In der Stadt Ganja wurden am 11. Oktober 2020 beim Einschlag einer ballistischen SCUD-B-Rakete, die von armenischen Streitkräften abgefeuert worden war, 10 Zivilpersonen getötet. ©AI
In der Stadt Ganja wurden am 11. Oktober 2020 beim Einschlag einer ballistischen SCUD-B-Rakete, die von armenischen Streitkräften abgefeuert worden war, 10 Zivilpersonen getötet. ©AI

Armenien/Aserbaidschan Zahlreiche Tote durch völkerrechtswidrigen Waffeneinsatz im Konflikt um Berg-Karabach

Medienmitteilung 14. Januar 2021, London/Bern – Medienkontakt
Der wiederholte Einsatz und wenig zielgenauen Waffen durch die armenischen und aserbaidschanischen Streitkräfte, darunter Streubomben und Sprengwaffen mit grossflächiger Wirkung in zivilen Wohngegenden, verstösst nach Ansicht von Amnesty International gegen das humanitäre Völkerrecht. Er hat im jüngsten Konflikt um Berg-Karabach zahlreiche Tote und Hunderte Verletzte in der Zivilbevölkerung verursacht und Häuser und wichtige Infrastruktur zerstört.

Der neue Amnesty-Bericht «In the Line of Fire: Civilian casualties from unlawful strikes in the Armenian-Azerbaijani conflict over Nagorno-Karabakh» basiert auf Recherchen vor Ort, bei denen Handlungen beider Konfliktparteien untersucht wurden. Der Bericht beschreibt 18 Angriffe durch armenische und aserbaidschanische Streitkräfte, bei denen völkerrechtswidrig Zivilpersonen getötet wurden. Insgesamt verloren bei dem 44-tägigen Konflikt zwischen Ende September und Anfang November 2020 mindestens 146 Zivilpersonen ihr Leben, darunter auch mehrere Kinder und ältere Menschen.

«Mit dem Einsatz dieser ungenauen und tödlichen Waffen in der Nähe ziviler Gebiete haben die armenischen und aserbaidschanischen Streitkräfte gegen das Völkerrecht verstossen und Geringschätzung von Menschenleben bewiesen» Marie Struthers, Expertin für Osteuropa und Zentralasien bei Amnesty International.

«Mit dem Einsatz dieser ungenauen und tödlichen Waffen in der Nähe ziviler Gebiete haben die armenischen und aserbaidschanischen Streitkräfte gegen das Völkerrecht verstossen und Geringschätzung von Menschenleben bewiesen», sagt Marie Struthers, Expertin für Osteuropa und Zentralasien bei Amnesty International.

«Zivilpersonen wurden getötet, Familien auseinandergerissen und unzählige Häuser zerstört, weil alle Konfliktparteien ungenaue Waffen auf Dörfer und Städte gerichtet haben.»

Es ist davon auszugehen, dass die Zahl der Opfer unter der Zivilbevölkerung noch höher wäre, wenn bei Ausbruch des Konflikts nicht bereits so viele Menschen aus den betroffenen Gebieten geflüchtet oder in Kellern Zuflucht gesucht hätten.

Amnesty-Recherchen an den Orten der Angriffe

Nach dem Drei-Parteien-Abkommen vom 10. November 2020, das dem Konflikt ein Ende setzte, hat Amnesty International Ende November und Anfang Dezember 2020 Dutzende Schauplätze von Angriffen in Aserbaidschan und Armenien besucht.

Dort befragte Amnesty 79 Überlebende, Augenzeug*innen und Angehörige von Zivilpersonen, die bei den Angriffen ums Leben kamen, ausserdem Angehörige ziviler und militärischer Behörden, NGO-Mitarbeitende und Medienschaffende.

Das Krisenteam von Amnesty International analysierte Trümmer der bei den Angriffen verwendeten Munition und untersuchte Videos, Fotos und Satellitenbilder, die während des Konflikts gemacht wurden.

«Unsere Recherchen ergaben ein Muster an wahllosen und unverhältnismässigen Angriffen von beiden Seiten, bei denen Zivilpersonen getötet und verletzt sowie zivile Objekte beschädigt wurden. Es gab wiederholt Angriffe auf zivile Wohngebiete weitab der Frontlinien, in deren Nähe es häufig auch keine militärischen Angriffsziele zu geben schien», so Marie Struthers.

Angriffe durch aserbaidschanische Streitkräfte

Amnesty International dokumentierte neun Angriffe durch aserbaidschanische Streitkräfte in der Region Berg-Karabach und einen in Armenien, bei denen insgesamt 11 Zivilpersonen ums Leben kamen. Örtlichen De-facto-Behörden zufolge wurden bei dem Konflikt mindestens 53 Angehörige der armenischen Zivilbevölkerung getötet.

