Charkiv, April 2022 © Anadolu Agency/Getty Images
Charkiv, April 2022 © Anadolu Agency/Getty Images

Ukraine Mindestens 21 Tote bei russischen Raketenangriffen in Serhijiwka

8. Juli 2022
Bei russischen Raketenangriffen auf ein Wohnhaus und ein Strandhotel in der Küstengemeinde Serhijiwka in der Südukraine sind mindestens 21 Zivilpersonen getötet worden. Dies geht aus Nachforschungen hervor, die Amnesty International vor Ort durchgeführt hat.

Die ukrainische Gemeinde Serhijiwka im Bezirk Odessa wurde am 1. Juli um kurz vor 1 Uhr von Geschossen getroffen, bei denen es sich offenbar um Marschflugkörper handelte. Bei den Angriffen wurden mindestens 21 Personen getötet, mindestens 35 Personen wurden verletzt. Fünf Menschen befinden sich derzeit in kritischem Zustand auf der Intensivstation; die Zahl der Toten könnte also noch weiter ansteigen.

«Diese Waffen wurden eigentlich konstruiert, um Kriegsschiffe zu zerstören. Es ist unglaublich verantwortungslos, damit Wohngebiete anzugreifen», sagte Donatella Rovera, Senior Crisis Response Adviser bei Amnesty International. «Dieser Angriff zeugt einmal mehr von absoluter Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben ukrainischer Zivilpersonen seitens des russischen Militärs, das weiterhin für unnötige Zerstörung und Todesfälle sorgt. Alle, die für derartige Kriegsverbrechen verantwortlich sind, müssen für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden.»

Vertreter*innen von Amnesty International besichtigten die Angriffsziele in Serhijiwka und entdeckten keine Hinweise auf ukrainische Streitkräfte, Waffen oder andere legitime militärische Ziele in der Nähe. Von Amnesty International ausgewertete Satellitenaufnahmen wiesen zudem im Vorfeld der Angriffe keine militärischen Aktivitäten in der Gegend auf.

Örtliche Regierungsvertreter*innen teilten Amnesty International mit, dass es sich bei den verwendeten Waffen um zwei Lenkraketen des Typs Kh-22 handelte. Dieser Raketentyp verfügt über einen Sprengkopf mit einem Gewicht von etwa 900 Kilogramm und ist zum Anvisieren von Schiffen und nicht von Landobjekten gedacht. Dies macht ihn potenziell äusserst ungenau und somit absolut ungeeignet für den Einsatz in dicht besiedelten Gebieten.

Ein Waffenexperte von Amnesty International fand an dem Einschlagsort des Strandhotels Fragmente, die denen einer grossen Lenkrakete entsprechen. Die Fragmente wiesen Nieten im alten Stil auf, was auf eine 50 Jahre alte Waffe wie Kh-22 hindeutet.

Laut internationalem Kriegsrecht müssen Konfliktparteien stets zwischen Zivilpersonen und zivilen Objekten einerseits und Militärangehörigen und militärischen Objekten andererseits unterscheiden. Militärische Ziele dürfen ins Visier genommen werden, Angriffe auf Zivilpersonen oder zivile Objekte hingegen sind rechtswidrig. Vor jedem Angriff haben Militärangehörige Massnahmen zu ergreifen, um sich angemessen zu vergewissern, dass sie keine Zivilpersonen oder zivilen Objekte anvisieren.

Russische Truppen haben bereits in mehreren Fällen rechtswidrige Angriffe in der Ukraine durchgeführt, bei denen Zivilpersonen verletzt oder getötet wurden; bei manchen dieser Angriffe wurden möglicherweise vorsätzlich Zivilpersonen bzw. zivile Objekte ins Visier genommen.

