Eine ausländische Hausangestellte begleitet das Kind ihrer Arbeitgeberin. © Joerg Boethling/Alamy Stock Photo
Eine ausländische Hausangestellte begleitet das Kind ihrer Arbeitgeberin. © Joerg Boethling/Alamy Stock Photo

Katar Hausangestellte ausgebeutet und missbraucht

Medienmitteilung 20. Oktober 2020, London/Bern – Medienkontakt
In Katar werden Hausangestellte weiterhin misshandelt, erniedrigt und gezwungen, bis zur völligen Erschöpfung zu arbeiten, wie ein neuer Bericht von Amnesty International aufzeigt. Einige Frauen gaben an, Opfer schwerer Straftaten, darunter sexualisierter Gewalt, geworden zu sein

Vertreterinnen und Vertreter von Amnesty International haben mit 105 Arbeitsmigrantinnen gesprochen, die in Katar im Haus ihrer Arbeitgebenden leben und dort Hausarbeit leisten. Aus diesen Gesprächen geht hervor, dass deren Rechte immer noch verletzt werden, obwohl die Regierung des Golfstaats Reformen eingeführt hat, die die Arbeitsbedingungen von ArbeitsmigrantInnen verbessern sollen.

Die Hälfte der befragten Frauen arbeitet mehr als 18 Stunden am Tag.

2017 führte Katar das Gesetz über Hausangestellte ein, in dem die Begrenzung der Arbeitszeit, obligatorische tägliche Pausen, ein freier Tag pro Woche und bezahlter Urlaub festgeschrieben sind. Jetzt, drei Jahre später, berichten 90 von 105 Frauen, mit denen Amnesty Kontakt aufgenommen hat, dass sie regelmässig mehr als 14 Stunden am Tag arbeiten müssen. 89 Frauen geben an, dass sie oft sieben Tage die Woche arbeiten, 87 Frauen sagen ausserdem, dass ihre Arbeitgebenden ihren Pass einbehalten haben. Die Hälfte der befragten Frauen arbeitet mehr als 18 Stunden am Tag und die meisten haben keinen einzigen freien Tag. Einige berichteten, dass sie nicht angemessen bezahlt würden. 40 Frauen beschrieben sogar, wie sie beleidigt, geschlagen oder angespuckt wurden.

Fünf Frauen gaben an, von ihren Arbeitgebern oder deren Familienangehörigen sexuell missbraucht worden zu sein. Der sexuelle Missbrauch reichte von Belästigung bis hin zu Vergewaltigung. Die meisten Frauen hatten das Gefühl, dass sie sich aus Angst vor Vergeltungsmassnahmen nicht bei der Polizei beschweren konnten. 

Mindestens 23 der interviewten Frauen gaben an, dass sie zu wenig zu essen bekamen.

Mindestens 23 der interviewten Frauen gaben an, dass sie zu wenig zu essen bekamen und während ihrer Anstellung in Katar oft hungrig waren. Einige Frauen erzählten, dass sie in viel zu kleinen Räumen, in einigen Fällen auf dem Boden oder ohne Klimaanlage, schlafen mussten. Diese Aussagen über schlechte Lebensbedingungen machen deutlich, dass es die katarischen Behörden versäumen, die Arbeitsorte zu inspizieren

In Katar arbeiten rund 173'000 Migrantinnen und Migranten als Hausangestellte. Einige der von Amnesty International interviewten Frauen sind weiterhin bei ihren Arbeitgebenden tätig, andere haben ihre Arbeit aufgegeben, sind aber in Katar geblieben, weitere sind in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Ebenso wie die Frauen, kommen auch die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber aus verschiedenen Ländern.

Unzureichende Reformen

«Die Einführung des Gesetzes über Hausangestellte im Jahr 2017 war ein wichtiger Schritt zum Schutz der Arbeitsrechte in Katar. Leider wird durch die Berichte der Frauen, mit denen wir gesprochen haben, offensichtlich, dass diese Reformen nicht richtig umgesetzt oder durchgesetzt wurden», sagte Steve Cockburn, Leiter der Abteilung wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit bei Amnesty International.

Die in dem Bericht «‘Why do you want to rest?‘ – Ongoing abuse of domestic workers in Qatar» dokumentierten Missstände sind das Resultat mehrerer Faktoren, darunter die fehlenden Kontrollmechanismen, um die Einhaltung des Gesetzes zu Hausangestellten sicherzustellen, sowie das Sponsorensystem, das Arbeitgebenden in Katar unverhältnismässig viel Macht über ihre Angestellten einräumt. Viele Frauen begegnen Hindernissen, wenn sie Misshandlungen und Straftaten ihrer Arbeitgebenden bei den Behörden anzeigen wollen, ausserdem herrscht weitgehend Straflosigkeit bei Verstössen vor.

Erst kürzlich führte Katar einen Mindestlohn ein und schaffte die Regelung ab, dass Arbeiterinnen und Arbeiter die Erlaubnis ihrer Arbeitgebenden benötigen, um die Stelle zu wechseln oder das Land zu verlassen. Diese rechtlichen Reformen mögen es Arbeiterinnen und Arbeitern erleichtern, ausbeuterischen Arbeitgebenden zu entkommen; es ist jedoch unwahrscheinlich, dass dadurch der Missbrauch signifikant zurückgeht oder sich die Arbeitsbedingungen von Hausangestellten deutlich verbessern. Dafür bräuchte es die Einführung zusätzlicher Massnahmen, um den Schutz der Rechte der Arbeitnehmenden zu stärken und ihre Durchsetzung sicherzustellen.

Keine Möglichkeit zur Anzeige

Katar zieht missbräuchliche Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bislang überhaupt nicht zur Verantwortung. So gibt es auch keine Abschreckung vor zukünftigem Missbrauch. Die Einbehaltung von Pässen oder nicht bezahlte Löhne sind Praktiken, die auf Zwangsarbeit hinweisen. Sie lösen in Katar aber nicht automatisch eine Untersuchung aus und haben für die Arbeitgebenden keine Konsequenzen – selbst wenn diese sich weigern, die Pässe zurückzugeben oder die Löhne nachzuzahlen.

Katar zieht missbräuchliche Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bislang überhaupt nicht zur Verantwortung.

Ein Hauptproblem im derzeitigen System besteht darin, dass die Hausangestellten Gefahr laufen, ihren rechtlichen Status, ihr Einkommen und die Unterkunft zu verlieren, während ihre Beschwerden bearbeitet werden. Deshalb wäre eine sichere Unterkunft und ein sicheres Auskommen für die Dauer des Prozesses für sie notwendig. Solange es keine funktionierenden staatliche Unterkünfte gibt, ist es für die meisten Frauen keine Option, Anzeige zu erstatten.

Fälle von körperlicher und sexualisierter Gewalt werden von Strafgerichten bearbeitet. Hausangestellte sind aber in Bezug auf ihre Unterkunft und ihren rechtlichen Status von ihren Arbeitgebenden abhängig. Dies, zusammen mit fehlendem Vertrauen in das System, hält sie oftmals davon ab, die Missstände anzuzeigen. In der Folge werden diese schweren Straftaten nicht bestraft.