Protestaktion gegen die Menschenrechtsverletzungen im Vorfeld der olympischen Spiele in Sotschi, 2014. © l'oeilduplafond
Protestaktion gegen die Menschenrechtsverletzungen im Vorfeld der olympischen Spiele in Sotschi, 2014. © l'oeilduplafond

Sport und Menschenrechte Kein Sieg für die Menschenrechte

Interview von Julie Jeannet. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Juni 2016.
Sport wird häufig als Motor für Entwicklung, Toleranz und Respekt verkauft. Owen Gibson hält diese Rhetorik für verlogen. Der Sportjournalist beim «Guardian» betont, dass rund um grosse Sportanlässe die Menschenrechtsverletzungenzunehmen.

AMNESTY: In den letzten Jahren wurden grosse Sportanlässe wie die Fussball-WM oder die Olympischen Spiele häufig an Schwellenländer vergeben. Haben die Anlässe die dortige Menschenrechtslage verbessert?

Owen Gibson: Nein, bis anhin war das gar nicht der Fall. Zwar wird wie ein Mantra wiederholt, dass Sport die Menschenrechte voranbringe. Aber bis jetzt konnte das nicht bewiesen werden. Mega-Sportanlässe werden vor allem in diese Weltgegenden vergeben, weil multinationale Konzerne dort ihre Botschaft verbreiten wollen. 

Findet die Fussball-WM in einer neuen Region statt, können die Konzerne neue Absatzmärkte erschliessen und grosse Bauverträge abschliessen. Meistens führen grosse Sportanlässe eher zu einer Verschlechterung der Menschenrechtslage.

Wie erklären Sie sich diese Verschlechterung?

Wir müssen unterscheiden: Die prekären Arbeitsbedingungen von Migranten auf den Baustellen in Katar sind etwas anderes als die Repression vor den Olympischen Spielen in Sotschi. Aber sie werden durch die gleichen  Kräfte befördert. Staaten wie Russland oder Katar nutzen die Sportanlässe, um sich auf der Weltbühne zu positionieren und von sich reden zu machen. Dafür sind sie zu allem bereit und sie akzeptieren keine Kritik. Das jüngste Beispiel ist Aserbaidschans Hauptstadt Baku. Die europäischen Spiele waren bis anhin ein sehr unbekannter Anlass. Doch dann war Aserbaidschan bereit, 6 Milliarden US-Dollar auszugeben, um sie zu organisieren. Alle Regimegegner wurden eingesperrt. Sportanlässe haben übrigens häufig dazu gedient, die Bevölkerung zu unterdrücken.

Warum verlangen der Weltfussballverband (FIFA) oder das Internationale Olympische Komitee (IOK) nicht, dass der Respekt der Menschenrechte eine unabdingbare Bedingung für die Vergabe von Grossanlässen ist?

FIFA und IOK geben eine Unzahl von Dingen auf ganz verschiedenen Ebenen vor. In der Vergangenheit waren die Grossanlässe für die Regierungen so attraktiv, dass sie nicht davor zurückschreckten, nationale Gesetze zu ändern, wenn es nötig war. Die Sportorganisationen hätten also eindeutig die Macht, die Einhaltung internationaler Menschenrechtsstandards zu fordern. Aber sie wollen nicht. Die FIFA ist ein korruptes System, deren Tätigkeit auf die Vorteile einer Handvoll Spitzenkräfte abzielt. Es geht nicht darum, den Alltag der breiten Bevölkerungen zu verbessern.

Diesen Sommer finden die Olympischen Spiele in Rio statt. Brasilien ist in der Kritik wegen der Gewalt durch die Polizei gegenüber jungen schwarzen Menschen. Kann Sport etwas gegen Rassismus ausrichten?

Ja, Sport kann ein Motor für positive Veränderungen sein. Seine Kraft ist riesig, er ist eine universell verstandene Sprache und bringt Menschen zusammen. Leider fragt man sich heute, ob die Mega-Sportevents nicht vor allem für die privilegierten Weissen, vielleicht noch für die Mittelklasse, organisiert werden. So war es während der Fussball-WM in Brasilien und Südafrika, und es wird sicher auch während der Spiele in Rio diesen Sommer so sein. Ich sehe keine Versuche, die Gastgeberländer zu demokratisieren oder die Ressourcen gerechter zu verteilen.

Wie kann die Lage der Menschenrechte bei den kommenden Grossanlässen verbessert werden?

Ich glaube, die Zuständigen haben begriffen, dass es so  nicht weitergehen kann. Die Vergabe der WM nach Katar hat zutage gebracht, wie korrupt das System ist. Es ist ja wirklich der schlechteste Ort für eine Fussball-WM! Russland ist auch interessant, weil die Spiele mehrere Skandale ans Licht gebracht haben. Die FIFA hat versprochen, dass sie die Menschenrechtssituation bei der Vergabe der nächsten Turniere berücksichtigen wird. Aber der Graben zwischen den schönen Reden und den Taten ist immer noch ziemlich breit. Wenn wir die FIFA und das IOK immerhin dazu bringen könnten, Menschenrechtsstandards anzunehmen, wie es manche internationale Akteure in der Wirtschaft getan haben – das wäre schon ein Fortschritt.

Müsste der Sport nicht noch höhere Standards haben als die Wirtschaft?

Ja, sicher. Aber es wäre ein erster Schritt. Für mich gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den grossen Sportorganisationen und Kleidermarken, die auf moderne Sklaverei zurückgreifen. Der Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch hat letztere dazu gebracht, Massnahmen zu ergreifen, damit sich ein solcher Unfall nicht wiederholt. Nun müssen wir schauen, ob die Kleiderunternehmen die Reformen wirklich ernst nehmen.

Die FIFA hat mit Gianni Infantino einen neuen Präsidenten gewählt. Ist das die Gelegenheit für einen Neustart?

Bislang habe ich keine Beweise dafür gesehen, dass er die Reformversprechen ernst meint. Eine Reihe von Lösungsvorschlägen in einer Powerpoint-Präsentation reicht noch nicht aus. Die neue Spitze muss die Organisation wirklich reformieren. Wenn sie umsetzen, was sie ankündigten, dann können wir an Verbesserungen bei den Menschenrechten glauben. Leider war die FIFA in den letzten 40 Jahren nicht zu solchen Verbesserungen fähig. Ob sie es heute ist? Ich warte auf Beweise!