Illustration: Anne-Marie Pappas
Illustration: Anne-Marie Pappas

Dossier Schriftsteller/-innen Das Herz der Schweiz

Von Gabriel Vetter

Die Demokratie ist die höchste Form der Staatssysteme. Gut. Das heisst: Wenn man den Schweizer Souverän fragen würde: «Auf einer Skala von 1 bis 10, was ergibt 5 plus 9?», und der Souverän dann sagen würde: «Ja, das gibt 31, ganz klar!», dann würde dieses Resultat in der Verfassung verankert, und basta. So funktioniert eine gesunde Demokratie, da kann der Mathematiker noch so blöd mit seinem Taschenrechner rumfuchteln. Wenn der Schweizer Souverän das demokratisch so entscheidet, dann ist das so.

Weil, und da kommen wir zum Menschen: In der Schweiz zählt eben noch der Mensch, nicht der Taschenrechner. Handarbeit wird da gross geschrieben! In der Schweiz schlagen wir unsere Kinder auch nach wie vor von Hand, wie früher. Da braucht es doch keine Apparate aus dem Ausland; keine Roboter. Gute alte Schweizer Handarbeit.

Ja, und dann, wenn man solche Sachen schreibt, dann kommt Europa mit den Menschenrechten. Menschenrechte! Ha! Zuerst einmal: Ein Mensch, was ist das, ein Mensch? Der Mensch, das ist doch vor allem eine Frage der Definition. Solange der Souverän darüber noch nicht abgestimmt hat, was ein Mensch genau ist, und vor allem wer ein Mensch ist, solange das nicht klipp und klar ist, solange ist das noch gar nichts, ein Mensch! Wer jetzt ein etwaiger Mensch ist und wer eben nicht ein etwaiger Mensch ist, das ist bei uns in der Schweiz sowieso von Kanton zu Kanton verschieden! Ich meine, wo der Mensch aufhört und wo der Österreicher beginnt, das ist doch ein fliessender Übergang, Entschuldigung, da muss man doch sorgfältig sein! Ich meine, ein DJ Ötzi, oder ein La Paloma oder auch ein Schni-Schna-Schnappi, das kleine Krokodil, sowas war wochenlang in allen Radio-Hitparaden auf Nummer eins! Wochenlang, und da hat die Uno auch nicht interveniert von wegen Menschenrechten.

Und dann heisst es, die Schweiz habe kein Herz. Natürlich hat die Schweiz ein Herz! Grade für Minderheiten haben wir doch ein Herz. Da redeten immer alle von Occupy und wir sind die 99 Prozent. Ja, eben. Und was ist mit dem letzten Prozent, diesem letzten Einhorn der Vermögenden? Was ist mit dem vom Aussterben bedrohten einen Prozent der Superreichen? Wo können die noch unbehelligt sein? Nur noch auf den Bahamas oder bei uns. Aber auch bei uns müssen sie eingepfercht wohnen in Indianerreservaten rund um den Zugersee! Zug, das ist kein Kanton, das ist ein Naturschutzgebiet! Und dann heisst es, all diese Millionen auf den Schweizer Konten, all diese Millionen aus Italien und diese Millionen aus den USA auf unseren Konten. Ja, es ist doch gut, dass diese Millionen bei uns sein dürfen, wo sie behütet aufwachsen und gross und stark werden können, all diese Millionen! Jean Ziegler sagt es doch immer wieder: Jedes Jahr verhungern Millionen. Es ist unsere Pflicht als Schweizer, zu diesen Millionen zu schauen. Die Schweiz hatte schon immer eine humonetäre Tradition.

Und dann heisst es, die Schweiz hätte kein Herz. Sehen Sie, die Schweiz hat ein Herz! Ein riesiges Herz! Ich habe neulich ein Werbeplakat gesehen für den Gotthard. Also für den Berg, den Gotthard. Darauf stand: «Der Gotthard: Das Herz der Schweiz.» Sehen Sie, die Schweiz hat durchaus ein Herz. Den Gotthard. Das Herz der Schweiz ist ein riesiger Brocken aus Stein. Und dieser Stein ist mit Löchern durchbohrt, und in diesen Löchern sitzen die Deutschen im Stau und singen «La Paloma». So sieht das Herz der Schweiz aus.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom März 2017.