Arbeiten unter grosser Hitze: Arbeiter am Bau des Khalifa International Stadions in Doha. © Getty Images
Arbeiten unter grosser Hitze: Arbeiter am Bau des Khalifa International Stadions in Doha. © Getty Images

Katar / Fussball-WM 2022 Todesfälle von Arbeitsmigranten müssen untersucht werden

Medienmitteilung 26. August 2021, London/Bern – Medienkontakt
Der Tod vieler Arbeitsmigrant*innen in Katar bleibt wegen mangelnder Untersuchungen seitens der Behörden bis heute ungeklärt. In einem neuen Bericht dokumentiert Amnesty International, wie die wahrscheinliche Todesursache – stundenlange Arbeit in extremer Hitze – nicht untersucht wurde und stattdessen pauschal Totenscheine verfasst werden.

Für den Bericht «In the Prime of their Lives» befragte die Menschenrechtsorganisation führende medizinischer Expert*innen und überprüfte die offiziellen Angaben zu Tausenden von Todesfällen. Zudem analysierte Amnesty International 18 Totenscheine und befragte die Familien von sechs Männern, die alle zwischen 30 und 40 Jahre alt waren, als sie starben.

15 der 18 Totenscheine, die Amnesty International eingehend überprüft hat, enthielten keine Informationen über die zugrundeliegenden Todesursachen. Stattdessen wurden Bezeichnungen wie «akutes Herzversagen natürlicher Ursache», «Herzversagen unspezifiziert» und «akutes Atemversagen aufgrund natürlicher Ursache» verwendet.  Ähnliche Formulierungen wurden auch in offiziellen Berichten für mehr als die Hälfte der 35 «nicht arbeitsbedingten» Todesfälle verwendet, die laut Behördenangaben seit 2015 auf den WM-Baustellen verzeichnet wurden. Dies lässt darauf schliessen, dass in den betreffenden Fällen wahrscheinlich keine aussagekräftigen Untersuchungen durchgeführt wurden.

Stundenlange Arbeit in extremer Hitze

«Wenn relativ junge und gesunde Männer nach langen Arbeitsstunden in extremer Hitze plötzlich sterben, wirft dies ernste Fragen über die Arbeitsbedingungen in Katar auf. Da die katarischen Behörden die Ursachen für den Tod von Arbeitsmigranten nicht untersuchen, ignorieren sie Warnzeichen, die Leben retten könnten. Dies ist ein Verstoss gegen das Recht auf Leben. Ausserdem verweigern die Behörden den Hinterbliebenen das Recht auf Entschädigung und lassen sie mit schmerzhaften unbeantworteten Fragen zurück», sagt Steve Cockburn, Leiter des Bereichs wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit bei Amnesty International.

Dr. David Bailey, ein führender Pathologe und Mitglied der WHO-Arbeitsgruppe zur Bescheinigung von Todesursachen, erklärte gegenüber Amnesty International: «Auf den Todesscheinen hat es Formulierungen, die nicht auf einer Sterbeurkunde stehen sollten, ohne dass die dem Tode zugrundeliegende Ursache näher erläutert wird. Solche Formulierungen sind ohne weitere Erklärungen bedeutungslos.»

Die von Amnesty durchgeführte Analyse von Angaben zu Sterbefällen aus verschiedenen Quellen deutet darauf hin, dass die Quote der ungeklärten Todesfälle von Arbeitsmigrant*innen in Katar bei fast 70 Prozent liegen könnte.

Statistiken der katarischen Behörden zeigen, dass zwischen 2010 und 2019 mehr als 15’021 ausländische Staatsangehörige (aller Altersgruppen und Berufe) in Katar verstorben sind. Wie viele davon Arbeitsmigrant*innen waren, die aufgrund der Arbeitsbedingungen starben, lässt sich aus diesen Daten nicht schliessen, da die Todesursachen nicht systematisch erhoben werden. Auch gibt es keine umfassenden Statistiken zu Todesfällen bei allen WM-Projekten.

Plötzliche Todesfälle

Amnesty untersuchte die Todesfälle von sechs Arbeitsmigranten im Detail: vier Bauarbeiter, ein Wachmann und ein LKW-Fahrer. Bei keinem der Männer waren gesundheitliche Probleme bekannt, und alle hatten die vorgeschriebenen medizinischen Tests bestanden, bevor sie nach Katar reisten. Keine der Familien hat nach dem Tod des Angehörigen eine Entschädigung erhalten.

Amnesty International befragte die Familien der Männer in Nepal und Bangladesch. Die Familienmitglieder waren schockiert über den Tod der Angehörigen und gaben an, geglaubt zu haben, diese seien in Katar bei guter Gesundheit.

