© Anne-Marie Pappas, www.annemariepappas.com
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Sexuelle Gewalt «Sexuelle Gewalt erhält das Patriarchat aufrecht»

Interview von Nadia Boehlen. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom Juni 2019.
Obwohl sich die Beziehung zwischen den Geschlechtern verändert, ist sexuelle Gewalt nach wie vor weit verbreitet. Warum? Die Soziologin Marylène Lieber gibt Antworten.
AMNESTY: Ist sexuelle Gewalt im Grunde eine extreme Form von Dominanzverhalten?

Marylène Lieber: Ja, selbstverständlich. Sexuelle Gewalt ist letztlich nichts anderes als der Wille, seine Macht über eine andere Person geltend zu machen. Bei sexueller Gewalt, die ja nicht nur von Männern gegenüber Frauen ausgeübt wird, geht es darum, dass das Gegenüber nicht als Person mit eigenen Wünschen und Emotionen betrachtet wird.

In den westlichen Ländern scheint das patriarchale System auf dem Rückzug zu sein.

Wir befinden uns in einer paradoxen Situation. In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Patriarchat gründlich infrage gestellt. Eine ganze Reihe von Gesetzen zur Gleichstellung von Mann und Frau wurde verabschiedet. In der Schweiz hat das Diskriminierungsverbot Eingang in die Verfassung gefunden. Das Strafgesetzbuch anerkennt verschiedene Formen der Gewaltausübung als Straftat, darunter Vergewaltigung in der Ehe. Unsere Wahrnehmungen, Verhaltensweisen und Reflexe bleiben aber in der Hierarchisierung von Mann und Frau verhaftet.

Trotz neuen Beziehungsformen zwischen den Geschlechtern überdauert die sexuelle Gewalt …

Diese Form der Gewalt wird nicht zuletzt auch ausgeübt, um die bisherigen geschlechtsspezifischen Machtverhältnisse zu bekräftigen. Sie erhält das patriarchale System aufrecht. Es sind also Reaktionen, die ich als «sexuell konnotierte Massregelung» bezeichne: Gewaltanwendungen, mit denen Frauen zurechtgewiesen werden, wenn sie sich nicht so verhalten, wie «man» es von ihnen im öffentlichen Raum erwartet.

Äussert sich sexuelle Gewalt heute anders als früher?

Das Internet ermöglicht neue Formen der Belästigung. Ein Beispiel dafür ist die «Ligue du LOL» (rund dreissig wegen Cyber-Mobbing angeklagte Mitglieder einer Facebook-Gruppe, Anm. der Red). In dieser Gruppe gab es Journalisten französischer Zeitungen, die in den sozialen Medien Frauen und Homosexuelle aus ihrem Bekanntenkreis demütigten. Dieser Fall zeigt aber auch, dass die Toleranz gegenüber solchen Taten gesunken ist: Nach einer gewissen Zeit wurden nämlich Verfahren eröffnet und es rollten Köpfe.

Hat der Weinstein-Skandal zu dieser Entwicklung beigetragen?

Ja, Weinstein, #MeToo und alles, was danach noch kam. In Lausanne haben Medizinstudentinnen eine Plakatkampagne lanciert, mit der sie auf abfällige Bemerkungen hinwiesen, denen sie auch heute noch ausgesetzt sind. Zum Beispiel: «Falls du noch nicht schwanger bist – ich kann dafür sorgen!» Durch die Affäre Weinstein wurde das Schweigen gebrochen. Sie hat ausserdem aufgezeigt, dass Gewalt als Bekräftigung männlicher Vorherrschaft in allen Gesellschaftsschichten vorkommt. Seither kann man sexuelle Gewalt nicht mehr als individuelles Phänomen im Zusammenhang mit geringer Bildung, Armut oder Alkoholkonsum abtun – die Skandale haben ihren systemischen und strukturellen Charakter sichtbar gemacht.

Wie kommt es, dass sexistische Vorurteile fortbestehen?

