© Marc Latzel
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Geschichten, die Mut machen «Menschen brauchen Vorbilder»

Interview: Carole Scheidegger. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Dezember 2015. Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion
Mutige Menschen haben eine starke Wertorientierung und ihre Ängste im Griff. Die gute Nachricht ist: Wir alle können lernen, Zivilcourage zu zeigen. Das sagt die Psychologin Veronika Brandstätter.
Haben alle Menschen das Zeug zum Helden?

Veronika Brandstätter: Wenn wir Heldenhaftigkeit so verstehen, dass jede und jeder über sich hinauswachsen kann, dann haben alle das Potenzial zum Helden. Jeder Mensch kann lernen, seine Ängste zu überwinden und wirksam zu werden in der Welt. Wenn wir aber definieren, was überhaupt als herausragende Leistung gilt, wird es schwieriger. Was für den einzelnen Menschen eine besondere Tat ist, bei der er über sich selbst hinauswächst, mag im Vergleich mit anderen Menschen nicht als heldenhaft betrachtet werden, sondern als selbstverständlich.

Was bringt Menschen dazu, sich unter Lebensgefahr für eine Sache einzusetzen?

Leute, die sich für eine gemeinnützige Sache einsetzen, haben eine starke Orientierung an sogenannten humanen Werten. Dies hängt sehr stark von frühkindlichen Erfahrungen im engsten Umfeld ab. Es sind empathische Menschen, sie können sich in die Gefühlswelt anderer Personen hineinversetzen. Sie haben eine ausgeprägte Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu kontrollieren und Ängste zu überwinden. Ein weiterer Aspekt ist schlicht das Wissen darum, was man tun kann. Und schliesslich braucht ein Mensch Handlungskompetenz, dieses Wissen auch umzusetzen. Er muss eine Situation schnell überblicken und rasch entscheiden können. Ein Beispiel: Wir haben alle die stabile Seitenlage im Nothelferkurs gelernt. Können wir sie aber auch in einer Stresssituation herstellen?

Warum sind manche mutiger als andere?

Wie ein Mensch sich verhält, hat zum einen mit seiner Person zu tun, zum anderen aber auch mit der Situation. Entscheidend ist, wie eindeutig eine Situation aussieht: Braucht wirklich jemand Hilfe? Wenn jemand im Zug tätlich angegriffen oder im Büro ganz übel über ihn geredet wird, ist das eindeutig. In solchen Fällen ist man eher motiviert einzugreifen. Wichtig sind Vorbilder für Engagement und Zivilcourage. Menschen fällt es einfach leichter zu handeln, wenn sie Vorbilder haben.

Was verbindet einen Menschrechtsaktivisten aus Saudi- Arabien, der sein Leben riskiert, mit einem Amnesty-Mitglied, das im sicheren Mitteleuropa Unterschriften sammelt?

Auf den ersten Blick sind die Bedingungen sehr unterschiedlich, doch haben sie beide die Entschlossenheit, für eine Wertorientierung oder eine politische Haltung öffentlich einzustehen. In beiden Fällen wird die Schwelle der Privatheit überschritten. Auch wer auf der Strasse Unterschriften sammelt, exponiert sich. Das braucht eine gewisse Überwindung, denn man könnte ja für sein Tun kritisiert werden.

Kann man Mut und Zivilcourage lernen?

Man kann lernen, Situationen realistisch einzuschätzen, sich selbst nicht zu überfordern, zum Wohle einer anderen Person und nicht zum Schaden seiner selbst zu handeln. Mut lernen heisst, mit dem anfänglichen Hemmnis Angst umzugehen. Ich leite hier in Zürich ein Zivilcourage-Training, in welchem wir verschiedene Situationen nachstellen. Es gibt aber nicht ein Rezept für alle. Man muss herausfinden, welche Ziele und Strategien zu der eigenen Person passen. Im Kontext von Zivilcourage ist es einfach sehr wichtig, nicht zu schweigen. Manchmal reicht das Ziel, der polternden Tante am Familienfest zu sagen: ‹Es verletzt mich, wenn du über Ausländer herziehst.› Das Ziel, die Meinung der Tante zu ändern, wäre hingegen vielleicht zu hoch gesteckt.

In welchen Situationen fällt es uns besonders schwer, mutig zu sein?

Wenn die Lage nicht eindeutig ist, dann orientiert man sich an anderen. Wenn zum Beispiel im Bus eine brenzlige Situation entsteht, schaut man in die Runde – und sieht nur fragende Gesichter. Das führt zum Fehlschluss, dass die Situation gar nicht bedrohlich ist. Doch auch bei eindeutigen Situationen ist die Frage, ob ich selbst Verantwortung übernehme oder diese auf andere schiebe. Je mehr Leute bei einem mittelschweren Notfall anwesend sind, desto weniger wird geholfen. Das hat nicht mit Feigheit zu tun, sondern häufig denkt man, der andere kann besser helfen, ist kräftiger oder näher dran.

Was sagen Sie zum Vorwurf, gewisse Menschen würden sich nur deswegen engagieren, weil sie die Dankbarkeit als Selbstbestätigung benötigten oder ein Helfersyndrom hätten?

Jemandem zu helfen, bringt Gefühle von Stärke mit sich, man hat Einfluss auf jemanden, man erntet vielfach – aber nicht immer – Dankbarkeit. Sich stark und wirksam zu erleben, das ist eine Facette des sogenannten Machtstrebens. Dieses Wort hat in der Psychologie keinesfalls die negative Bedeutung, die es in der Umgangssprache hat. Es ist ja nichts Schlechtes daran, wenn jemand Befriedigung aus dem Helfen zieht. Doch es existiert eine Art von Hilfeleistungen, die tatsächlich eher auf den Hilfeleistenden als auf den Empfänger abzielt. Dann ist die Hilfe nicht gleichermassen wirksam, weil sie nicht in Betracht zieht, was der andere wirklich braucht und welche Stärken er hat.

Nützt es einer Gesellschaft überhaupt, wenn Menschen Zivilcourage zeigen?

Wir delegieren die Verantwortung für den Erhalt unserer rechtsstaatlichen Institutionen gern an die Entscheidungsträger, an die Politiker, die Exekutive, die Polizei. Aber in Wahrheit tragen wir alle, jede Bürgerin und jeder Bürger, Verantwortung dafür, dass Gewaltfreiheit, Toleranz und Respekt bestehen bleiben. Das muss man sich vor Augen führen!