«Es gibt Kinder, die sind seit zehn Jahren in Kampiringisa, und längst ist ihnen jede Hoffnung auf ein anderes Leben abhandengekommen.» © Sascha Montag
«Es gibt Kinder, die sind seit zehn Jahren in Kampiringisa, und längst ist ihnen jede Hoffnung auf ein anderes Leben abhandengekommen.» © Sascha Montag

Uganda Das Gefängnis der Kinder

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
In einer ugandischen «Besserungsanstalt» werden Strassenkinder und unerwünschter Nachwuchs wie Müll abgeladen. Hunger, Schläge und Strafen gehören dort zum Alltag.

Der Geruch ist das Erste, was einen anfällt wie ein wildes Tier. Er entsteigt der Erde, den Gebäuden. Er klebt an den Kindern, die angerannt kommen, barfuss und in zerfetzter Kleidung. Wir sind in Kampiringisa. Eine Verwahranstalt für Kinder in Uganda, eine Art Gefängnis mit Freigang. Den Kindern, die man hierher bringt, lässt dieser Ort nur zwei Optionen: zu zerbrechen oder immer wieder zu fliehen, zurückgebracht und schwer bestraft zu werden.

Kleinkinder als Verbrecher

Journalisten dürfen diesen Ort nicht betreten. Um nach Kampiringisa zu kommen, geben wir uns daher als Unterstützer jener Hilfsorganisation aus, ohne deren Hilfe die Zustände in Kampiringisa noch unerträglicher wären. Foodstep heisst die von Nathalie Seliffet geleitete Organisation. Die Belgierin sah diesen Ort vor vielen Jahren zufällig. Den Kindern von Kampirinigsa zu helfen, ist seither ihr Lebenswerk. Mit ihr und einem der ehemaligen Kampiringisa-Kinder, dem 17-jährigen Yvan, fahren wir von der Hauptstadt Kampala nach Kampiringisa. Es liegt abseits der asphaltierten Strasse in einem weiten Tal, das eigentlich idyllisch wäre.

221 Kinder sind es derzeit, die jüngsten zwei Jahre alt und kaum fähig, auf eigenen Beinen zu laufen, die ältesten 19 Jahre alt und mit Gesichtern, in die das Grauen Linien gezeichnet hat.

Der Direktor der Anstalt bittet Platz zu nehmen und scheucht einen Jungen aus dem Zimmer. Ein Neuzugang, ein besonders schwerer Fall, wie der Direktor meint. Ein Dieb. Er habe Essen gestohlen. Der Direktor hat für jene, über die er hier wacht, klare Bezeichnungen. Verbrecher seien dies, schlechte Kinder, die die Strassen der Hauptstadt Kampala unsicher machen oder ungehorsam gegen ihre Eltern sind. 221 Kinder sind es derzeit, die jüngsten zwei Jahre alt und kaum fähig, auf eigenen Beinen zu laufen, die ältesten 19 Jahre alt und mit Gesichtern, in die das Grauen Linien gezeichnet hat.

In dem Gebäude, in dem der Direktor residiert, haben sich Vögel eingenistet. Der Gestank ihres Kots mischt sich mit dem Geruch von Fäkalien, der aus dem Keller dringt. Dort habe man bis vor vier Jahren die Kinder in einem fensterlosen Raum an einen Stuhl gebunden und mit Elektroschocks traktiert, erzählen uns Kinder, die diese Tortur noch erlebt haben. Man habe sie geplagt, bis sie vor Schmerz und Angst ihren Darm entleerten. Manche, bis sie starben.

Unerwünscht

Der Macht des Direktors über die Kinder ist gross. Die meisten Kinder sind vogelfrei und rechtlos. Strassenkinder, die niemanden haben, der sie behütet. Sie werden in Kampala von der Polizei aufgelesen, über das Mass ihrer Strafe bestimmt der Direktor. Für Betteln gibt es ein halbes Jahr, für das Stehlen von Essen ein Jahr. Wiederholungstäter, Kinder, die schon mal in Kampiringisa waren und flohen, müssen zwei Jahre bleiben. Oder mehr. Es gibt Kinder, die sind seit zehn Jahren in Kampiringisa, und längst ist ihnen jede Hoffnung auf ein anderes Leben abhandengekommen.