Keiner der von Amnesty befragten Familien wurde irgendeine Form der Obduktion angeboten, um die eigentliche Todesursache zu ermitteln. Dies bedeutete, dass nicht festgestellt werden konnte, ob die Arbeitsbedingungen zum Tod beigetragen hatten. Somit war die Möglichkeit einer Entschädigung durch die Arbeitgebenden oder durch die katarischen Behörden ausgeschlossen.

Suman Miah, 34 Jahre, arbeitete als Bauarbeiter. Er starb am 29. April 2020, nachdem er eine lange Schicht bei Temperaturen von bis zu 38°C absolviert hatte.

Amnesty traf die Familie von Suman Miah, darunter seine beiden kleinen Kinder, in ihrem Haus in Bangladesch. Sie erfuhren von seinem Tod durch seine Kollegen und wurden weder von den katarischen Behörden kontaktiert noch wurde ihnen eine Autopsie angeboten.

«Ich konnte die Nachricht zunächst nicht glauben. Ich hatte noch ein paar Stunden zuvor mit ihm gesprochen», sagte Suman Miahs Frau Sumi Akter.

Die bangladeschische Wohlfahrtsbehörde zahlte der Suman Miahs Familie 300’000 bangladeschische Taka (ca. 3’500 US-Dollar), aber diese Summe deckte gerade mal die Schulden, die er für die Anwerbegebühren während seiner Migration nach Katar machen musste.

Gesundheitsrisiken durch extreme Hitze 

Das Arbeiten in extremer Hitze und Feuchtigkeit ist eine der am besten dokumentierten und vorhersehbaren Gefahren für das Leben und die Gesundheit von Arbeitsmigrant*innen in Katar. Bis vor kurzem bestand der wichtigste Schutz gegen berufsbedingte Hitzebelastungen in einem Verbot der Arbeit im Freien zwischen dem 15. Juni und dem 31. August. Für den Rest des Jahres gab es keine Beschränkungen.

Im Mai 2021 verlängerte Katar das Verbot der Sommerarbeitszeit vom 1. Juni bis zum 15. September und führte weitere Vorschriften ein, darunter ein Verbot der Arbeit im Freien, wenn der Index für Hitze und Feuchtigkeit 32 Grad erreicht. Die neuen Rechtsvorschriften geben den Arbeitnehmenden auch das Recht, die Arbeit zu unterbrechen und sich beim Ministerium für Verwaltungsentwicklung, Arbeit und Soziales zu beschweren, wenn sie sich angesichts der hohen Temperaturen Sorgen machen.

Professor David Wegman, ein Experte für Gesundheit und Sicherheit im Baugewerbe, erklärte gegenüber Amnesty, dass das neue Gesetz zwar eine Verbesserung darstelle, aber «weit hinter dem zurückbleibe, was für den Schutz der Arbeiter, die Hitzebelastungen aller Art ausgesetzt sind, notwendig sei».

Die neuen Vorschriften bieten zwar einen besseren Schutz, aber sie sehen keine obligatorischen Ruhezeiten vor, die den klimatischen Bedingungen und der Art der Arbeit angemessen sind. Stattdessen wird den Arbeitnehmern das Recht zugestanden, bei heissem Wetter das Arbeitspensum «in ihrem eigenen Tempo zu verrichten». In Anbetracht der extrem ungleichen Machtverhältnisse zwischen Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden in Katar wiesen die von Amnesty befragten Expert*innen darauf hin, dass es für viele Arbeitnehmende unmöglich ist, ihr Arbeitspensum und die Arbeitszeiten selbst einzuteilen, und dass ihre Sicherheit in hohem Masse von den vorgeschriebenen Pausen abhängt.

Amnesty International fordert Katar auf, seine Gesetze zum Schutz der Arbeitnehmenden vor extremer Hitze zu verschärfen, indem obligatorische Ruhepausen eingeführt werden. Diese müssen die Risiken berücksichtigen, denen Arbeitende ausgesetzt sind. Ausserdem sollen die Untersuchung und Dokumentation von Todesfällen unter Arbeitskräften verbessert und angemessene Entschädigungen geleistet werden.

FIFA und SFV müssen Druck auf Katar ausüben

Amnesty International fordert zudem die FIFA und alle nationalen Fussballverbände – darunter auch den Schweizerischen Fussballverband SFV – auf, ihren Einfluss auf die katarische Regierung geltend zu machen, damit diese ihre Reformen im Bereich der Arbeitsrechte rasch und vollständig umsetzt.

Katar muss alles dafür tun, damit es auf den Baustellen, bei den Infrastrukturprojekten und bei den Dienstleistungen der WM nicht zu weiteren Menschenrechtsverletzungen und Todesfällen kommt. Die FIFA muss auch dafür sorgen, dass Verstösse bei der Vorbereitung der Weltmeisterschaft 2022 aufgedeckt und entschädigt werden.