Hier nahm alles seinen Anfang: Das Stonewall Inn im Greenwich Village, Lower Manhattan, New York City. © shutterstock.com
Hier nahm alles seinen Anfang: Das Stonewall Inn im Greenwich Village, Lower Manhattan, New York City. © shutterstock.com

LGBTI* Die Geburt der Gay Pride

Von Antonia Jensen. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2019.
Im Stonewall Inn in New York wehrten sich Schwule, Lesben und trans Menschen vor 50 Jahren gegen Polizeirepression. Zum Auslöser des sechstägigen, gewalttätigen Aufstands im Juni 1969 gibt es verschiedene Versionen. Einig sind sich die meisten aber, was die Bedeutung der Ereignisse betrifft: Sie haben die moderne LGBTI*-Bewegung begründet.

Jede Pride gedenkt der Unruhen an der Christopher Street in New York vor bald 50 Jahren. Möglicherweise machen die heutigen bunten Paraden vergessen, dass die damaligen Auseinandersetzungen die Folge von systematischer Diskriminierung und Stigmatisierung waren. Eine grosse Zahl Unzufriedener reagierte mit Gegengewalt auf die herrschende Repression.

1969 waren queere Bars zwar legal, trotzdem wurde im Stonewall Inn in dieser Nacht vom 28. Juni eine Razzia durchgeführt. ZeitzeugInnen berichteten, dass das Stonewall Inn eigentlich eine schreckliche Bar gewesen sei. Die Mafia habe sich das Lokal ausgesucht, um mit Menschen am Rande der Gesellschaft Geld zu machen; der Betreiber der Bar habe nicht mal eine Schankerlaubnis gehabt. So fanden sich dort Menschen ein, die in den etablierten Lokalen keinen Zugang hatten: obdachlose Jugendliche, lateinamerikanische und schwarze Dragqueens, schwule Sexarbeiter, Lesben. Bei der Razzia vom 28. Juni wurden einmal mehr zahlreiche dieser Menschen verhaftet, die sich dabei jedoch erstmals widersetzten.

Die Details, wie genau der Aufstand entflammte, sind uneinheitlich überliefert. Eine Quelle behauptet, die 17-jährige Sylvia Rivera habe eine Flasche nach einem Polizisten geworfen, nachdem sie von dessen Schlagstock getroffen worden sei. Weitere erzählen, dass eine Lesbe sich dagegen gewehrt habe, in ein Polizeiauto gesteckt zu werden, und die umstehende Menge angespornt habe, sich zu widersetzen. Andere wiederum sagen, es sei die schwarze trans Frau Marsha P. Johnson gewesen, die den ersten Stein geworfen habe. Fakt ist, dass eine Person begann, sich gegen die Gewalt zur Wehr zu setzen, und dass sich daraufhin Umstehende solidarisierten, bis eine ganze Bar und eine ganze Strasse angesteckt wurden. Es begann eine Schlägerei, in der die Polizisten schnell überwältigt wurden. Die Beamten zogen sich in die Bar zurück. Die Nachricht von der Schlägerei verbreitete sich rasch, und immer mehr Anwohnende und Besuchende nahegelegener Bars strömten zum Ort des Geschehens. Sie warfen Steine und Flaschen und riefen: «Gay Power», oder: «Gay is good».

Während dieser Nacht griff sich die Polizei zahlreiche «zu weiblich aussehende » Männer und misshandelte sie, es gab 13 Festnahmen, und vier Polizisten wurden verletzt. Die genaue Zahl der verletzten Protestierenden ist nicht bekannt, mindestens zwei wurden jedoch von der Polizei schwer verletzt. Geschätzte 4000 Personen protestierten, gegen die 400 Polizisten eingesetzt wurden. In der folgenden Nacht kehrten die Skandierenden zurück. Die Proteste waren jedoch weniger gewalttätig als in der ersten Nacht. Fünf Tage nach der Razzia kam es erneut zu Protesten beim Stonewall Inn, rund 1000 Menschen versammelten sich und verursachten erheblichen Sachschaden.

