Buchbesprechung Gefangen im rechtsfreien Raum

James Pastouna hat mit Gefangenen und Freigelassenen, mit Gefangenenwärtern und AnwältInnen gesprochen und so ein vielschichtiges und glaubwürdiges Buch über die skandalösen Zustände im Gefangenenlager auf Guantánamo Bay geschrieben.

«Ich denke, es spricht für den amerikanischen Charakter, dass wir diese Menschen human behandeln, ihnen die beste medizinische Betreuung geben, die wir bieten können, und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Religion frei auszuüben, obwohl sie uns hassen und uns angegriffen haben.» Diese Worte stammen von Brigadier James Payne, der als Kommandant über das Gefangenenlager von Guantánamo Bay auf Kuba wacht. Das Gespräch mit Payne ist eines der vielen Puzzle-stücke, welche James Pastouna in seinem Buch «Guantánamo Bay – Gefangen im rechtsfreien Raum» zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Dieses besagt, dass die seit 2002 in Guantánamo festgehaltenen, zur Hauptsache muslimischen «ungesetzlichen Kämpfer» einer Sonderbehandlung unterzogen werden, die so gar nicht in das Bild passen will, welches Brigadier Payne und andere zeichnen. Pastouna, der für das deutsche Fernsehen über Guantánamo recherchierte, schildert in seinem Buch die Schicksale von Männern, die entweder irrtümlich in US-amerikanische Gefangenschaft gelangt sind oder dort ohne klare Beweislage festgehalten und verurteilt wurden. Sie gerieten unter Verdacht, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Nagende Ungewissheit

Da ist die Geschichte von Abassin, dem Taxifahrer aus Kabul. Abassin war 13 Monate in Guantánamo, weil er in seinem Taxi einen ihm unbekannten Mann, den Cousin eines Warlords, befördert hatte und dabei kontrolliert wurde. In Guantánamo wurde Abassin Opfer eines Haftregimes, das darauf ausgerichtet ist, möglichst viele Informationen aus den Gefangenen herauszupressen. Ihm wurde die Intimsphäre entzogen, er musste stundenlang knien, zu jeder Tages- und Nachtzeit die immer gleichen Fragen beantworten und er wurde ständig grellem Licht ausgesetzt.

Was bringt die Zukunft?

Abassin sagt: «Das Allerschlimmste in Guantánamo war, dass man nicht wusste, was mit einem geschehen würde. Was die Zukunft bringt, wann und ob man wieder freigelassen würde.» Irgendwann stellten die Ermittler fest, dass gegen Abassin nichts vorlag, und liessen ihn frei. Es gab keine Entschädigung und auch keine Entschuldigung.

Mit seinem Buch zeigt James Pastouna auf, dass viele Aspekte des Haftregimes auf Guantánamo gesetzlich auf dünnen Beinen stehen oder aber die Gesetze – allen voran die Genfer Konventionen und die Menschenrechte – krass verletzen. Dabei nimmt er wiederholt Bezug auf Berichte von Human Rights Watch und Amnesty International (AI). Den Anstoss zu seinen Nachforschungen über Abassin hat ein Bericht von AI gegeben.

Obgleich Pastouna in seinem Buch bereits mit düsteren Vorahnungen an Guantánamo herangeht, bleiben seine Schlussfolgerungen glaubhaft. Dies ist der Tatsache zu verdanken, dass Pastouna verschiedenste Quellen zur Sprache kommen lässt – Häftlinge und Freigelassene, deren Angehörige, Gefängnispersonal oder Anwäl-tInnen – und immer wieder mit hartnäckigen Fragen gegen das Schweigen und die Beschönigungsversuche der Behörden antritt.

Auch nach der Lektüre der informativen Anhänge über Guantánamo, das Völkerrecht und die Religion von Marcus Pyka, Knut Ipsen und Markus Wriedt bleiben viele Fragen zurück. Etwa die, ob die unmenschliche Behandlung von Muslimen in Guantánamo – ob schuldig oder unschuldig – nicht zum Nährboden für neuen Terror wird.


James Pastouna
Guantánamo Bay. Gefangen im rechtsfreien Raum.
Hamburg 2005. Europäische Verlagsanstalt. CHF 26.80

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom August 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