Vergewaltigte Frauen sowie unverheiratete Mütter werden nach wie vor stigmatisiert. © Shantelle Spencer
Vergewaltigte Frauen sowie unverheiratete Mütter werden nach wie vor stigmatisiert. © Shantelle Spencer

Sierra Leone Nationaler Notstand

Von Frank Odenthal. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2020.
In Sierra Leone in Westafrika gehören Vergewaltigungen und sexuelle Belästigungen zum Alltag vieler Mädchen und Frauen. Inzwischen hat die Regierung den Handlungsbedarf erkannt und die Gesetze angepasst.

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Betty* wurde während der Beerdigung ihres Vaters vergewaltigt, da war sie acht Jahre alt. Ihre Mutter hatte sie zur Beisetzung nicht mitnehmen wollen, sondern sie in der Obhut einer Tante gelassen. Ein Freund der Familie gesellte sich dazu und überredete Betty zu einem Spaziergang. Es war ein ungewöhnlich langer Spaziergang, erinnert sich Betty später, bis zum Nachbardorf und darüber hinaus.

Der Mann befahl dem Mädchen, sich auszuziehen, und vergewaltigte sie. Anschliessend schickte er sie zu einer nahen Wasserstelle, wo sie sich waschen sollte. Als sie zurückkam, fiel er erneut über sie her. Das Ganze wiederholte sich insgesamt dreimal. Schliesslich liess er von ihr ab, und Betty wurde kurz darauf von Anwohnern des benachbarten Dorfes stark blutend und mit schweren inneren Verletzungen gefunden und zu ihrer Familie und dann in ein Krankenhaus gebracht, wo man ihr Leben retten konnte. Der Fall trug sich 2018 zu, der Täter wurde kurz darauf verhaftet.

Vergewaltigungen haben in Sierra Leone ein solches Ausmass angenommen, dass sich Staatspräsident Julius Maada Bio im Februar 2019 gezwungen sah, den Notstand aufgrund von sexueller Gewalt auszurufen – es ist der weltweit erste, der wegen überbordender Vergewaltigungen verhängt wurde.

Stigmatisierte Opfer

2018 meldeten die Erstaufnahmestationen für Opfer sexueller Gewalt, die sogenannten Rainbo Center, 3138 Fälle. Im Jahr 2013 waren es noch 1824. Jeden Tag wenden sich rund zehn Personen, zumeist Frauen, wegen sexueller oder geschlechtsbasierter Gewalt an eines der fünf Rainbo Center des Landes. Doch die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Schuld daran ist ein Phänomen, das als «victim blaming» bekannt ist: Den betroffenen Frauen wird vorgehalten, durch ihr Verhalten, ihren Kleidungsstil etwa, eine Vergewaltigung provoziert zu haben und somit eine Mitschuld zu tragen. Die Opfer werden stigmatisiert. In rund der Hälfte der Fälle sind sie minderjährig und die Täter oftmals Bekannte oder gar Familienangehörige.

In manchen Fällen ist den jungen Mädchen gar nicht bewusst, dass sie einer Straftat zum Opfer gefallen sind.

In manchen Fällen ist den jungen Mädchen gar nicht bewusst, dass sie einer Straftat zum Opfer gefallen sind, denn ihnen wurde von ihrem Umfeld suggeriert, es sei ganz normal, wenn der Onkel oder der eigene Vater gelegentlich Hand an sie lege. Umso höher ist die Hürde für Kinder und Jugendliche, solche Übergriffe den Behörden zu melden.

Auch die Brutalität der Misshandlungen nehme zu, wie Daniel Kettor, der Leiter der Rainbo Center, berichtet. Selbst Säuglinge sind vor sexuellen Übergriffen nicht sicher. Das jüngste Missbrauchsopfer, mit dem die Mitarbeiter der Erstaufnahmestation in Freetown konfrontiert Vergewaltigte Frauen sowie unverheiratete Mütter werden nach wie vor stigmatisiert. wurden, war ein drei Monate altes Baby. Das Kind erlag wenige Stunden nach der Einweisung seinen Verletzungen. Erlebnisse, die auch die HelferInnen nicht unberührt lassen. «Es war der schlimmste Tag meines Lebens», erinnert sich Kettor.