Beginn einer Bewegung

Die Kräfte, die bereits lange vor dem Aufstand unter der Oberfläche gebrodelt hatten, blieben nun nicht länger verborgen. Ende Juli formierte sich die Gay Liberation Front (GLF) in New York, und Ende des Jahres war sie in vielen Städten und Universitäten des Landes präsent. Allerdings handelt es sich nicht um eine makellose Erfolgsgeschichte, denn schon bald wurden AfroamerikanerInnen und trans Personen von Schwulen und Lesben des Mainstreams ausgeschlossen. Ab 1973 durften trans Personen nicht mehr Mitglied der Gay Activists Alliance (GAA) sein, der Nachfolgeorganisation der GLF, weil diese sich dadurch bessere Chancen für ein Antidiskriminierungsgesetz (Gay Rights Bill) versprach. Die offene Diskriminierung innerhalb der Community gegenüber trans Menschen und Nicht-Weissen stand in Widerspruch zum eigentlichen Anliegen der Bewegung, gilt doch der Gay-Pride-Regenbogen als Zeichen der Toleranz und Akzeptanz gegenüber der Vielfalt von verschiedenen Lebensformen.

Derweil wurden weltweit ähnliche Organisationen von Schwulen und Lesben gegründet, unter anderem in Kanada, Frankreich, Grossbritannien, Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Australien und Neuseeland. Im folgenden Jahr organisierte die Gay Liberation Front im Gedenken an den Stonewall-Aufstand einen Marsch vom Greenwich Village zum Central Park. Zwischen 5000 und 10 000 Menschen nahmen teil und begründeten damit die Tradition des Christopher Street Day (CSD), mit der viele Gay-Pride- Bewegungen seither im Sommer das Andenken an diesen Wendepunkt in der Geschichte der Diskriminierung von Queers feiern. Sich gemeinsam zu zeigen, signalisiert auch, dass der heutige Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt eine Folge von aktivistischem Einsatz war – und dass Wachsamkeit gefragt ist, damit diese sozialen Errungenschaften nicht wieder wegfallen.

Erinnerungstafel am Stonewall Inn in New York. © Leonard Zhukovsky / shutterstock.com

Die Folgen von Stonewall

Musste Homosexualität in den 1950er-Jahren aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung und strafrechtlicher  Verfolgung geheim gehalten werden, begann in der Folge der 68er-Bewegung und der sexuellen Revolution ein sozialer Wandel. Lesben und Schwule traten verstärkt öffentlich mit ihren Forderungen in Erscheinung, es organisierte sich eine Homosexuellenbewegung. Mit der gesellschaftlichen Liberalisierung änderte sich auch das  politische Klima. In einigen Ländern fielen in dieser Zeit die strafrechtlichen Beschränkungen homosexueller Beziehungen, beispielsweise in England und Wales (1968), Kanada (1969), der BRD (1969) und Norwegen (1972). In Frankreich und den Beneluxstaaten war Homosexualität bereits Ende des 18. Jahrhunderts legalisiert worden. Die  tatsächliche Gleichstellung wurde in den meisten Ländern jedoch deutlich später verwirklicht, in weiten Teilen der  Welt steht sie noch immer aus.

Die Situation in der Schweiz

Auch hierzulande kämpfen LGBTI*-Menschen seit Jahrzehnten für mehr Rechte – mit einigem Erfolg. Die in der  Schweiz bis 1942 bzw. 1991 bestehenden strafrechtlichen Sanktionen gegen Homosexualität haben heute keine  Bedeutung mehr. Seit 2007 existiert die Möglichkeit einer «eingetragenen Partnerschaft» für homosexuelle Paare. Viele Lesben und Schwule hoffen, dass die «Ehe für alle» bald eingeführt wird – und damit auch für sie die  Möglichkeit zur Heirat. Seit Jahren fordern Schweizer LGBTI*-Gruppen zudem, dass die rechtlichen Bestimmungen für Adoptionen aufgeweicht und Regenbogenfamilien besser geschützt werden. Seit 2018 ist immerhin die  Stiefkindadoption für Paare in einer eingetragenen Partnerschaft und im Konkubinat möglich.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin von Queeramnesty vom April 2019: 50 Jahre Stonewall: Wie die Gay-Pride zu einer Menschenrechtsparade wurde