An der Seite von Nahid Taghavi: Amnesty-Aktivistinnen demonstrieren für die Freilassung der inhaftierten Frauenrechtlerin. © Jarek Godlewski/AI
An der Seite von Nahid Taghavi: Amnesty-Aktivistinnen demonstrieren für die Freilassung der inhaftierten Frauenrechtlerin. © Jarek Godlewski/AI

MAGAZIN AMNESTY Amnesty-Magazin Dezember 2022: Right to love Nicht ohne meine Mutter

Von Hannah El-Hitami. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2022.
Im Iran wurde Nahid Taghavi wegen ihres Engagements für Frauenrechte inhaftiert. In Deutschland kämpft ihre Tochter Mariam Claren seit fast zwei Jahren für ihre Freilassung.

Update:

Das AMNESTY-Magazin war gerade im Druck, da ereilte uns folgende schlimme Nachricht: Nahid Taghavi wurde am 13. November wieder inhaftiert. Die Tochter Mariam Claren schreibt auf ihrem Twitter-Kanal:
«Obwohl sie die medizinische Behandlung nicht abgeschlossen hatte, musste meine Mutter Nahid Taghavi am Sonntag, den 13. November, mit erhobenem Haupt ins Evin-Gefängnis zurückkehren.» #freenahid #mahsaamini

 Unterstützen Sie Nahid Taghavi mit unserer Briefaktion! Verlangen Sie ihre Freiheit.


«Es fühlte sich an wie Liebeskummer, nur schlimmer, gepaart mit Panik und lähmender Angst.» So erinnert sich Mariam Claren an die ersten Tage nach der Festnahme ihrer Mutter Nahid Taghavi im Iran. Tagelang konnte Mariam Claren nicht essen oder schlafen, hatte starke Kopfschmerzen, rauchte pausenlos. «Ich war davon überzeugt, dass meiner Mutter die Hinrichtung drohte», sagt sie. 274512.jpg Nahid Taghavi. © Private

Doch dann sei sie in einen Aktionismus verfallen und habe sich Ziele gesetzt. Erster Meilenstein: Die Öffentlichkeit musste von der Festnahme ihrer Mutter erfahren. Sie kontaktierte das Auswärtige Amt, Amnesty International, die Medien. Sie gab ein Interview nach dem anderen. Plötzlich war die 42-Jährige nicht mehr nur Veranstaltungsmanagerin bei einem Weinhändler, sondern politische Aktivistin. Ihre Marketingerfahrung erwies sich als nützlich: «Ich dachte mir, ich muss jetzt das wichtigste Produkt vermarkten: meine Mutter.»

Nahid Taghavi ist eine iranisch-deutsche Frauenrechtlerin und eine von mehreren Doppelstaatler*innen, die im Iran im Gefängnis sitzen. Seit ihrer Festnahme im Oktober 2020 wurde sie monatelang in Isolationshaft gehalten, gefoltert und in einem unfairen Gerichtsverfahren zu zehn Jahren Haft verurteilt wegen angeblicher Beteiligung an einer «illegalen Gruppe». Der gesundheitliche Zustand der 68-Jährigen hat sich während der zwei Jahre im Evin-Gefängnis in Teheran rapide verschlechtert.

Unterdessen hat sich Taghavis Tochter Mariam Claren von Deutschland aus unermüdlich für die Freilassung ihrer Mutter eingesetzt – mit Erfolg: Nach massivem internationalem Druck und diplomatischen Bemühungen aus Deutschland erhielt Taghavi im Juli medizinischen Hafturlaub. Der Kampf um ihre Freiheit hat Mutter und Tochter enger denn je zusammengeschweisst – doch die Frage, wie es nach dem Hafturlaub weitergeht, lässt ihnen keine Ruhe.

Wenn Mariam Claren an ihre Mutter denkt, hat sie immer dasselbe Bild vor Augen: Wie diese am Computer sitzt, liest, schreibt. Auch jetzt, bei ihrer Familie in Shiraz, verbringt Nahid Taghavi einen Grossteil ihrer Zeit auf diese Weise. Nach zwei Jahren Haft ist jede Menge aufzuholen. «Für jemanden politisch so Interessierten wie sie ist das, wie wenn eine Verhungernde Essen bekommt», sagt Mariam Claren. «Sie kam raus und fragte: ‹Was ist denn im Kapitol in den USA passiert?› Und ich dachte nur: Krass, so lange warst du weg.»

Das politische Engagement der Mutter hat auch das Leben der Tochter geprägt. Zu Hause sei ständig das Wort «Siyaset» gefallen, Farsi für «Politik». «Ich konnte das nicht einordnen », erinnert sich Claren. «Als Kind habe ich immer gesagt, dass meine Mutter Politikerin ist.»

Bei dem Gedanken, dass ihre Mutter 40 Jahre später selbst zum Amnesty-Fall geworden ist, bekommt Claren Gänsehaut.

Taghavi wuchs als eines von fünf Kindern in einer weltoffenen Familie in Shiraz auf. Anfang der 1970er-Jahre schickten ihre Eltern sie nach Florenz, wo sie Architektur studierte. «Dort hat sie sich politisiert», sagt Claren. Ihre Mutter schloss sich einer exiliranischen Studierendenvereinigung an, kämpfte gegen die Monarchie im Iran und für den Sturz des Schahs. «Sie war zuständig für die politischen Gefangenen im Iran und hat eng mit Amnesty International in Italien zusammengearbeitet.» Bei dem Gedanken, dass ihre Mutter 40 Jahre später selbst zum Amnesty-Fall geworden ist, bekommt Claren Gänsehaut.

