Mohamed Belhiba: «Man sieht hier ständig Tote.» © Hannah El-Hitami
Mohamed Belhiba: «Man sieht hier ständig Tote.» © Hannah El-Hitami

Flüchtlinge Bestrafung der Menschlichkeit

Von Hannah El-Hitami. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2019.
2018 ertranken über 1200 Flüchtlinge im Mittelmeer, auch 2019 werden es wieder Hunderte sein. Den Menschen an Tunesiens Küstenbleibt oft nichts anderes übrig, als die Ertrunkenen zu beerdigen.

Den ersten Toten sah Mohamed Belhiba, als er 14 war. Er war um sechs Uhr morgens mit zum Crevetten-Fischen hinausgefahren, und als die Fischer das Netz einholten, entdeckten sie den Körper des Mannes. «Er hing mit dem Gesicht nach unten im Netz», sagt der heute 32-Jährige und fügt hinzu: «Man sieht hier ständig Tote. Wen das nicht berührt, der ist kein Mensch.»

Belhiba kommt aus Zarzis, einer Kleinstadt mit gut 75'000 Einwohnern im Süden von Tunesien. Die libysche Grenze ist nur 50 Kilometer entfernt, 250 Kilometer auf dem Mittelmeer nach Nordosten liegt die italienische Insel Lampedusa. Die zentrale Mittelmeerroute, den meistgenutzten Weg für die irreguläre Migration nach Europa, haben die Menschen in Zarzis direkt vor ihrer Küste. Es ist der tödlichste Weg: Von 24'211 Menschen, die 2018 die Überfahrt versuchten, starben laut dem Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR 1276.

Die Fischer von Zarzis stossen seit Jahrzehnten auf die Flüchtlingsboote und ihre Passagiere. Manchmal können sie sie retten, manchmal nur noch die Leichen bergen.

Dieses Jahr hat die Todesquote bereits einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Fischer von Zarzis stossen nicht erst seit dem Krieg in Syrien, sondern seit Jahrzehnten auf die Flüchtlingsboote und ihre Passagiere. Manchmal können sie sie retten, manchmal nur noch die Leichen bergen. Doch seit die Europäische Union die Seenotrettung zunehmend kriminalisiert, begeben sie sich dadurch selbst in Gefahr.

Es ist sieben Uhr morgens am Fischereihafen von Zarzis. Die Kutter haben gerade angelegt und wippen sanft auf den morgendlichen Wellen hin und her. Der Fang der letzten Nacht wird in Kisten auf Fahrrädern, Rollern, in Autos und Lieferwagen abtransportiert. Auch Salaheddine M’Charek, Vorsitzender des örtlichen Fischereikollektivs, ist gerade vom Meer zurückgekommen. 40 Kilometer vor Lampedusa haben er und seine Mannschaft in der vergangenen Nacht ihre Netze ausgeworfen. Der 51-Jährige hat während seiner Arbeit schon Hunderte von Menschen gerettet – Begegnungen, die er nicht mehr vergessen wird.

Absurde Anklagen

«Einmal haben wir drei Schlauchboote mit 160 Personen gefunden», erzählt er. «Wir waren mit sechs Booten unterwegs und konnten die Menschen unter uns aufteilen. Wir haben sie versorgt und dann die ganze Nacht mit ihnen an Bord gefischt.» Das Meer sei sehr unruhig gewesen, erinnert sich M’Charek. Viele hätten sich übergeben müssen, und die Fischer fürchteten, sich den Ebola- Virus an Bord geholt zu haben. Doch krank sei zum Glück niemand geworden. M’Charek deutet mit seinem Zeigefinger gen Himmel. «Wir vertrauen auf Gott», sagt er und fügt hinzu: «Wenn Menschen in Gefahr sind, dann retten wir sie.»

«Wenn Menschen in Gefahr sind, dann retten wir sie.» Salaheddine M’Charek, Vorsitzender des örtlichen Fischereikollektivs

Obwohl der Sonnenaufgang noch keine Stunde her ist, ist es schon warm an diesem Tag Ende März. Im April und Mai, wenn das Wetter dauerhaft besser wird, werden wieder mehr Menschen die Überfahrt nach Europa versuchen. Auch Chamseddine Bourassine ist an diesem Morgen am Hafen unterwegs. Er ist der Kapitän eines Schiffs, dessen siebenköpfige Besatzung vergangenen August in italienischen Gewässern festgenommen wurde. Sie hatten versucht, einem Flüchtlingsboot zu helfen, dessen Motor ausgefallen war. Dabei hätten sie es, so lautete der Vorwurf, in italienische Gewässer hinübergezogen.

