Selbstverteidigungsmilizionäre im Zentrum von Mali: Auch diese Milizen respektieren die Menschenrechte nicht immer. © Bettina Rühl
Selbstverteidigungsmilizionäre im Zentrum von Mali: Auch diese Milizen respektieren die Menschenrechte nicht immer. © Bettina Rühl

MAGAZIN AMNESTY AMNESTY-Magazin Dezember 2022: Right to love Zwischen den Fronten

Von Bettina Rühl. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2022.
Seit dem Abzug der französischen Truppen haben die Militärregierung und ihre russischen Partner das Sagen in Mali. Die Sicherheitslage bleibt instabil. Für die Zivilbevölkerung hat sich nicht viel verbessert – im Gegenteil.

Mamadou Traoré sitzt im Hof eines Hauses in Bamako, der Hauptstadt von Mali. Hier, in einem Vorort der 2- Millionen-Metropole, geht das Leben einen ruhigen Gang. Mamadou Traoré ist an diesem Nachmittag überhaupt nur hier, weil es in Bamako so friedlich ist. Der 27-Jährige ist Bauer und lebt in einem Dorf in der Nähe von Ségou, fast 400 Kilometer entfernt. Dort aber tobt ein komplexer Krieg zwischen mehreren islamistischen Gruppen und der malischen Armee, Konflikte zwischen unterschiedlichen Volksgruppen kommen hinzu. Eine Uno-Mission mit bis zu 13 300 Soldat*innen versucht seit 2013, bei der Stabilisierung des Landes zu helfen. Nach zwei Militärputschen 2020 und  2021 wird Mali von einer militärischen Übergangsregierung regiert, die im Dezember eine Sicherheitspartnerschaft mit Russland eingegangen ist. Seitdem gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Uno-Mission schwierig.

Mamadou-Traoré. © Bettina Rühl

Aber das ist nicht Traorés Thema. Der Bauer möchte erzählen, was der Krieg für die Bevölkerung bedeutet. Dafür ist er nach Bamako gekommen. Er zeigt ein Video, das er mit dem Handy aufgenommen hat. Zu sehen sind verbrannte Reisfelder, es müssen riesige Flächen sein. Die Aufnahmen sind verwackelt, Traoré hat vom fahrenden Motorrad aus gefilmt. Anzuhalten wäre viel zu gefährlich gewesen, sagt der Bauer. «Wir hatten den ganzen Reis auf unseren Feldern geerntet und wollten am nächsten Tag mit dem Dreschen anfangen», sagt er. «Diesen Moment haben die Islamisten abgepasst. Sie sind gekommen, haben unsere Ernte mit Benzin übergossen und alles verbrannt. »

Verbrannte Ernte

Das sei im Januar gewesen, sagt Traoré. Die Islamisten hätten nicht nur seine komplette Reisernte zerstört, sondern die Lebensmittelreserven der Menschen in drei Kommunen im Zentrum von Mali. Die Gegend im Binnendelta des Niger-Flusses ist fruchtbar, wird vor allem für den Reisanbau genutzt und ist die Kornkammer des Landes – oder besser gesagt: Sie könnte es sein, wenn Frieden herrschte. Wegen der anhaltenden Konflikte fallen viele Ernten aus, hinzu kommen die Folgen der Klimakrise. Mali und andere Länder der Region leiden derzeit unter einer schweren Dürre. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind in Mali 1,8 Millionen Menschen von Hunger bedroht und brauchen dringend Lebensmittelhilfe.

Mamadou-Coulibaly. © Bettina Rühl

«Als ich gesehen hatte, dass ich meine komplette Ernte verloren habe, ging es mir furchtbar», sagt Traoré. «Das kannst du dir ja vorstellen: die ganze Zeit und Arbeit, die ich investiert hatte – und binnen einer Minute ist alles weg. Seitdem überleben wir nur mit Mühe.» Die Bevölkerung hungere, ergänzt sein Freund Mamadou Coulibaly. Coulibaly ist mehr als doppelt so alt wie Traoré und wohnt in einem Nachbardorf, auch seine komplette Ernte haben die Islamisten Anfang des Jahres verbrannt. «Ich weiss nicht, was die Islamisten damit erreichen wollen, dass sie unsere Felder abbrennen», rätselt Coulibaly. «Ich glaube aber, dass sie die Bevölkerung aushungern wollen, damit wir uns ihnen unterwerfen.»

Abgeschottet und gefährlich

Die Region, in der Traoré und Coulibaly leben, ist für unabhängige Beobachter*innen inzwischen so gut wie unzugänglich. Erst recht für weisse, europäische Pressevertreter* innen. Das Risiko, als Ausländer* in von einer der islamistischen Gruppen entführt zu werden, ist gross. Hinzu kommt: Die militärische Übergangsregierung will Journalist*innen von den Konfliktgebieten fernhalten. Es gibt zahlreiche militärische Strassensperren, um unerwünschte Beobachter*innen abfangen zu können. Traoré und Coulibaly sind deshalb für das Gespräch nach Bamako gekommen. So angespannt die Lage auch ist, die beiden sehen einen Fortschritt. «Seit einigen Monaten sind bei uns viel mehr Soldaten», berichtet Traoré. «Unsere Armee ist jetzt überall, sie gibt uns Sicherheit.» Traoré und sein Freund Coulibaly sind zuversichtlich, dass sie bald wieder auf ihren Feldern arbeiten können, ohne damit ihr Leben zu riskieren – die nächste Aussaat steht kurz bevor.