Mariam Claren wurde in Teheran geboren, hat den Iran aber nur als Baby erlebt. Anfang der 1980er-Jahre verliess ihre Mutter mit ihr das Land in Richtung Deutschland. Der Schah war zwar 1979 gestürzt worden, wie Taghavi es sich gewünscht hatte. Doch was danach kam, war für sie und viele andere noch schlimmer: ein repressives Regime mit strengen religiösen Regeln – «von der Schlangengrube in die Drachengrube », sagt Claren. «Die Generation meiner Eltern hat so sehr für eine Revolution gekämpft. Und dann war es eine verlorene Revolution.»

Mutter und Tochter lebten viele Jahre zu zweit in Köln. Clarens Vater war kurz nach ihrer Geburt bei einem Autounfall gestorben. Taghavi setzte ihr Engagement im Exil fort. Ihre Tochter bekam die Prinzipien der Mutter schon früh zu spüren. «Als Kind war ich oft genervt davon», sagt sie. «Meine Mutter ist Frauenrechtlerin und kämpft gegen das Patriarchat. Wenn man 16 ist und seinen ersten Freund mit nach Hause bringen will, kann das sehr anstrengend sein.»

Bei Familienurlauben gab es Kulturprogramm statt Strand, und schon in jungen Jahren bestand Taghavi darauf, ihrer Tochter das Unrecht auf der Welt zu zeigen. Das habe ihr nicht geschadet, sagt Claren heute. Sie habe ein starkes Selbstbewusstsein entwickelt, sich nie etwas gefallen lassen. «Als meine Mutter festgenommen wurde, ist etwas in mir erwacht. Ich wurde zur Aktivistin – als hätte all das, was sie mir beigebracht hat, in mir geschlummert.»

Nahid Taghavis Tochter gibt nicht auf: Mariam Claren. © zvg

Mitte der 2000er-Jahre reiste Taghavi wieder regelmässig in den Iran: erst ein, zwei Monate im Jahr, dann lebte sie halb hier, halb dort. War sie in Deutschland, wohnte sie bei ihrer Tochter in Köln. Auch im November 2020 wollte Taghavi wieder zu ihrer Tochter nach Deutschland reisen und die Weihnachtszeit mit ihr verbringen. Fast ein Jahr hatten die beiden sich nicht gesehen, der Ausbruch der Pandemie hatte die Reisepläne verzögert. «Mitte Oktober wollten wir gemeinsam nach Flugtickets schauen», sagt Claren. Doch dann war ihre Mutter zwei Tage unauffindbar. Claren erfuhr von ihrem Onkel, dass Taghavi festgenommen worden war.

«Die ersten Tage waren der Horror», erinnert sich Mariam Claren. Denn neben der rationalen, toughen Aktivistin ist sie immer noch auch eine Tochter, die sich bis heute wahnsinnige Sorgen um ihre Mutter macht: «Ich frage mich täglich, ob ich genug getan habe. Ich bin so wütend über das, was ihr angetan wird. Und zusätzlich vermisse ich sie einfach ohne Ende.» Schon seit fast zwei Jahren kämpft Claren für die Freiheit ihrer Mutter. Die ersten fünf Monate durfte sie nicht mit ihr sprechen, später dann immerhin fast täglich zehn Minuten mit ihr telefonieren.

Taghavi hat in der Haft stark abgenommen, mehrfach Bandscheibenvorfälle erlitten und Schlafstörungen entwickelt.

Im Juli kam dann ganz unerwartet die Mitteilung der Staatsanwaltschaft: Taghavi erhalte Hafturlaub, dürfe das Land aber nicht verlassen. Als Mutter und Tochter sich das erste Mal wieder im Videochat sahen, weinten beide lange. Taghavi hat in der Haft stark abgenommen, mehrfach Bandscheibenvorfälle erlitten und Schlafstörungen entwickelt. «Meine Mutter sagt immer: Körperlich hat man mich zerstört, aber nicht geistig», sagt Claren. Im Evin-Gefängnis, wo vor allem politische Gefangene inhaftiert sind, habe ihre Mutter zudem enge Freundschaften mit ihren Mitgefangenen geknüpft – ebenso wie Claren mit deren Familien.

«Jetzt müssen wir nur aufpassen, dass der Fall nicht in Vergessenheit gerät», sagt sie. Denn Taghavis Freiheit ist nur temporär, weitere acht Jahre Haft schweben wie ein Damoklesschwert über der Familie. Doch selbst wenn ihre Mutter eines Tages wirklich frei sei und in ein normales Leben zurückkehren könne – so wie früher werde es nie mehr werden. «Wir haben immer noch ein Mutter-Tochter-Verhältnis, aber es ist sehr viel Freundschaft dazugekommen.» Ihre Mutter sei unendlich dankbar, unfassbar stolz. «Sie sagt zwar immer, ihr sei klar gewesen, dass ich mit meinem Gerechtigkeitssinn nicht einfach untätig bleiben würde, aber dieses Ausmass hat sie wohl nicht erwartet.»