«Das Beängstigende ist, dass das jedem passieren kann»: Sarah Mardini und Seán Binder sassen über 100 Tage in Untersuchungshaft und warten auf ihr Gerichtsverfahren. © AI
«Das Beängstigende ist, dass das jedem passieren kann»: Sarah Mardini und Seán Binder sassen über 100 Tage in Untersuchungshaft und warten auf ihr Gerichtsverfahren. © AI

Jugendliche Haft fürs Helfen

Von Franziska Grillmeier. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2019.
Sarah Mardini und Seán Binder kümmerten sich auf Lesbos um Flüchtlinge. Dafür drohen den beiden jungen Menschen nun 25 Jahre Gefängnis.

Es ist sechs Uhr morgens, am Flughafen in Lesbos hält Sarah Mardini ihr Ticket schon in der Hand. Gleich soll ihr Flug nach Berlin starten. Nach neun Monaten als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin auf Lesbos will sie ihr Studium in Berlin wieder aufnehmen, sie will in ihr Leben in Deutschland zurückkehren. Doch Sarah verpasst ihren Flug. Sie wird kurz vor der Sicherheitskontrolle von griechischen PolizistInnen festgenommen. Die PolizistInnen sagen, Sarah könne am nächsten Morgen auf Kosten der griechischen Regierung weiterfliegen – falls alles in Ordnung sei. Doch Sarah kommt an diesem 21. August 2018 nicht frei, und auch nicht an den folgenden Tagen. Seán Binder, der die vergangenen Monate an der Seite von Sarah bei der Erstversorgung von Geflüchteten an der Küste von Lesbos half, eilt zur Polizeistation. «Ich dachte, sie hätten einen Fehler gemacht», sagt Seán, «ich wollte das Missverständnis aufklären.» Als er bei der Polizeiwache seine Hilfe zur Aufklärung des Falls anbietet, wird er selbst festgenommen. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen die beiden wiegen schwer: Menschenschmuggel, individuelle Bereicherung durch Spenden, Geldwäsche, Spionage und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung.

Die Anklage fusst laut der griechischen Polizei auf einer sechsmonatigen Ermittlung: Bereits im Februar 2018 wurden Sarah und Seán bei einer Fahrzeugkontrolle angehalten, als sie die Küste von Lesbos auf und ab fuhren, um nach neu ankommenden Booten Ausschau zu halten. Die PolizistInnen fanden ein zweites, militärisches Kennzeichen unter dem griechischen Nummernschild. Sie beschlagnahmten Handys und Laptops und nahmen die beiden mit auf die Polizeistation. Nach 48 Stunden wurden sie wieder freigelassen. In den folgenden Monaten hörten sie nichts mehr von der Polizei.

Im Ungewissen

Nach der erneuten Festnahme im August 2018 erklären die ErmittlerInnen in einem ungewöhnlich langen Statement, Sarah und Seán hätten sich mit verschlüsselten Whatsapp-Nachrichten über die Migrationsrouten im Mittelmeer verständigt und den Funkverkehr der Küstenwache abgehört, um Menschen illegal über die nordöstlichen Ägäischen Inseln nach Griechenland zu bringen. Dieses Mal kommen sie nicht so rasch frei. Sarah teilt sich die Zelle mit zwei anderen Frauen, denen sie ein paar Brocken Englisch beibringt, um die Zeit totzuschlagen. Die Frauen klagen über zu wenig Wasser, zu wenig Essen. Duschen? Nur alle zwei Tage. Nach zwei Wochen wird Seán in das Männergefängnis von Chios gebracht. Und Sarah ins Hochsicherheitsgefängnis Korydallos in der Nähe von Athen. Sie beide wissen nicht, wie lange diese Unsicherheit noch andauern soll. Niemand macht genaue Angaben. Bis zu 25 Jahre können sie laut ihren Anwälten für die Anklagen hinter Gitter kommen. Und das, weil sie Menschen das Leben retteten?