Auch der Soziologe Fodie Tanzigoura, der an der Universität von Bamako lehrt, sieht positive Entwicklungen, seit die militärische Übergangsregierung von Mali im Dezember eine sogenannte Sicherheitspartnerschaft mit Russland eingegangen ist. Die Regierung beziehungsweise die Armee reagiere heute deutlich schneller auf Anschläge, Überfälle oder gezielte Tötungen durch islamistische Gruppen.

Die Frage ist allerdings: Gegen wen gehen die malische Armee und ihre russischen Verbündeten vor? Wirklich nur gegen Mitglieder islamistischer Terrorgruppen – oder auch gegen zu Unrecht Verdächtigte?

Mit Beginn der russischen Präsenz habe die Zahl der schweren Menschenrechtsverletzungen um fast 50 Prozent zugenommen, sagt Alioune Tine, Uno-Beobachter.

Der malischen Regierung zufolge sind nur russische Militärs im Land, keine Söldner. Dagegen gehen Expert*innen inzwischen von rund 1000 russischen Söldnern in Mali aus. Die Krisenbeobachter* innen der regierungsunabhängigen Organisation ACLED (Armed  Conflict Location & Event Data Project) halten es für gesichert, dass Wagner-Söldner an Einsätzen von Regierungstruppen beteiligt sind – und noch brutaler vorgehen als die malischen Soldaten, denen Menschenrechtsgruppen und Überlebende ebenfalls regelmässig schwere Menschenrechtsverletzungen vorwerfen.

Das-Marktviertel-der-malischen-Hauptstadt-Bamako.jpg Hier ist die Lage ruhig: Das Marktviertel in der Hauptstadt Bamako. © Bettina Rühl

Laut ACLED sind insgesamt fast 500 Zivilist* innen bei Einsätzen getötet worden, an denen Wagner-Söldner teilnahmen. Mehr als 70 Prozent der Wagner-Einsätze hätten sich gegen Zivilpersonen gerichtet. Laut dem Africa Center for Strategic Studies in Washington besteht wenig Hoffnung für Traoré und seine Freunde: Die Forschungseinrichtung kommt zum Schluss, dass sich die Sicherheitslage seit der Machtübernahme durch die Militärjunta im August 2020 extrem verschlechtert hat. Militante Gruppen dringen immer näher an die Hauptstadt Bamako heran, es kommt im Radius von 150 Kilometern um die Hauptstadt immer häufiger zu blutigen Anschlägen. Die Zahl der getöteten Zivilist* innen liege bereits höher als in den Vorjahren, sagt die Forschungseinrichtung.

Mit Beginn der russischen Präsenz habe die Zahl der schweren Menschenrechtsverletzungen um fast 50 Prozent zugenommen, so Alioune Tine, Uno-Beobachter.

Nach dem Ende der Militäroperation kehren die islamistischen Gruppen häufig zurück und rächen sich an der Bevölkerung, die sie der Kooperation mit der Armee beschuldigen.

Ob das auch am brutaleren Vorgehen der russischen Bewaffneten liegt, ist unklar. Der unabhängige Uno-Beobachter Alioune Tine reiste im August im Auftrag der Uno-Mission Minusma zwei Wochen lang durch Mali, um sich einen Eindruck von der Lage zu verschaffen. Insgesamt sind die Ergebnisse in seinem Bericht alarmierend, trotz der leichten Stabilisierung in einigen Zonen im Zentrum des Landes. Die Sicherheitslage habe sich in rasantem Tempo weiter verschlechtert. Und: Mit Beginn der russischen Präsenz habe die Zahl der schweren Menschenrechtsverletzungen um fast 50 Prozent zugenommen. Die russischen Truppen scheinen nach der Methode vorzugehen: Wenn sie ganze Dörfer entvölkern, dann sind unter den Toten vermutlich auch die gesuchten Islamisten. Zudem sind die militärischen Erfolge oft nicht von Dauer. Nach dem Ende der Militäroperation kehren die islamistischen Gruppen häufig zurück und rächen sich an der Bevölkerung, die sie der Kooperation mit der Armee beschuldigen.

Im Hin und Her der Offensiven bezahlt die Zivilbevölkerung einen blutigen Preis: Beide Seiten verdächtigen sie, mit der jeweils anderen zusammenzuarbeiten. Ohne dass lange nach Belegen für diese Beschuldigung gesucht würde, werden Verdächtige kurzerhand getötet: von Islamisten, von malischen Sicherheitskräften und von deren russischen Verbündeten.