Sie beruhen auf einer Doppelmoral in der Wahrnehmung der Sexualität. Das Bild von der aktiven, überbordenden männlichen Sexualität, die nicht aufzuhalten ist, hält sich hartnäckig. Weibliche Lust bleibt aber ein Unding. Junge Frauen, die ihre Sexualität aktiv ausleben – und die gibt es glücklicherweise –, werden rasch als «leichte Mädchen» oder Schlampen kategorisiert. Solche Wahrnehmungen haben Bestand. In vielen Fernsehserien werden sexuell aktive junge Frauen als Personen mit Problemen oder als labil dargestellt. Sexuell zurückhaltend zu sein, ist für Frauen nach wie vor eine Pflicht. Allerdings hat sich die Haltung gegenüber Vergewaltigungen verändert. Früher wurde Vergewaltigung als ein Angriff auf die Familie und deren Ehre wahrgenommen, heute wird sie als Vergehen gegen die betroffene Person verstanden.

Tragen denn nicht auch Frauen zur Bekräftigung solcher Stereotypen bei?

Ja, auch Frauen tragen dazu bei. Mädchen werden weiterhin mit den herkömmlichen Vorstellungen vom weiblichen Körper grossgezogen, der begehrenswert und attraktiv zu sein hat. Es ist sehr schwer, sich solcher Vorstellungen zu entledigen. Aus diesem Grund ist die Prävention extrem wichtig. Sich so zu verhalten, dass die körperliche Integrität und der Wille des Gegenübers respektiert bleiben, muss schon in der Schule gelehrt werden.

Wie erklären Sie sich, dass die meisten Frauen immer noch davon absehen, eine sexuelle Gewalttat anzuzeigen?

Die Frauen erstatten keine Anzeige, weil sie dabei zu viel zu verlieren haben. Es gibt ein starkes soziales Stigma, das mit Vergewaltigung verbunden ist. Die Frauen wollen sich auch nicht als Opfer sehen. Und sie wissen, wie schwierig es ist zu beweisen, dass es kein Einverständnis gab, wenn die Gegenseite das Gegenteil behauptet. So ist es extrem schwierig zu erreichen, dass ein Gericht eine Vergewaltigung als solche anerkennt. Nach einem sexuellen Übergriff haben die Frauen auch ein Schuldgefühl. Sie sagen sich, letztlich seien sie selbst schuld; sie hätten nicht die nötige Vorsicht walten lassen und sich dem Risiko einer Vergewaltigung ausgesetzt.

Weshalb führen Anzeigen wegen Vergewaltigung denn so selten zu einem Schuldspruch?

Der Mythos des Vergewaltigers, der dem Opfer nicht bekannt ist und brutal in der Öffentlichkeit über die Frau herfällt, ist nach wie vor sehr präsent – auch bei PolizistInnen, AnwältInnen, RichterInnen. Das wirkt sich darauf aus, wie das Recht angewandt wird. Bei Angriffen im öffentlichen Raum ist die Chance grösser, dass der Angreifer für schuldig befunden wird – wenn man ihn denn gefunden hat. In mehr als der Hälfte der Fälle aber kennen die Frauen ihren Vergewaltiger; oft ist es ihr Partner oder jemand, mit dem sie zunächst geflirtet haben. In diesen Fällen endet die Anzeige praktisch nie mit einer Verurteilung.

Die Definition dessen, was Vergewaltigung ist, weist nach wie vor Lücken auf.

 Ja, es gibt eine Diskrepanz zwischen der strafrechtlichen und der gesellschaftlichen Definition sexueller Gewalt. Letztere geht viel weiter und beinhaltet eine ganze Reihe von Aggressionsformen, die die Justiz nur mit Mühe zu erfassen vermag. So gilt für das Schweizer Strafgesetzbuch nur die vaginale Penetration mit dem Penis als Vergewaltigung, es können also nur Frauen vergewaltigt werden. Es wird auch grosses Gewicht darauf gelegt, dass der Vergewaltiger klar verstanden haben muss, dass das Opfer nicht eingewilligt hatte. Dies führt vor allem in jenen Fällen zu einem hohen Anteil an Freisprüchen, in denen sich die beiden Involvierten vor der Tat kannten.