Die andere Gruppe sind Kinder, die von ihren Eltern gebracht wurden. Unerwünschter Nachwuchs, dem man irgendeine Untat unterstellt.

Orte der Grauens

In Kampiringisa hat die Angst viele Orte. «Die Zelle» ist einer davon. Yvan, das ehemalige Kampiringisa- Kind, der mit zwei Jahren zum ersten Mal hierher kam und sieben Mal floh, hatte uns von dieser Zelle erzählt. Viele Wochen habe er damals dort verbringen müssen, nackt auf dem kalten Boden, zusammen mit bis zu vierzig Kindern.

Die Zeiten der wochenlangen Zellenhaft sind vorbei, doch immer noch werden einzelne Kinder dort für ihre Vergehen eingesperrt. «Hallo», rufen wir vor der Zelle stehend. Nackte Füsse tapsen, zwei Hände greifen die Stäbe. Zwischen den Stäben erscheint das Gesicht eines Jungen. Die Pupillen gleiten hin und her, versuchen die Gefahr zu bestimmen, die von uns ausgeht. «Wir tun dir nichts. Wie heisst du?» «Nisamba», sagt der Junge. «Wie lange bist du schon da drin?» «Zwei Tage.» «Hast du gegessen?» Er schüttelt den Kopf. «Heute noch nicht.» «Weshalb bist du hier?» «Weil ich ein schlechter Mensch bin.»

Die Wärter warfen Essen durch die Fenster, die waren ohne Scheiben und der Nachtwind war immer kalt. Immer gewannen die Starken. Die Kranken, die nicht schnell genug waren, blieben hungrig.

Auch vom «Black House» hatte Yvan uns schon erzählt. Davon, wie die Kinder bis vor einigen Jahren dort auf dem Boden lagen, keine Betten, keine Decken, in der Ecke für die Notdurft ein paar Eimer, die selten geleert wurden. Viele Kinder hatten Cholera, die Fäkalien wuchsen zu einem Berg an. Die Wärter warfen Essen durch die Fenster, die waren ohne Scheiben und der Nachtwind war immer kalt. Yvan beschrieb, wie sich die Kinder auf das Essen stürzten. Immer gewannen die Starken. Die Kranken, die nicht schnell genug waren, blieben hungrig. Manche der Kinder, erzählt uns Yvan, hätten die letzten Reste der Glasscheiben aus den Fensterrahmen entfernt und geschluckt. Andere hätten sich, wenn sie in die normalen Schlafräume verlegt wurden, mit ihren Hosen erhängt.

Ein Junge, eines der Langzeit-Kampiringisa- Kinder, die sich im Laufe der Jahre Privilegien erworben haben, schliesst uns das «Black House» auf. Neun Jungs liegen dort auf schmierigen, zerrissenen Schaumstoffmatratzen. Heute gibt es Betten, Latrinen und Hosen für die Jungen. Der stechende Gestank des Raumes ist auch heute noch unerträglich.

Lagongos Geschichte

Die Jungen haben Angst, mit uns zu reden, Angst, dafür bestraft zu werden. Nur einer sagt, ja, er wolle erzählen, irgendeiner müsse ihn doch endlich hören. Lagongo heisst er, 15 Jahre alt, er kommt aus einer weit entfernten Provinz des Landes und wurde zu einem Jahr «verurteilt ». Die Richter: seine Mutter, sein Stiefvater. Lagongos Verbrechen: Er hatte versucht, sich umzubringen. Nach Jahren der körperlichen und sexuellen Misshandlungen durch seinen Stiefvater, Jahren der Knochenbrüche, Demütigungen, des Hungers hatte er das Leben nicht mehr ausgehalten. Essen gab es für den Jungen selten, drei Jahre lang ging er zur Schule, dann beschloss der Vater, er solle lieber arbeiten. Morgens auf den elterlichen Feldern, nachmittags auf den Feldern der anderen Dorfbewohner. Lagongo wurde zum Kindersklaven. Irgendwann knüpfte er sich eine Schlinge, nachdem er die Nachbarn angebettelt hatte, ihm zu helfen. Alle hatten nur mit den Schultern gezuckt.

