Kosovo Mit Haut & Haaren

Der Kosovo hat sich zum Zentrum des internationalen Frauenhandels entwickelt. Auch die Präsenz Tausender von Uno-PolizistInnen kann daran bislang wenig ändern.

Den Schmugglern ist es völlig egal, was sie machen, Hauptsache, es bringt Geld. Die Grenzwächter im Kosovo haben schon vieles gesehen: Waffen und Drogen, alkoholische Getränke, Zigaretten und gestohlene Autos. Dazu CDs und Lastwagen voll beladen mit tiefgekühlten Hühnern. Und Menschen: Kinder, die in der Stadt für ihren «Besitzer» betteln gehen müssen. Mädchen und junge Frauen, bestimmt für die Prostitution.

Der Kosovo ist ein Durchgangsgebiet: Viele Menschen und Güter werden von hier aus für den Weitertransport in verschiedene europäische Länder und in arabische Staaten nach Albanien gebracht. Aber in zunehmendem Masse wird der Kosovo selbst zum Zielort. Mit dem Ende des Krieges im Jahre 1999 kamen Gelder für den Wiederaufbau ins Land und die Vertreter dieser Geberländer, um die Verteilung dieser Gelder zu koordinieren: Nato-Truppen, Uno-Verwalter, internationale Bauunternehmer, Hilfsorganisationen. Zehntausende von «Internationalen» mit fetten Löhnen, die sich Frauen und andere «Genussmittel» problemlos leisten können.

Geografie und politischer Status des Kosovo kommen den Schmugglern entgegen. Solange noch nicht über die Zukunft des Kosovo entschieden ist, steht die serbische Provinz unter Unmik-Verwaltung (United Nations Missions in Kosovo) und wird von den KFOR-Truppen militärisch geschützt. Gesetze gegen den Schmuggel oder eine Visumspflicht gibt es nicht.

Katz und Maus

Im November 2000 gründete die Unmik die Police Trafficking and Prostitution Unit (TPIU). Sie soll Personen überführen, die verdächtigt werden, an Schmuggel und Frauenhandel beteiligt zu sein. Seither spielen die «Internationalen» und die Schmugglermafia Katz und Maus. Die Prostitution ist nach dem im Kosovo immer noch geltenden serbischen Recht verboten, deshalb nennen die Bordellbesitzer ihre Etablissements Motel, Club oder Coffeebar. Die Prostituierten sind offiziell als Zimmermädchen, Serviererinnen oder Tänzerinnen angestellt. Wenn die TPIU einen Verdacht gegen ein gewisses Etablissement hegt, zieht der Zuhälter in immer neue Privatappartements um.

«Wir verpflichten die Inhaber der verdeckten Bordelle, jede ausländische Frau, die sie anstellen, bei TPIU registrieren zu lassen», sagt der Engländer Chris Lofthouse, Ermittler bei TPIU. «Wir fragen alle Frauen so eindringlich wie möglich, ob sie freiwillig in den Kosovo gekommen sind und ob sie gezwungen werden, nebst Getränken auch sich selbst zu servieren. Wir haben noch nie erlebt, dass eine Frau in diesem Moment weich wird und um Hilfe bittet. Uns bleibt nichts anderes übrig, als ihnen ein Kärtchen mit unserer Telefonnummer mitzugeben, für den Fall, dass sie sichs anders überlegen.»

Viele von den in den Kosovo geschmuggelten Frauen wollen gar nicht gerettet werden, glaubt die International Organisation für Migration (IOM). Im Kosovo hat die Organisation seit Ende des Krieges 450 Frauen geholfen, die sich bei der Polizei meldeten und vor ihren «Eigentümern» flüchten wollten. Die IOM bietet ihnen Unterkunft und hilft ihnen, ihre Rückreise zu organisieren. «Aber immer weniger Frauen nutzen diese Chance, weil ihnen zu Hause noch grösseres Elend droht als hier», sagt IOM-Managerin Tatiana Sullini.

Geschichten ähneln sich

Die Geschichten, die die Frauen erzählen, ähneln sich. In der Hoffnung auf Arbeit im Westen lassen sie sich von Menschenhändlern leicht überreden. Die Reise endet in einem Bordell, im Kosovo oder irgendwo sonst auf der Welt. Wenn sie Glück haben, ist es dort, wo sie landen, einigermassen sauber und sie erhalten einen «Lohn». Haben sie Pech – wie die meisten – , dann besteht ihr Leben von jetzt an aus einer Hölle von Gefangenschaft, Vergewaltigung, Bedrohung und Krankheit. Obwohl die meisten Frauen die Risiken kennen, ist zu Hause bleiben für sie keine Alternative.