Ein besonders häufiges Angriffsziel war Stepanakert, die wichtigste Stadt der Region. Sie wurde zuweilen mehrmals täglich beschossen. Einige der Angriffe erfolgten mit Waffen, die wegen ihrer Ungenauigkeit bekannt sind, darunter 122-mm-Grad-Raketen und international verbotene Streubomben.

Bei einer Reihe von Angriffen am 4. Oktober wurden vier Zivilpersonen getötet und ein Dutzend weitere verletzt.

Ein unabhängiger Waffenexperte identifizierte Munitionssplitter, die Amnesty International vor Ort gesichert hatte, als «wahrscheinliche Teile einer ballistischen EXTRA-Rakete», einer israelischen Waffe, von der bekannt ist, dass sie an Aserbaidschan verkauft wurde.

Am gleichen Tag wurden noch weitere Gebiete um die Stadt getroffen, darunter auch in der Nähe einer nicht mehr länger in Betrieb befindlichen Schule sowie des Büros des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz.

Bei anderen Angriffen auf Stepanakert sah es so aus, als würden aserbaidschanische Streitkräfte vorsätzlich auf wichtige Infrastruktur zielen, unter anderem auf den staatlichen Notfalldienst, einem grossen Gebäudekomplex am Ostrand der Stadt.

Angriffe durch armenische Streitkräfte

Amnesty International dokumentierte acht Angriffe durch armenische Streitkräfte auf Dörfer und Städte in Aserbaidschan, bei denen insgesamt 72 Zivilpersonen ums Leben kamen.

In der Stadt Ganja wurden am 17. Oktober 2020 beim Einschlag einer ballistischen SCUD-B-Rakete im Viertel Mukhtar Hajiyev 21 Zivilpersonen getötet und mehr als 50 verletzt. Sudaba Asgarovas Tochter Nigar kam bei dem Angriff ums Leben, einen Tag vor ihrem 15. Geburtstag. «Sie war mein einziges Kind. Sie war alles, was ich hatte», erzählte Sudaba Asgarova Amnesty International.

Ramiz Gahramanov (64) berichtete Amnesty International, dass seine Tochter Khatira (34) und ihr Sohn Orhan (11) sowie ihre beiden Töchter Maryam (6) und Laman (18) bei dem Angriff ebenfalls ihr Leben verloren.

Am 27. Oktober wurden fünf Personen getötet und 14 verletzt, als armenische Streitkräfte einen Streubombenangriff auf das Dorf Qarayusufli starteten, der grosse Schäden an Häusern verursachte. Zu den Todesopfern gehörte auch die siebenjährige Aysu Iskandarli, die gerade im Garten auf der Schaukel gespielt hatte.

Armenische Streitkräfte feuerten am 28. Oktober auch mehrere grosskalibrige Raketen auf die Stadt Barda ab, die mehr als 20 Kilometer von der Frontlinie entfernt liegt. Drei Raketen landeten im Stadtzentrum, zwei davon jeweils in der Nähe eines Krankenhauses. Die dritte – eine 9M55 Smerch aus russischer Produktion mit Streumunition vom Typ 9N235 mit 72 Stück Submunition – landete mitten in einem belebten Kreisverkehr und tötete 21 Zivilpersonen.

Am 27. Oktober, dem Tag, als der Konflikt begann, starteten armenische Streitkräfte einen Artillerieangriff in Gashalti bei Naftalan. Dabei wurden fünf Angehörige der Familie Gurbanov getötet und ein Teil ihres Hauses zerstört. Bakhtiar Gurbanov, der neben seinen Eltern auch die Frau seines Bruders, seinen Neffen und seine Nichte verlor, erzählte Amnesty International Folgendes: «Unsere Familie wurde zerstört. Wir hatten vor dem Krieg mit der Renovierung unseres Hauses begonnen, jetzt ist es für uns hier unerträglich geworden.»

Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung

«Die armenischen und aserbaidschanischen Behörden müssen sofort unparteiische Untersuchungen zum unerbittlichen und oft rücksichtslosen Einsatz schwerer Sprengstoffwaffen durch ihre Streitkräfte in zivilen Wohngebieten einleiten. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Ausarbeitung von Sicherheitsvereinbarungen durch die armenische und die aserbaidschanische Führung ist es wichtig, dass die Verantwortlichen für diese Übergriffe schnell zur Rechenschaft gezogen werden und die Opfer eine Entschädigung erhalten», sagt Marie Struthers.

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