Dass seine Eltern ihn nach dem Jahr wieder abholen, daran glaubt er nicht. Er wird in Kampiringisa bis zur Volljährigkeit bleiben, dort immerhin zur Schule gehen. Doch die Jahre werden nicht reichen, einen Abschluss zu machen. «Wohin soll ich gehen?», fragt Lagongo. Wir haben keine Antwort.

Es brauchte viele Jahre und zähe Verhandlungen mit der Regierung, um die Lage für die Kinder erträglich zu machen. Erst wurden Betten und Decken gebracht, dann Essen, Medikamente, Kleidung. Eine Schule wurde gebaut, Lehrer eingestellt. Nach und nach gelang es, die Strafmassnahmen zu mildern, das ungezügelte Prügeln einzudämmen. Scheiben wurden in die Fenster eingesetzt, Waschräume und Toiletten gebaut. Auch der Raum mit dem elektrischen Stuhl wurde geschlossen. Das Gemüse, das auf den Feldern angebaut wird, bekommen heute die Kinder, ausserdem gibt es Kühe, Schweine, Hühner, eine Tischlerei, Schmiede und Schusterei als Ausbildungsstätten. Nach und nach wurde aus der Hölle ein Ort, an dem man immerhin überleben kann.

Partytag

Bei unserem nächsten Besuch ist in Kampiringisa der einmal im Monat stattfindende «Partytag». Nathalie hat lange gebraucht, um den Direktor zu überzeugen, dass die Kinder nicht nur Kleidung und Nahrung, sondern auch einige Stunden des Frohsinns brauchen. Als wir an diesem Party-Samstag aussteigen, haben die Kinder versucht, sich zu waschen und heile Kleidung anzuziehen. Nathalie bringt Nudeln und Fleisch, von den eigenen Feldern haben die Kinder Kohl geholt. Das Feuer brennt schon, Wasser kocht. Yvan macht den DJ. Viele der älteren Jungen hier kennen ihn noch, gemeinsam haben sie schon auf den Strassen von Kampala gelebt, gemeinsam die schlimmen Jahre in Kampiringisa überstanden. Der Unterschied ist nur: Yvan ist raus. Er gehörte zur Gruppe der ersten Kinder, die Nathalie aus der Anstalt holen und in ihrem Foodstep-Programm unterbringen konnte. Yvan hatte sich an sie geklammert damals und ihr gesagt, er wolle sterben, er halte die Schläge nicht mehr aus. Inzwischen leben 85 gerettete Kinder in Nathalies Programm und bekommen regelmässige Mahlzeiten, Schulbildung, schlafen in hellen, sauberen Räumen.

Yvan hat sich an diesem Tag chic gemacht, ein Jackett angezogen. Er sticht aus der Menge der Kinder heraus wie ein Paradiesvogel. Seine Augen haben den stumpfen Ausdruck der Einsamkeit verloren, wie er in den Augen der Kampiringisa- Kinder liegt. «Hoffnung zu haben, das bedeutet mehr als alles andere», hatte er uns gesagt und davon erzählt, dass er nun Tourismus studiert und ein Buch über Strassenkinder schreibt. Yvan ist sich sicher, errettet zu sein. Doch am Ende dieses Tages weiss er es besser.

Vielleicht wütend über den Frohsinn, der sich für ein paar Stunden breitmacht, befiehlt der Direktor – noch während die Kinder fröhlich tanzen – Yvan zum Gespräch. Foodstep verderbe ihn, sagt er, Yvan würde sich wohl für etwas Besseres halten. Der Direktor droht, ihn jederzeit wieder nach Kampiringisa holen zu können, dann macht er Nathalie Vorhaltungen, sie strafe die Kinder zu wenig. Eigentlich wollte diese ihn bitten, ein Mädchen mitnehmen zu dürfen, das schwanger ist, doch nun sagt sie davon lieber nichts. Yvan weint, packt die Musikanlage zusammen, verkriecht sich ins Auto, Nathalie drängt zum Aufbruch. Die Kinder klammern sich an unsere Beine, und als wir abfahren, steht Lagongo da und sieht uns an, als warte er noch immer er auf eine Antwort. «Manchmal» sagt Yvan irgendwann auf der Rückfahrt, «denke ich, wer einmal in Kampiringisa landet, der kann niemals mehr wirklich entkommen. Dieser Ort ist wie der Teufel, der dir deine Seele abkauft.»

Von Andrea Jeska