25 Tage blieben die Männer inhaftiert. Nach Protesten des Fischereikollektivs in Zarzis und Tunis, begleitet von Solidaritätskundgebungen in Italien, wurden sie schliesslich freigelassen. «Die meisten Fischer sind schockiert darüber, dass sie für eine humanitäre Tat bestraft werden können», sagt M’Charek. Sein Bruder hatte geholfen, das beschlagnahmte Schiff in Italien abzuholen, denn Bourassine, der Kapitän, hat seit seiner Freilassung ein fünfjähriges Einreiseverbot.

Die Fischer von Zarzis sind nicht die Einzigen, gegen die seit 2015 ermittelt wurde, weil sie Menschen in Not geholfen hatten. Zehn Crew-Mitgliedern des deutschen NGO-Rettungsschiffs Iuventa wird in Italien der Prozess gemacht. Ihr Schiff ist seit 20 Monaten beschlagnahmt. Die syrische Olympia-Schwimmerin Sarah Mardini und vier ihrer Mitstreiter sassen 100 Tage in Griechenland in Untersuchungshaft, weil sie Menschen aus dem Wasser gezogen hatten. Ihnen wird Spionage, Geldwäsche und Schlepperei vorgeworfen. Und auf Malta wurde «Lifeline»-Kapitän Claus-Peter Reisch zu 10'000 Euro Busse verurteilt, weil das Rettungsschiff, mit welchem er und seine Crew Hunderte Geflüchtete gerettet hatten, nicht ordnungsgemäss registriert gewesen sein soll.

Die europäischen Behörden schüren ein Misstrauen gegenüber Menschen auf der Flucht und all denen, die sich mit ihnen solidarisch zeigen.

Dies sind wenige Beispiele eines europaweiten Trends, Seenotrettung zu kriminalisieren. Nur in vier EU-Ländern ist Profit eine Voraussetzung für den Vorwurf, Schlepper zu sein. In allen anderen Staaten kann auch als Schlepper angeklagt werden, wer aus humanitären Gründen einen Menschen über eine Grenze transportiert hat – so wie die Fischer von Zarzis, die das Flüchtlingsboot in italienische Gewässer gezogen haben sollen. Obwohl bisher nur sehr wenige Menschen für ihren Einsatz für Geflüchtete verurteilt wurden, schüren die europäischen Behörden mit den Verfahren ein Misstrauen gegenüber Menschen auf der Flucht und all denen, die sich mit ihnen solidarisch zeigen. Ausserdem schränken die Gerichtsprozesse, die sich lange hinziehen und sehr teuer sind, die Aktivistinnen und Aktivisten in ihrem Alltag stark ein und legen ihre Arbeit auf dem Mittelmeer lahm.

Familie für die Toten

Die Folgen solcher Massnahmen sind am Stadtrand von Zarzis, ein Stück weiter landeinwärts, zu sehen. Ein ungepflasterter Weg führt zwischen Olivenfeldern und gelb leuchtenden Chrysanthemen hindurch zum Friedhof der Unbekannten. Ganz ruhig ist es auf der kleinen Fläche inmitten von Feldern. Die unscheinbaren Gräber sind Sandhügel mit Blumen darauf. Hier hat Chamseddine Marzoug seit 2011 etwa 400 Menschen aus Subsahara- Afrika beerdigt. «Wir konnten einfach keine Toten mehr in Müllwagen sehen», sagt er, während er langsam zwischen den Gräbern umhergeht. «Die Einzige, deren Namen wir kennen, ist Rosemary», sagt er und zeigt auf ein Grab mit richtigem Grabstein. Eine Cousine und der Freund der Frau waren aus dem Meer gerettet worden, Rosemary jedoch hatte nicht überlebt.

Zuletzt hat Marzoug hier am Anfang des Monats einen Mann bestattet. «Die Menschen haben hier keine Familie», sagt er ruhig, mit ernstem Blick. «Ich erlaube mir, ihre Familie zu sein.» Der 53-Jährige war früher selbst Fischer, seit einem Unfall fährt er nur noch gelegentlich aufs Meer. Heute ist er für das Rote Kreuz tätig und reist um die Welt, um sich mit Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Bereich der Seenotrettung zu vernetzen. Wenn Marzoug über die EU redet, wird klar: Für ihn ist sie gleichbedeutend mit Abschottung und Ertrinkenlassen. «Die EU will zivilisierter sein als alle anderen, dabei besitzt sie kein bisschen Menschlichkeit», sagt er. «Für sie sind diese Toten nur Zahlen, keine Menschen.» Das Schlimmste aber sei für ihn, dass die EU-Staaten nun auch die Seenotrettung kriminalisieren wollen. «Das ist, als würden sie direkt zu den Menschen sagen: ‹Ertrinkt doch.›»