«Ich liefere den Medien die Sicht der Betroffenen.» Schon fast 200 Mal wurde über Daniela Truffer berichtet. © Privat
«Ich liefere den Medien die Sicht der Betroffenen.» Schon fast 200 Mal wurde über Daniela Truffer berichtet. © Privat

LGBTI Zum Mädchen gemacht

Als Daniela Truffer zur Welt kam, wussten die Ärzte nicht, ob sie ein Mädchen oder einen Knaben vor sich hatten. Sie wurde zum Mädchen gemacht und leidet noch immer unter den Folgen. Heute führt die Aktivistin eine provokante Kampagne, weil sie anderen Menschen dasselbe Leid ersparen will.

Als Daniela Truffer zur Welt kam, wussten die Ärzte nicht, ob sie ein Mädchen oder einen Knaben vor sich hatten. Sie wurde zum Mädchen gemacht und leidet noch immer unter den Folgen. Heute führt die Aktivistin eine provokante Kampagne, weil sie anderen Menschen dasselbe Leid ersparen will.

«Sobald eine Kamera dabei ist, fühle ich mich wie das Kaninchen vor der Schlange, genau wie früher beim Arzt», sagt Daniela Truffer. «Mir wird heiss und kalt, ich weiss kaum mehr, was ich sagen soll.» Trotzdem hat sich die 50-Jährige in der letzten Zeit immer wieder den Medien gestellt. «Bald 200 Mal wurde über Daniela berichtet», sagt Truffers Partner Markus Bauer mit einem gewissen Stolz. Warum tut sich Truffer die Konfrontation mit den Medien an? «Es geht um die Sache, und ich liefere den Medien nun mal die Sicht der Betroffenen.»

Das Gefühl, falsch zu sein

«Betroffen» ist die gebürtige Walliserin von Intersexualität. Sie kam mit sogenannten atypischen Geschlechtsmerkmalen, einem männlichen Chromosomensatz und Hoden im Bauchraum zur Welt. Das Genital sah «uneindeutig» aus. «Die Mediziner stritten sich, ob ich ein Mädchen oder ein Junge sei», berichtet Truffer. Als sie zweieinhalb Monate alt war, wurden die Hoden aus ihrem Bauchraum herausoperiert. Später habe ein Arzt notiert, dass das wohl ein Fehler gewesen sei, man nun aber auf dem eingeschlagenen Weg fortfahren «und aus dem kleinen Patienten ein Mädchen machen» müsse, erklärt Truffer. Ganz lange war sie jedoch im Dunkeln darüber, was eigentlich los ist. «Ich habe immer gespürt, dass etwas nicht stimmt, dass ich anders bin.» Auch dem Umfeld blieb das trotz aller Geheimniskrämerei nicht verborgen: «Einmal lenkte eine Nachbarin meine Mutter ab und eine andere Nachbarin führte mich in ein Nebenzimmer, wo sie meine Unterhose herunterziehen wollte.» Das Gefühl, «nicht richtig zu sein», dominierte Truffers Kindheit. «Ich schämte mich, fühlte mich abartig. Etwas musste falsch sein mit mir, sonst würde man ja nicht ständig an meinem Körper herumflicken.»

Das Resultat der Eingriffe empfindet Daniela Truffer als «Pfusch und Verstümmelung»

Zwei weitere Operationen folgten: Mit sieben Jahren wurde Truffers Mikropenis chirurgisch in eine Klitoris verwandelt, mit 18 Jahren erhielt Daniela Truffer eine künstliche Vagina. «‹Ohne Vagina findest du keinen Freund›, sagte man mir damals». Das Resultat der Eingriffe empfindet Daniela Truffer als «Pfusch und Verstümmelung». Sie kämpft mit Schmerzen und einem gestörten Hormonhaushalt, der durch die Entfernung der Hoden entstand. Was mit ihr los war, erschloss sich ihr erst stückweise. Auch die Eltern waren nicht genau im Bild. Man hatte ihnen gesagt, bei ihrem Kind seien kranke Eierstöcke entfernt worden. Erst als Daniela Truffer 14 Jahre alt war, schleuderte ihr ein Arzt auf mehrmalige Nachfrage ins Gesicht, dass man ihr Hoden und nicht Eierstöcke entfernt habe. Mit 18 Jahren erfuhr sie, dass sie einen männlichen Chromosomensatz hat. Zehn Jahre Psychoanlayse hat sie hinter sich, in der sie ihre Geschichte verarbeitete: «Andernfalls wäre ich wohl nicht mehr hier.»

Pointierte Strategie

Ein dunkles Kapitel der Medizin, das sich heute nicht mehr ereignen würde? Daniela Truffer wehrt sich gegen diese Interpretation. Immer wieder höre sie von Eltern intersexueller Kinder, dass sie von MedizinerInnen zu Operationen gedrängt würden. Mit Verve kämpft sie deshalb dafür, dass anderen Kindern ihr Schicksal erspart bleibt. Gemeinsam mit Markus Bauer gründete sie vor acht Jahren Zwischengeschlecht.org, eine Organisation, die eine angriffige Medienstrategie fährt, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. «Wir verwenden bewusst pointierte Begriffe wie ‹Zwitter› oder ‹Genitalabschneider› und stellen ganz klare Forderungen», so Bauer. Zuoberst auf der Liste der Forderungen: Zwischengeschlecht.org will alle kosmetischen Genitaloperationen an Intersex-Kindern verbieten lassen, mit ganz wenigen und medizinisch klar indizierten Ausnahmen. Um zu diesem Ziel zu gelangen, veranstalten die AktivistInnen Demos vor Spitälern und Kongressen von MedizinerInnen. In Talkshows streiten sie mit Ärzten darüber, welche Operationen medizinisch notwendig und welche nur kosmetisch seien. Sie machen Medienarbeit, lobbyieren bei ParlamentarierInnen und reichen umfangreiche Berichte bei Menschenrechtsgremien ein. Dass der Kinderrechtsausschuss der Uno «unnötige medizinische Behandlungen oder chirurgische Eingriffe im Säuglingsalter oder in der Kindheit» in seinem jüngsten Bericht zur Schweiz als «schädliche Praxis» bezeichnet hat, ist eine grosse Ermutigung für Daniela Truffer und ihre MitstreiterInnen.

Ein drittes Geschlecht

Weniger prioritär ist für Zwischengeschlecht.org eine Forderung, die andere Gruppierungen oft betonen: Jene nach einem dritten Geschlecht auf amtlichen Formularen, damit Menschen nicht in die Kategorie «Mann» oder «Frau» gepresst werden müssen. Daniela Truffer empfiehlt Eltern von intersexuellen Kindern, diese entweder als Mädchen oder als Knaben aufzuziehen, ihnen aber stets altersgemäss die Wahrheit darüber zu sagen, was mit ihnen los ist. «Kinder haben damit weniger Probleme als Erwachsene», findet auch Markus Bauer. Wenn die Betroffenen volljährig seien, könnten sie entscheiden, ob sie sich Operationen unterziehen wollen. Daniela Truffer sagt: «Für mich ist nicht das Problem, dass ich als Frau aufgezogen wurde. Das Problem ist, dass ich so, wie ich zur Welt kam, nicht gut genug war und deshalb verstümmelt wurde.»

Von Carole Scheidegger