Carlos Martinez Hinter der Stille verbergen sich so viele Worte

«Nach den Aufführungen von «Human Rights» kamen die Zuschauer zu mir und fragten: Was kann ich tun? Ruft Amnesty International an, antwortete ich ihnen.» Der spanische Pantomimekünstler Carlos Martínez kommt mit seiner mimischen Umsetzung der Menschenrechtserklärung in die Schweiz.


Amnestie!: Sie setzen die Allgemeine Menschenrechtserklärung um, ohne ein Wort zu sprechen. Finden Sie die 30 Artikel in schriftlicher Form zu kompliziert?

> Carlos Martínez (lacht): Nun, ich würde sie nicht als «kompliziert» bezeichnen, doch wenn du die Menschenrechtserklärung mit all diesen Artikeln zum ersten Mal siehst, dann denkst du automatisch: «Uff, das ist zu viel!» Du liest dann vielleicht die ersten zwei oder drei Artikel und verlierst dann die Geduld und springst direkt zu Artikel 30. Und du denkst: «Ich vertraue Amnesty International und der Uno, die werden das schon richtig machen.» Und das ist es dann gewesen.

Wie ist das Stück entstanden? Was war seine Entstehungsgeschichte

> Alles hat mit einem Theaterstück angefangen. Meine Theatertruppe in Barcelona hat 1997 ein Stück aufgeführt, das auf der Allgemeinen Menschenrechtserklärung basierte – damals waren wir sehr überrascht, dass niemand zuvor daran gedacht hatte, so ein Stück zu schreiben. Wir haben dieses Stück drei Jahre lang in verschiedenen Ländern aufgeführt, immer in der Landessprache. Die Sprachbarriere in den verschiedenen Ländern war dann aber so gross, dass wir 1999 aufgehört haben. Erst vor zwei Jahren kam ich dann auf die Idee, eine pantomimische Version des Stücks zu schreiben und so die Sprachbarrieren zu überwinden.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Artikel aus der Menschenrechtserklärung ausgesucht, die Sie im Stück thematisieren?


> Normalerweise bestehen meine Aufführungen aus kleinen Stücken, die meist nicht länger sind als drei oder vier Minuten, denn eine Pantomimeaufführung verlangt grosse Konzentration auf Seiten des Publikums. Das Publikum muss nämlich «mit den Augen zuhören» und das sind wir nicht gewohnt. Die Menschenrechtserklärung war also perfekt, denn sie ist in kleine «Geschichten» aufgeteilt. Das hat mir die Umsetzung sehr erleichtert.

Bei der Auswahl der einzelnen Artikel mussten wir natürlich auch auf die Dramaturgie des Stücks Rücksicht nehmen. Die ersten paar Artikel der Erklärung sind nämlich sehr tragisch, sehr fundamental, die folgenden werden dann «leichter». Das Recht auf Leben zum Beispiel kann ja nicht mit dem Recht auf bezahlten Urlaub verglichen werden.

Wir hätten nun im Stück mit den «leichteren» Themen anfangen und dann zu den «schwereren» übergehen können. Das wollten wir aber nicht, da wir die Reihenfolge der Artikel beibehalten wollten Ausserdem war es unser Ziel, dass das Publikum den Saal nicht niedergeschlagen verlässt, sondern mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Und das haben wir geschafft.

Hauptinhalt von «Human Rights» ist die fehlende oder mangelhafte Umsetzung der Menschenrechte: Sind Sie sozusagen als Botschafter für eine bessere Welt unterwegs?

> Wie Shakespeare schon gesagt hat, ist das Theater ein Spiegel unserer Gesellschaft. Mein Ziel ist es, dem Publikum einen Spiegel vorzuhalten, in dem es sehen kann, wo wir stehen. Ich möchte niemandem vorschreiben, was und wie etwas zu tun ist, ich sehe mich als eine stille Stimme, die sagt: «He, obwohl wir die Menschenrechtserklärung haben, ist noch nicht alles so wie es sein sollte.» Ich möchte die Menschen zum Nachdenken über mein Stück und damit auch über die Menschenrechtserklärung anregen.

Am Anfang stellen Sie pantomimisch dar, wie das Recht auf Leben verletzt wird, indem Neugeborene selektioniert und erschlagen werden, wenn Sie nicht der Norm entsprechen. Befürchten Sie nicht, dass Sie mit solchem Ihr Publikum emotional überfordern?

> Ja, das ist so. Meine Regisseurin hat zu mir gesagt: «Ich möchte, dass die ersten drei Stücke so emotional sind, dass das Publikum sich überlegt, den Raum zu verlassen. Ich möchte am Anfang eine solche Spannung erzeugen, dass die Menschen alle Hoffnung verlieren und ihnen dann im Laufe des Stücks diese Hoffnung zurückgeben.» Und das haben wir getan. Für mich war es am Anfang wahnsinnig schwer, die ersten drei Stücke zu spielen und ich muss zugeben, dass ich, besonders beim ersten Stück, bei den ersten Aufführungen geweint habe. Es ist sehr berührend, da ich nichts auf der Bühne habe, keine Gegenstände, gar nichts, alles findet in der Phantasie des Zuschauers statt. Die Wirklichkeit ist meist weit schlimmer ist als mein Stück, nur verschliessen wir zu oft die Augen davor.

Andere Artikel setzen Sie sehr humoristisch mit Slapstick-Einlagen um. Besteht da nicht die Gefahr, dass sich jemand verletzt fühlen könnte, etwa wenn Sie die Weltreligionen auf einer Messe mit ihren Heilsbotschaften werben lassen?

> Hier haben meine Regisseurin und ich wieder viel diskutiert. Wir haben versucht, die Religionsfreiheit mit sehr viel Respekt umzusetzen. Wir möchten natürlich unterhalten, die Menschen zum Nachdenken anregen, aber keinesfalls beleidigen. Auf meiner Messe der Weltreligionen kann man sich Religionen ansehen, testen und nach einer passenden Religion suchen. Ich denke, dass viele Menschen uns nicht erlauben, zu suchen. Und doch haben wir das Recht, nach einer Religion zu suchen, oder, wie der Artikel sagt, unsere Religion auch zu ändern.

Sie werden nun in diesem Herbst eng mit Schweizer Lokalgruppen von Amnesty International zusammenarbeiten. Haben Sie eine besondere Beziehung zu unserer Organisation?

> 1997, bei der Vorbereitung für das Theaterstück, habe ich sehr viel recherchiert, da ich wirklich nicht sehr viel über die Menschenrechte wusste. Ich wusste, dass es AI und die Uno gab, aber nicht viel mehr. Ich habe dann mit AI Kontakt aufgenommen und war beeindruckt vom Wissen und auch vom umfangreichen Material, das mir zur Verfügung gestellt wurde. Nach den Aufführungen von «Human Rights» kamen die Zuschauer dann zu mir und fragten mich: «Was kann ich tun?» Und ich habe geantwortet: «Ruft AI an.» Ich habe AI gebeten, nach den Aufführungen einen Tisch mit Material aufzustellen, da diese Menschen sehr motiviert waren, etwas zu tun.

Sie machen auch Workshops in. Wie sind Ihre Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, wie reagieren sie auf das Stück?

> Für viele ist es das erste Mal, dass sie Pantomime sehen und wenn ich ihnen in den Workshops meine Techniken zeige, dann sind sie wie Kinder, die zum ersten Mal Schnee berühren. Sie sind immer erstaunt über die Kraft der Kommunikation ohne Worte. Das ist auch für mich eine schöne Erfahrung, es ist wunderbar, ihre Augen grösser und grösser werden zu sehen.

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom August 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