Doch woher kommt diese Gewalt gegen Frauen und Mädchen in dem Land? Wer die Menschen auf dieses Problem anspricht, wird auf den verheerenden Bürgerkrieg verwiesen, der zwischen 1991 und 2002 tobte.

Demonstration von Macht

Im Konflikt zwischen der Rebellengruppe der Revolutionary United Front – unterstützt von Warlords aus dem benachbarten Liberia – und wechselnden Regierungstruppen ging es vor allem um die Kontrolle der Diamantenfelder im Südosten des Landes. Damals wie heute gehörte Sierra Leone zu den grössten Lieferanten von Naturdiamanten weltweit. Bis zu 300 000 Tote hat der Bürgerkrieg gefordert, von den rund 7 Millionen EinwohnerInnen mussten 2,6 Millionen ihre Heimat verlassen. Zu den Gräueltaten gegen die Zivilbevöl*kerung gehörte neben dem Abhacken von Gliedmassen und der Zwangsrekrutierung von Minderjährigen als Kindersoldaten auch die systematische Vergewaltigung von Frauen und Mädchen.

Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen als Demonstration von Macht gehörten als Mittel der Kriegsführung dazu.

Solomon Sogbandi hat den Bürgerkrieg am eigenen Leib zu spüren bekommen. Er hat erlebt, wie Gesellschaften in die Barbarei kippen, wenn die Menschen den Glauben an Recht und Ordnung und das Vertrauen in den Staat verlieren. Heute leitet Sogbandi das Büro von Amnesty International in Sierra Leone. «Die Brutalität des Bürgerkriegs hat Spuren in den Köpfen der Menschen hinterlassen», sagt er, «vor allem bei der Generation, die in jenen Jahren aufwuchs.» Es sei eine Generation, der kein moralischer Kompass vermittelt wurde, und die heute, als junge Erwachsene, den Ton im Land angeben. Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen als Demonstration von Macht hatten als Mittel der Kriegsführung dazugehört. Kombiniert mit patriarchalen Strukturen, die Frauen nur eine untergeordnete Rolle in der Gesellschaft zugestehen, konnte in Sierra Leone ein Zustand entstehen, den manche als eine «Vergewaltigungsepidemie » beschreiben.

Für viele Menschen war es daher der lang ersehnte Weckruf, als Präsident Bio den nationalen Notstand erklärte. Er zeigte damit, dass der Staat das Problem erkannt habe und nicht gewillt sei, weiterhin wegzuschauen. So dürften die weiter steigenden Zahlen gemeldeter Vergewaltigungsfälle auch darauf zurückzuführen sein, dass mehr junge Frauen inzwischen den Mut aufbringen, sich an die Behörden zu wenden.

Wichtige Reformen

Der Notstand ist inzwischen wieder aufgehoben worden. Die regierende Sierra Leone People‘s Party (SLPP) hat im September 2019 stattdessen das seit 2012 bestehende Gesetz gegen sexuelle Gewalt (Sexual Offences Act) überarbeitet und ausgeweitet. Als das neue Gesetz vom Parlament verabschiedet wurde, brach spontan Jubel bei Abgeordneten und ZuschauerInnen aus, wie BeobachterInnen berichten. Es sieht bei Vergewaltigung Minderjähriger nun obligatorisch die Höchststrafe vor; diese wurde von bislang fünfzehn Jahren Haft auf lebenslänglich erhöht. Gleichzeitig wurde auch die Strafprozessordnung reformiert, indem bei Vergewaltigungsfällen nur noch RichterInnen bestellt werden, die sich ausschliesslich mit Fällen sexueller Gewalt befassen. Das Gesetz sieht zudem einen verpflichtenden Strafenkatalog bei Sexualdelikten vor. Dieser soll verhindern, dass es, wie vor allem in den abgelegenen Landesteilen üblich, zu aussergerichtlichen Einigungen kommt und Täter gegen Zahlung geringer Geldbeträge freikommen.

«Das neue Gesetz sieht vor, dass nicht mehr nur die fünf Rainbo Center des Landes als Erstaufnahmestationen für misshandelte Frauen anerkannt werden, sondern alle öffentlichen Krankenhäuser.» Alexandra Rigby, Leiterin des Aberdeen Women‘s Center.

