FC Bayern München - Doha Training Camp Day 1 © 2012 Getty Images
FC Bayern München - Doha Training Camp Day 1 © 2012 Getty Images

Katar WM 2022 Warum Amnesty International keinen Boykott der WM in Katar fordert

Natalie Wenger, November 2022
Die Rufe nach einem Boykott der Fussball-WM der Männer in Katar 2022 werden immer lauter. Amnesty International respektiert diese Forderungen, ruft aber selbst nicht zum Boykott auf. Die Gründe dafür lesen Sie hier.

WM-Zeit ist Fussballzeit. Normalerweise würden sich Fans auf öffentlichen Plätzen und in Beizen versammeln, die Spiele begeistert verfolgen und mit den Mannschaften mitfiebern.

Aber an dieser WM ist wenig normal. Statt in die Sommermonate fällt das Fussballspektakel in diesem Jahr in die kalten Novembertage. Die Vorfreude ist getrübt: Statt fussballerische Höchstleistungen machen diskriminierende Aussagen des WM-Botschafters von Katar, ausstehende Entschädigungszahlungen und andauernde Menschenrechtsverletzungen Schlagzeile.

Schon kurz nach der Vergabe der Fifa WM 2022 an Katar im Jahr 2010 kam massive Kritik auf. Zahlreiche Berichte von Organisationen wie Amnesty International deckten schwere Missbräuche an Arbeitsmigrant*innen auf, die für den Bau der WM-Infrastruktur ins Land geholt worden waren. Das führte dazu, dass Boykottforderungen immer lauter wurden. Mehrere Lokale in verschiedenen Schweizer Städten haben sich entschlossen, auf Public Viewings zu verzichten. Die Schweizer Stadt Vevey folgte dem Beispiel der französischen Hauptstadt Paris und beschloss, alle Veranstaltungen im öffentlichen Raum im Zusammenhang mit der WM in Katar zu verbieten. Auch im privaten Umfeld häufen sich Aussagen wie: «Ich werde mir diese WM nicht anschauen», oder «Die Fifa wird nie mehr einen Rappen an mir verdienen.»

Mit einem Boykott soll ein Zeichen gesetzt werden: Um Verbesserungen der Situation von Arbeitsmigrant*innen zu erwirken und um der Fifa zu zeigen, dass eine WM-Vergabe ohne Berücksichtigung von Menschenrechten nicht länger akzeptiert wird. Amnesty International wählt jedoch einen anderen Weg.

Für nachhaltige Verbesserungen sorgen

Immer mehr Fans informieren sich über die Menschenrechtslage in Katar und fordern einen sozial verträglichen Fussball. Das ist begrüssenswert. Es ist höchste Zeit, bei solchen Megasportevents kritisch hinzuschauen.

Amnesty International ruft jedoch nicht zum Boykott auf – wir respektieren aber, wenn andere dies als politisches Druckmittel einsetzen wollen. Um Druck auf die Verantwortlichen von Menschenrechtsverletzungen auszuüben und Verbesserungen zu erreichen, braucht es verschiedene, sich ergänzende politische Mittel. Boykott kann eines davon sein.

Als Menschenrechtsorganisation geben wir uns selbst Regeln, wie wir politisch agieren wollen. Und eine dieser Regeln lautet, dass wir einen Boykott nur dann unterstützen, wenn wir alle zumutbaren Anstrengungen gegenüber einem Unternehmen oder einem Land unternommen haben, aber keine Änderung des Verhaltens erfolgt ist.

Das ist in Katar nicht der Fall: Die Regierung Katars hat Reformen eingeleitet und wir beobachten Schritte in die richtige Richtung, wie etwa ein Gesetz zur Regulierung der Arbeitsbedingungen von Hausangestellten, ein Fonds zur Entschädigung bei Lohndiebstahl sowie die Einführung eines Mindestlohns. Doch auch wenn es aufgrund unserer Recherchen und des darauf aufbauenden politischen Drucks zu einer Reihe von Verbesserungen kam, kommen weder Katar noch die Fifa ihrer Menschenrechts-Verantwortung vollumfänglich nach. Wir sehen es als unsere Aufgabe, den politischen Druck auch während den Spielen sichtbar aufrecht zu erhalten, um die Umsetzung der Reformen in Katar und der Menschenrechtskriterien für künftige Sportturniere sicherzustellen.

Wenn wir die Fifa-WM boykottierten, würden wir riskieren, dass die bereits durchgesetzten Reformen nach dem Abpfiff versanden oder gar rückgängig gemacht werden. Das müssen wir verhindern. Als Menschenrechtsorganisation ist es unsere Aufgabe, Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, unsere Ergebnisse zu veröffentlichen und Druck für positive Veränderungen zu erzeugen. Deshalb halten wir einen Zugang zur Fifa, Uefa, den katarischen Behörden sowie zu den Nationalmannschaften offen.

Verantwortliche reagieren auf Druck

Unser Erfolg spricht für unseren Ansatz. Noch 2015 liess die Fifa verlauten, Menschenrechtsverletzungen beim Stadionbau lägen nicht in ihrer Verantwortung. Diese Position hat sich mittlerweile geändert. Die Fifa hat Menschenrechte in ihre Statuten übernommen und eine Nachhaltigkeitsstrategie für die WM verabschiedet. Die katarische Regierung hat 2017 eine Reihe von richtungsweisenden Reformen verabschiedet, deren Umsetzung aber nach wie vor mangelhaft ist. Wir bleiben dran und fordern laufende Verbesserungen.

Was nach wie vor noch aussteht: Ein umfassender Entschädigungsmechanismus für erlittene Menschenrechtsverletzungen. Wir fordern die Fifa und die katarische Regierung daher auf, einen solchen Mechanismus ins Leben zu rufen. Jetzt ist die Zeit zum Handeln und die Achtung der Menschenrechte im Fussball und in Katar endlich in den Mittelpunkt zu rücken.

Wir halten den öffentlichen Druck aufrecht. Wir sprechen über Fussball, über Menschenrechte, über Katar. Wir boykottieren die WM nicht, stattdessen nutzen wir den Anlass, um die Verbesserung der Menschenrechtslage in Katar zu erreichen. Wir wollen Menschen in der Schweiz und insbesondere die Fussballfans über die Umstände, unter welchen diese WM zustande kam, aufklären und sie zum Handeln auffordern. Wir möchten, dass die Menschen nicht nur zuschauen, sondern genau hinsehen – auch hinter die Kulissen. Deshalb sind wir an mehreren Public Viewings präsent. Wir fordern die Achtung der Menschenrechte ohne Einschränkung − im Fussball, in Katar und überall sonst auf der Welt.