Lenin Bista engagiert sich heute für andere Kindersoldaten und -soldatinnen – in Nepal und weltweit. © zvg
Lenin Bista engagiert sich heute für andere Kindersoldaten und -soldatinnen – in Nepal und weltweit. © zvg

Nepal Schwierige Rückkehr ins Zivilleben

Von Emilie Mathys. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2019.
Lenin Bista hatte für die maoistische Guerilla in Nepal gekämpft, nun kämpft er für Gerechtigkeit – für sich und andere, denen dasselbe widerfuhr. Begegnung mit einem ehemaligen Kindersoldaten.

Lenin Bista erscheint fast eine Stunde vor unserem vereinbarten Termin im Amnesty-Büro. Kaum zur Tür hereingekommen, beginnt der 28-Jährige, uns seine Geschichte und über den Zweck seines Aufenthalts in Genf zu berichten: In der Tasche hat er eine von ihm lancierte Petition an das Uno-Hochkommissariat für Menschenrechte, die Gerechtigkeit für die ehemaligen Kindersoldatinnen und -soldaten Nepals fordert.

Gewalt und Demütigungen

Mit seiner modischen Brille und seinem breiten Lachen fällt es schwer, sich Lenin Bista als eines von Tausenden Kindern vorzustellen, welche die maoistische Guerilla während des nepalesischen Bürgerkriegs als SoldatInnen rekrutiert hatte. Eines Kriegs, in welchem die Monarchie und die Regierung auf der einen Seite und die Kommunistische Partei auf der anderen Seite standen und der von 1996 bis 2006 dauerte. Bista war erst 12 Jahre alt, als er das erste Mal der Rekrutierungssektion der maoistischen Bewegung begegnete. Ihre Botschaft bewegte ihn, die Bewegung sprach vor allem die ärmsten Bevölkerungsschichten an. So schloss er sich ihr als Kämpfer an. Bista wurde dem Nachrichtendienst zugeteilt. «Meine Aufgabe war es, genug Informationen für den nächsten Angriff zu sammeln», erzählt er.

Vier Jahre vergingen, in denen der Junge Opfer von Demütigungen und Gewalt wurde. Nachdem der «nepalesische Volkskrieg» im November 2006 mit einem Friedensabkommen offiziell ein Ende fand, kümmerten sich einzig die Vereinten Nationen um die Reintegration der KindersoldatInnen. «Die Regierung hat uns komplett im Stich gelassen », betont Bista mit Bitterkeit. Der ehemalige Kämpfer wurde in ein von der Uno kontrolliertes Lager geschickt, wo er und andere ehemalige SoldatInnen zwischen der Integration in die nationale Armee und der Entlassung ins Zivilleben wählen sollten. Ein Plan, der von der Regierung mit der offiziellen Begründung abgelehnt wurde, dass Lenin Bista und weitere KindersoldatInnen für Ersteres nicht in Frage kämen, da sie zur Zeit der Unterzeichnung des Friedensabkommens noch minderjährig gewesen seien.

Im Stich gelassen

Lenin Bista stand ohne Jobperspektive da. «Ich hatte vier Jahre Schule verpasst», sagt er, «und somit schlechte Voraussetzungen, um mich wieder in die Gesellschaft einzugliedern und eine Arbeit zu finden.» Von Arbeitslosigkeit seien mehrere Generationen betroffen, ruft Bista in Erinnerung, da auch die erwachsenen ehemaligen KämpferInnen nur schlecht in die Gesellschaft reintegriert und ihre Kinder benachteiligt würden. Er erzählt, dass einige seiner ehemaligen Kameraden sich sogar das Leben nahmen, weil sie es nicht schafften, in der nepalesischen Gesellschaft einen Platz für sich zu finden, und ausgeschlossen wurden. Niemand kümmere sich um sie, trotz den Erfahrungen und Traumata, die sie hätten durchmachen müssen, so Bista. Er aber entschloss sich, das Verpasste aufzuholen, stürzte sich in ein Fernstudium und schloss mit einem Hochschuldiplom ab. Aber er und die anderen ehemaligen KindersoldatInnen bleiben gesellschaftlich ausgegrenzt, es gibt auch keine Rehabilitation für die insgesamt rund 3000 ehemaligen KindersoldatInnen. Also entschloss er sich, die Discharged People’s Liberation Army Nepal zu gründen. Die Organisation, die heute Peace Envisioners Nepal heisst, setzt sich für ehemalige KindersoldatInnen ein, für ihre Anerkennung, Sicherheit und Wiedereingliederung und vor allem für ihre Bildung.