Anpacken, wenn Not herrscht

Sarah Mardini, 24 Jahre alt, wurde mit ihrer eigenen Fluchtgeschichte 2015 berühmt. Ihre Schwester Yusra und sie waren beide professionelle Schwimmerinnen und trainierten vor ihrer Flucht mit dem syrischen Nationalteam. Als bei der Überfahrt zwischen der türkischen Küste und Lesbos der Motor des Schlauchboots ausfiel, liessen sich die beiden Schwestern ins Wasser gleiten und zogen das Boot mit 18 Menschen schwimmend hinter sich her, bis sie die Lichter der Insel sahen. Bereits ein halbes Jahr nach ihrer eigenen Flucht nach Berlin im Herbst 2015 entschied sich Sarah das erste Mal, nach Lesbos zurückzukehren, um denen zu helfen, die noch immer auf der Insel festsassen. Seitdem verliess sie ihr neues Leben in Berlin immer wieder für mehrere Monate, um auf Lesbos ehrenamtlich mitanzupacken.

Auch Seán Binder ist zum Zeitpunkt seiner Verhaftung über ein Jahr als ehrenamtlicher Mitarbeiter auf der Insel. Der 25-jährige Deutsch-Ire entschloss sich nach einem Masterstudium mit dem Schwerpunkt Europäische Verteidigungs- und Sicherheitspolitik zu diesem Einsatz. Als ausgebildeter Rettungsschwimmer konnte er, wie Mardini, professionell und gezielt helfen.

Hunderte HelferInnen versuchen seit Jahren, die prekäre Situation für Menschen auf der Flucht, die an den Grenzen Europas stranden, zu lindern. Seit dem Abkommen zwischen der EU und der Türkei im März 2016 leben über 12 000 Menschen unter katastrophalen Verhältnissen im Auffanglager Moria auf Lesbos und kommen weder vor noch zurück. Manche werden erst nach zwei Jahren zum ersten Mal befragt. Und immer noch kommen weitere Asylsuchende aus der Türkei in Schlauchbooten an der Küste an. Froh, dass sie überlebt haben, wissen sie noch nicht, was vor ihnen liegt. Als gelernter Rettungsschwimmer half Seán abends bei der Erstversorgung der ankommenden Flüchtlinge, Sarah arbeitete tagsüber als Übersetzerin im Flüchtlingslager von Moria und half abends an der Küste, wenn die Schlauchboote eintrafen. Sie zogen Ankommende aus dem Wasser, wickelten sie in Decken, leisteten medizinische Erstversorgung und brachten sie anschliessend zu den Bussen, die Neuankömmlinge in das Auffanglager in Moria transportierten.

Vorwurf: Menschenschmuggel

Sarah und Seán waren damit zwei von vielen ehrenamtlichen HelferInnen mit professionellem Hintergrund, die versuchen, die Lücken im Versorgungssystem für Menschen auf der Flucht zu füllen. Und sie arbeiteten in einer Zeit, in der FlüchtlingshelferInnen stärker ins Fadenkreuz der Behörden geraten. Der Vorwurf: Sie würden den Geflüchteten die Überfahrt nach Europa erleichtern. Schon 2016 standen drei spanische Feuerwehrleute wegen Menschenschmuggel vor Gericht, die als Seenotretter gearbeitet hatten. Der Prozess zog sich zwei Jahre in die Länge, bis sie freigelassen wurden.

Die Geschichte von Sarah und Seán ist bei Weitem kein Einzelfall. In ganz Europa werden Menschen, die Flüchtenden helfen und sich für deren Rechte einsetzen, angegriffen. «Das Beängstigende ist nicht, dass ich ohne Prozess im Gefängnis sass oder dass ich noch immer mit 25 Jahren Gefängnis konfrontiert werde. Das wirklich Beängstigende ist, dass dies jedem passieren kann, weil Staaten die bestehenden Gesetze zum Schutz der Humanität nicht einhalten. Noch schlimmer ist es, dass Menschen, die vor Verfolgung fliehen, nicht nur in ihren Herkunftsländern in Gefahr sind, sondern auch in Europa», sagt Seán.

Sarah und Seán kamen am 3. Dezember 2018 nach über 100 Tagen in Gefangenschaft auf Kaution frei. Noch immer warten sie auf die Entscheidung des griechischen Gerichts, ob ihnen ein Prozess gemacht wird, der 25 Jahre Haft bedeuten kann.

Franziska Grillmeier ist freie Journalistin und lebt auf Lesbos.