsen in einem transphoben Umfeld auf, das uns das Gefühl gibt, dass mit uns etwas nicht stimmt. Das verursacht Depressionen, Angstzustände, führt zu Selbstverletzung und Suizidgedanken. Das Schweigen, die Belästigung und die Scham, die uns auferlegt werden, treiben uns an den Abgrund.

Viele trans Jugendliche landen auf der Strasse, weil ihre Eltern sie vor die Türe setzen. Eine von vier trans Personen war schon einmal wohnungslos, die Zahlen sind in den letzten Jahren sogar gestiegen.

Die steigenden Zahlen sind darauf zurückzuführen, dass sich trans Menschen immer jünger outen und früher mit Ablehnung aus der Familie und dem Umfeld konfrontiert sind. Das ist problematisch, denn wer als Teenager obdachlos wird, ist mit einer höheren Wahrscheinlichkeit konfrontiert, für den Rest seines Lebens obdachlos zu bleiben. Zusätzlich verschärfte die Covid-Pandemie die Problematik der Obdachlosigkeit auch für trans Personen. Viele fühlten sich während der Lockdowns sozial isoliert, waren eingeschlossen mit Familien, die nichts von der trans Identität wussten oder gar feindselig waren.

Aufgrund der Überlastung des Gesundheitssystem mussten Transitionen zudem eine Zeit lang ausgesetzt werden, was mentale Probleme verursachte. Auch war es schwieriger, zur trans Gemeinschaft Kontakt zu behalten. 

Warum ist der Austausch innerhalb der trans Gemeinschaft so wichtig?

Meine Transition war sehr hart und schmerzhaft. Erst der Entschluss, mich mit anderen trans Menschen auszutauschen, erleichterte mir den Umgang mit der Angst vor meiner Transition. Eine Gemeinschaft mit anderen trans Menschen zu finden, ist unglaublich wichtig. Wir haben bestimmte Erfahrungen, die nur andere trans Menschen verstehen können.

Viele verbrachten während der Pandemie mehr Zeit in den sozialen Medien, um den Kontakt zur Gemeinschaft zu ersetzen. Leider sind die sozialen Medien sehr toxisch. Während der Pandemie gab es einen enormen Anstieg von Fanatismus und Online-Gewalt gegen alle.

Wie gehen Sie mit der Negativität in den sozialen Medien um? 

Ich habe viele Jahre mit Missbrauch in den sozialen Medien zu tun gehabt und musste eine sehr dicke Haut entwickeln. Zum Schutz meiner psychischen Gesundheit habe ich mich aus einigen sozialen Medien zurückgezogen, ich habe kein Twitter mehr, nur noch Instagram. Dort spreche ich immer weniger über trans Themen. Ich ermutige trans Personen, die ich persönlich kenne, sich aus den sozialen Medien zurückzuziehen. 

Es wird suggeriert, dass es eine mächtige trans Lobby gibt. Wir sind jedoch eine sehr kleine Minderheit ohne politische Vertretung oder Macht.

Auch in der Presse werden trans Menschen oft herabgewürdigt. Wie beeinflusst das das Bild von trans Menschen?

Es beginnt mit den klassischen Schlagzeilen. Es wird suggeriert, dass es eine mächtige trans Lobby gibt. Wir sind jedoch eine sehr kleine Minderheit ohne politische Vertretung oder Macht. Zudem wird oft die Angst geschürt, dass trans Menschen eine Gefahr für Kinder seien. Der Effekt solcher Artikel ist, dass es als akzeptabel angesehen wird, feindselig über trans Personen zu sprechen.

In den vergangenen Jahren erlangten trans Menschen mehr Sichtbarkeit. Hat sich die Haltung ihnen gegenüber verändert? 

Es hilft bei der kulturellen Normalisierung. Ich «schockiere» heute weniger, wenn ich sage, dass ich trans bin. In bestimmten Teilen der Gesellschaft haben sich die Leute an den Gedanken gewöhnt, dass es trans Menschen gib, wir werden vermehrt als menschliche Wesen angesehen und weniger fetischisiert.

Am meisten von der neuen Sichtbarkeit profitieren auch hier diejenigen, die schon immer privilegiert waren. Wenn dank einer TV-Sendung die trans Schauspielerin Hunter Schafer zum Teenie- Liebling wird, bedeutet dies ja nicht, dass die durchschnittliche trans Person nicht mehr diskriminiert wird.

Am stärksten leiden die ärmsten trans Menschen, die unter den schlechtesten Arbeitsbedingungen leben, oft ohne gewerkschaftliche Unterstützung und ohne Zugang zu Rechtshilfe. Weil trans Menschen sichtbarer werden, bekommen viele von ihnen die Hauptlast der Gegenreaktion zu spüren.

Wie können wir zu Verbündeten von trans Menschen werden?

Eines meiner liebsten Zitate sagt, dass es keine Verbündeten gibt, sondern nur Handlungen, die sich gegenseitig unterstützen. Eine Person, die sich mit trans Menschen verbünden will, wird also nach ihrem Verhalten und ihren Taten beurteilt, nicht nach Worten oder Gefühlen. Jeder Mensch hat einen gewissen Einflussbereich, sei es die Schule des Kindes oder der Arbeitsplatz, sei es als Politikerin, Lehrer, Ärztin. Wir alle können versuchen, den eigenen Einflussbereich zu einem einladenden und sicheren Ort für trans Menschen zu machen.