Meistens handelt es sich um allein stehende Mütter aus armen Ländern. Moldawien, Bulgarien und die Ukraine sind die grössten «Lieferanten». Die durchschnittlichen Monatsgehälter liegen dort zwischen 10 und 30 Euro. Nur mit Hilfe der Grossfamilie können sie überleben. Doch die meisten kommen aus zerbrochenen Familien. Die eigene Familie ist oftmals selbst «der Feind». 80 Prozent der Frauen, mit denen wir gesprochen haben, sind sogar über die Familie oder über «gute Bekannte» in die Hände der Menschenhändler geraten, durch Tanten oder Freundinnen. Auch durch die Eltern:
Mädchen werden manchmal mit Zuhältern verheiratet, um Familienschulden zu begleichen.

Hunderte von Bordellen

Im Kosovo gibt es Hunderte von Bordellen. Auf dem Lande sind sie noch zahlreicher als in der Hauptstadt. Die Namen suggerieren internationales Flair: Miami Beach Club, Hotel California, Hollywood Bar, Club Aroma. Manche Bordelle sind drei Stockwerke hoch und eben erst fertiggestellt, andere sind vergammelte alte Snackbars in Buden von wenigen Quadratmetern Grösse. In traurig stimmender Atmosphäre: abgelegene Industriegebiete, im Angesicht von leer stehenden Fabrikhallen, eingeklemmt zwischen stinkenden Tankstellen und dem Grosshandel von Baumaterialien.

Police Street in Pristina, wo Tausende von Polizisten der Unmik ihre Büroräume haben und die Lunchrestaurants füllen. Etwa 25000 PolizistInnen aus 47 Nationen leisten Dienst für Unmik und KFOR. Mit durchschnittlich einem «Internationalen» pro Quadratkilometer scheint der Kosovo gut ausgerüstet zu sein. Aber gegen die bestehenden Netzwerke aus serbischen, albanischen, kosovo-albanischen und mazedonischen Kriminellen können sie nichts ausrichten.

Erfolgreiche Liste

Um der Mafia möglichst viele Unannehmlichkeiten zu bereiten, haben die internationalen Organisationen Dutzende Clubs und Bars zum Sperrgebiet erklärt. Dort dürfen sich Unmik- und KFOR-Mitglieder nicht aufhalten. Als Strafe droht direkte Entlassung. Beim geringsten Verdacht wird der Name eines Clubs der Liste angefügt. «Wenn ein Laden mit vier Tischen von vier Serviererinnen bedient wird, ist das für uns schon verdächtig. So ein Club kommt auf die Liste, und der Inhaber muss seine Unschuld erst einmal beweisen. Das stört sie sehr, weil die ‹Internationalen› ihre am besten bezahlenden Kunden sind», sagt Lofthouse. Die Liste ist ein grosser Erfolg. Inzwischen besteht die Kundschaft der Bordelle nach Angaben von IOM und ausländischen NGOs zu 80 Prozent aus einheimischen Männern.

An der Wand der TPIU-Betriebsräume in Pristina hängt ein von der Feuchtigkeit gewelltes A4-Blatt. «Wanted» steht mit Filzstift unter einem vergrösserten Passfoto. Ive wird gesucht, ein Mädchen aus Sarajevo. 16 Jahre jung war sie, als sie verschwand. Wenn sie noch lebt, ist sie jetzt 18. Ive hatte eine Verabredung mit irgendeinem Mann mit albanischem Akzent, der ihr eine Stelle in der Schweiz versprach. Nach dieser Verabredung ist sie nie wieder heimgekehrt.

«TPIU ist nicht aktiv auf der Suche nach diesem armen Mädchen», sagt Lofthouse. «Es gibt so unendlich viele Ives, und es gibt keine systematische Fahndungsmethode in diesem Teil der Welt.» Er hat das Suchbild trotzdem aufgehängt. «Man weiss ja nie, ob wir ihr nicht zufällig begegnen.»

Erschienen im Magazin AMNESTIE! vom August 2005
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion¨