Dieses Engagement gefällt jedoch weder den MaoistInnen noch der Regierung. Bista wurde sogar entführt, um zu verhindern, dass er eine Kampagne lanciert. Im August 2018 verbot ihm die Regierung ausserdem, nach Thailand zu reisen, wo er an einer Friedenskonferenz hätte teilnehmen sollen. Mit seiner Petition will Bista die Vereinten Nationen auf sein Anliegen aufmerksam machen, damit die Uno Druck auf Nepal ausübt. Alle ehemaligen KindersoldatInnen sollen zu einer politischen Priorität werden und Gerechtigkeit erfahren – alle, weltweit. «Es ist ein globales Problem», wird Bista nicht müde zu sagen.

Am Ende unseres Gesprächs die Frage, was er sich für seine Zukunft wünsche. «Ich möchte die Öffentlichkeit weiterhin über dieses Thema informieren, damit Gerechtigkeit entsteht », antwortet er. «Und vielleicht etwas Land und Arbeit, für ein einfaches Leben», ergänzt er, bevor er sich auf den Weg zu seiner nächsten Station – das Ziel ist Paris – macht.

 


Nepals Kinder im Krieg

Von 1996 bis 2006 befand sich das Land im Himalaja in einem Bürgerkrieg, die maoistische Kommunistische Partei Nepals kämpfte gegen die Monarchie und das hinduistische Kastensystem. Laut der Nachkriegsregierung wurden mehr als 16 000 Menschen im Guerillakrieg getötet, darunter viele ZivilistInnen, die in der Folge der Kämpfe oder durch Minen umkamen. Die Zivilbevölkerung wurde zwischen den Kriegsparteien aufgerieben und zum Teil gezielt zur Zielscheibe der Kombattanten, wie Amnesty International in einem Bericht 2005 festhielt; dabei wurden auch Kinder und Jugendliche gefoltert, hingerichtet oder sexuell missbraucht. Viele Mädchen wurden zu Sexsklavinnen gemacht und teilweise auch ins Ausland verkauft. Die MaoistInnen hatten in ihrer Armee mehr als 3000 KindersoldatInnen beschäftigt. Der Krieg endete mit einem Friedensabkommen, das die Umwandlung Nepals in eine Republik unter Einbezug der maoistischen Bewegung zur Folge hatte.

 


KindersoldatInnen weltweit

Gemäss Unicef werden nach internationalen Schätzungen weltweit rund 250 000 Mädchen und Jungen in mehr als 20 Ländern in bewaffneten Konflikten als KindersoldatInnen eingesetzt. Die meisten Kinder und Jugendlichen werden erst entführt und schliesslich zwangsrekrutiert, nur wenige schliessen sich den bewaffneten Gruppen aus ideologischer Überzeugung an. Manche tun dies auch schlicht aus Not, weil sie nur so zu Nahrung und Schutz kommen. Innerhalb der Truppen sind sie aber meist Gewalt ausgesetzt und werden mit Zwang zum Befolgen der Befehle gebracht – wobei sie oft auch als unverdächtige AttentäterInnen eingesetzt werden. Kinder werden aber nicht nur zum Kämpfen benutzt, sondern zum Beispiel auch als Späherin, Koch oder Trägerin. Insbesondere Mädchen – aber nicht nur – werden häufig sexuell ausgebeutet. Seit 2002 verbietet ein Protokoll zur Uno-Kinderrechtskonvention den erzwungenen Kriegseinsatz von Jugendlichen unter 18 Jahren.