Auf eine weitere wichtige Neuerung macht Alexandra Rigby aufmerksam. Die Engländerin leitet das Aberdeen Women‘s Center im Nordwesten Freetowns, ein Frauenkrankenhaus mit integrierter Geburtsstation, das auch Vergewaltigungsopfer betreut. «Das neue Gesetz sieht vor, dass nicht mehr nur die fünf Rainbo Center des Landes als Erstaufnahmestationen für misshandelte Frauen anerkannt werden, sondern alle öffentlichen Krankenhäuser.» Diese hätten nun auch das Recht, so Rigby, medizinische Gutachten zu erstellen, was bei einem späteren Prozess gegen die Täter von grosser Bedeutung sei. Damit erhöhe sich die Zahl der Anlaufstellen für Frauen von fünf auf mehrere Hundert – vor allem im ländlichen Raum ein grosser Fortschritt.

Schulverbot

Doch so euphorisch das neue Gesetz auch gefeiert wird, noch ist es ein weiter Weg für das Land an Afrikas Atlantikküste. Wie weit, zeigt die Debatte um den «pregnant school girls ban», das Verbot für schwangere Mädchen, eine Schule zu besuchen. Es ist eine weitere Form des «victim blaming», indem schwangere Mädchen neben den körperlichen Strapazen und den Stigmatisierungen nun auch noch mit Bildungsentzug bestraft werden.

«Ein Schulverbot stellt einen groben Verstoss gegen das Menschenrecht aufBildung und Teilhabe der jungen Mädchen dar», stellt Solomon Sogbandi von Amnesty klar. Das Verbot gehe auf die Ebola-Krise zurück. Damals, so Sogbandi, seien alle Schulen geschlossen worden, um das Virus einzudämmen. Die von den ausländischen ExpertInnen durchgeführten medizinischen Überwachungen erfassten erstmals auch die Zahl der Schwangerschaften bei Minderjährigen. Daraufhin sah sich der damalige Bildungsminister Minkailu Bah veranlasst, schwangere Mädchen kurzerhand vom Unterricht auszuschliessen. Sie würden einen schlechten Einfluss auf die Klassenkameradinnen ausüben, lautete die Begründung des Ministers.

Inzwischen ist der heute zuständige Bildungsminister Alpha Osman Timbo zurückgerudert und hat den betroffenen Mädchen zumindest die Teilnahme an den Abschlussprüfungen erlaubt. «Doch wie sollen sie die Prüfungen bestehen, wenn sie nicht am Unterricht teilnehmen dürfen?», fragt Sogbandi.

Die komplette Rücknahme des Verbots scheint allerdings näherzurücken. Im Dezember 2019 hat ein Gerichtshof der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS (Economic Comunity Of Western African States), der auch Sierra Leone angehört, festgestellt, das Schulverbot verstosse gegen fundamentale Rechte betroffener Mädchen und müsse unverzüglich zurückgenommen werden. Das Urteil ist rechtsverbindlich.

Dies ist ein Erfolg auch für Amnesty International und sein Büro in Freetown. Zusammen mit anderen Nichtregierungsorganisationen hatte Amnesty vor dem ECOWAS-Regionalgericht geklagt. «Die Stigmatisierung von schwangeren Mädchen, vor allem wenn eine Vergewaltigung vorausging, muss aufhören», verlangt Solomon Sogbandi. Die Regierung solle dazu übergehen, die Mädchen zu fördern, statt sie zu bestrafen. «Es muss sich etwas in den Köpfen verändern, an der Wertschätzung von Frauen und Mädchen », sagt er.

Betty konnte, nachdem ihre körperlichen Verletzungen verheilt waren und sie auch psychisch stabilisiert werden konnte, in einem Waisenhaus in Freetown untergebracht werden. Eine Rückkehr in ihre Dorfgemeinschaft erschien zu gefährlich; zu gross war das Risiko von Racheakten vonseiten der Angehörigen des Täters. Bis zuletzt erschien sie regelmässig im Aberdeen Women‘s Center zur Nachsorge. Alexandra Rigby, die Leiterin, erinnert sich, dass Betty bei jedem Besuch ein wenig selbstbewusster auftrat und zuletzt wieder den Eindruck eines optimistischen, fröhlichen Kindes machte, ganz wie die anderen Kinder ihres Alters. 

 

* Name geändert