Besichtigung eines Waggons, in welchem Gefangene transportiert werden. © Tverskoi Vagonostroitelny Zavod
Besichtigung eines Waggons, in welchem Gefangene transportiert werden. © Tverskoi Vagonostroitelny Zavod

Gefangenentransporte in Russland Ein Erbe des Gulag

24. Oktober 2017
Gefangene in Russland werden in überfüllten Eisenbahnwaggons aus der Sowjetzeit über Tausende Kilometer in entlegene Straflager des Landes verfrachtet. Ein neuer Bericht von Amnesty International deckt auf, wie Häftlinge dabei erniedrigt und ihrer Rechte beraubt werden.

Es sind Praktiken, die an die dunkle Zeit des Gulag erinnern: «In den Zügen werden Häftlinge in kleine Zellen gequetscht, ohne Lüftung oder Tageslicht. Sie erhalten kaum Wasser. Nur selten und unregelmässig dürfen sie zur Toilette», sagt Denis Krivosheev, stellvertretender Direktor für Europa und Zentralasien bei Amnesty International.

Der Bericht «Prisoner transportation in Russia: Travelling into the unknown.» (Gefangenentransporte in Russland. Eine Reise in Unbekannte) dokumentiert die unmenschlichen Bedingungen, denen sowohl Männer als auch Frauen auf den Transporten ausgesetzt sind.

In Waggons gepfercht

 Die Gefangenen werden in speziellen Gefängniswaggons namens «Stolypins» befördert, von denen viele aus der Sowjetzeit stammen. In fensterlose, stickige Abteile, in denen bei einem normalen Personenzug maximal vier Personen schlafen könnten, werden zwölf oder mehr Häftlinge gepfercht und tagelang eingesperrt. Die Fahrt in die Straflager dauert meist einen Monat oder länger. Die Gefangenenzüge legen mehrere Zwischenhalte ein, bei denen die Häftlinge in Transitzellen eingesperrt werden.

Die Gefangenen haben während des Transports keinen Kontakt zur Aussenwelt und die Behörden verweigern Informationen über ihren Aufenthaltsort. «Die Häftlinge sind in dieser Zeit faktisch rechtlos und Missbräuchen frei ausgeliefert. Dies kommt einem gewaltsamen Verschwindenlassen gleich», so Denis Krivosheev.

Reise in die Sowjetzeit

Endlich am Ziel, sind die Gefangenen Tausende Kilometer von ihren Angehörigen entfernt. «Die Distanz ist ein psychologisches Mittel, um Gefangene zu schwächen», sagt Alexsei Sokolov von der Ural Menschenrechtsgruppe. Familienbesuche werden durch die Distanz extrem erschwert.

Der russische Strafvollzug (FSIN) hat ein Netzwerk von Strafkolonien aus dem sowjetischen Gulag-System geerbt, viele von ihnen befinden sich in abgelegenen, dünn besiedelten Teilen des Landes. Das bedeutet, dass Gefangene oft bis zu 5000 Kilometer transportiert werden müssen. Da in Russland nur 46 der 760 Strafanstalten Frauen unterbringen, sind diese häufiger den unmenschlichen Transporten ausgesetzt als Männer.