Angriff auf Strandhotel

Kurz nach Mitternacht am 1. Juli feuerten russische Truppen mindestens zwei Raketen auf die Küstengemeinde Serhijiwka, etwa 45 Meilen südwestlich der Stadt Odessa, ab. Die erste Rakete schlug in das Hotel Godji ein und tötete sechs Zivilpersonen. Nur wenige Minuten später schlug eine zweite Rakete in eine Eisenwarenhandlung ein, die zu einem neunstöckigen Wohnhaus der Budzhaska-Straße 23 gehörte. Dabei wurden 15 Zivilpersonen getötet.

Zu den Getöteten im Hotel Godji gehörten die Hotelmanagerin Nadiya Rudnitskaya und ihr zwölfjähriger Sohn Dmytro Rudnitsky. Auch die 30-jährige Olha Ilyashevych und ihre Mutter Maria, die beide vor den Kampfhandlungen in Slowjansk in der Region Donbass geflohen waren, wurden getötet.

Ebenfalls ums Leben kam der 41-jährige Oleksander Shishkov, ein in der Region bekannter Fussballtrainer, der in Odessa lebte, sich jedoch im Nachgang eines Fussballspiels zwischen zwei örtlichen Kindermannschaften gerade in dem Hotel aufhielt.

Angriff auf Wohnhaus

Unter den Personen, die bei dem Angriff auf das Wohnhaus in der Budzhaska-Strasse getötet wurden, befanden sich der 68-jährige Sportlehrer Volodymyr Chulak und dessen Ehefrau Tetiana, eine 64-jährige Köchin, und deren Sohn Mykhaylo. Er war 35 Jahre alt, lebte in Odessa und besuchte gerade seine Eltern.

Valentyna, die Schwester von Tetiana Chulak, sagte Amnesty International: «Ich hörte die Explosionen und rannte zu der Strasse... Ich rannte dorthin [Nummer 23] und in das Gebäude. Dort fand ich Tetiana tot im Bett, übersäht mit Möbelsplittern und anderen Trümmern, und ihren Mann Volodymyr tot in der Küche. Ihr Sohn Mykhaylo hatte sich auf der Terrasse aufgehalten und wurde direkt von der Rakete getroffen. Er wurde zerfetzt.»

Ebenfalls getötet wurden Halyna Rumashuk, eine 50-jährige Rezeptionistin, und ihr Ehemann Serhii, ein 48-jähriger Bauarbeiter. Das Ehepaar hatte den Angriff zunächst überlebt und konnte aus dem Gebäude fliehen, kehrte jedoch später zurück, um einige Sachen zu holen, und wurde dabei von einer einstürzenden Wand getötet.

Der 36-jährige Roman, der im vierten Stock lebt, berichtete Amnesty International, dass er und seine Mutter nur deshalb überlebten, weil sie sich zum Zeitpunkt des Raketeneinschlags hinter einer Zementwand in der Küche aufgehalten hatten, um ihren frisch operierten Welpen zu baden. Der Rest ihrer Wohnung wurde vollkommen zerstört. Roman versuchte auch, seine 63-jährige Nachbarin Proskovia Pavlenko zu retten. Sie wurde schwer verletzt und starb, als er sie aus dem Gebäude trug.

Natalia Yankovska und ihr Partner Maksym Nedomov erlagen beide ihren schweren Verletzungen. Natalias Söhne, zehn und vierzehn Jahre alt, befinden sich im Krankenhaus. Ihr Zustand ist kritisch. Ebenfalls getötet wurden Oleksander Sribny (47), Tetiana Nesterenko (64) und Vira Maksymenko (71).

«Durch die unablässige Bombardierung von Wohngebieten voller Zivilpersonen tötet das russische Militär Menschen im Schlaf, was absolut schockierend ist», sagte Donatella Rovera. «Wie viele Zivilpersonen müssen sterben, bevor die Verantwortlichen für diese Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden? Die russischen Kräfte, die für diese anhaltenden schweren Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht verantwortlich sind, müssen über ihre Handlungen Rechenschaft ablegen. Die Betroffenen und ihre Familien müssen in vollem Umfang entschädigt werden.»