Kundgebung: «Nur Ja heisst Ja». © AI
Kundgebung: «Nur Ja heisst Ja». © AI

Interview Eine eigentlich normale Reaktion

Von Fabienne Engler. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2020.
Der Psychiater und Psychotherapeut Jan Gysi ist auf die Behandlung von sexualisierter Gewalt spezialisiert. Sein neuestes Fachbuch behandelt die Folgen von Traumata. Im Interview erklärt er, inwiefern das aktuelle Schweizer Sexualstrafrecht neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Erstarrungsreaktionen missachtet.

AMNESTY: Was versteht die Wissenschaft unter Erstarrungsreaktionen?
Jan Gysi: Das Erstarren, auf Englisch Freezing genannt, ist eine körperliche Reaktion auf akute Bedrohung, die wir alle erleben könnten. Erstarrt eine Person, so kann sich das als Bewegungslosigkeit äussern, als Verlangsamung oder aber auch als sehr automatisierte Bewegungen. Weil auch die Atmung betroffen ist, kann eine erstarrte Person nicht um Hilfe schreien.

Wieso erstarren von sexueller Gewalt Betroffene?
Unser Hirn ist bei Gefahrensituationen mit der Frage konfrontiert, was gefährlicher sei: Selbstverteidigung oder das Unterdrücken von Abwehrhandlungen. Viele Studien haben gezeigt: Körperlicher Widerstand kann eine Vergewaltigung zwar abwehren, aber dabei steigt das Verletzungsrisiko deutlich. Das Unterdrücken von Abwehrhandlungen macht also kurzfristig Sinn, denn es sichert das Überleben eher. Diese Entscheidung geschieht instinktiv, unabhängig vom Willen und Wissen einer Person. Jemand kann einen schwarzen Gürtel in Karate haben und erstarrt trotzdem. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass bei 37 bis 70 Prozent der von sexueller Gewalt Betroffenen diese Reaktion eintritt.

Wie geht unser derzeitiges Sexualstrafrecht mit dieser Erkenntnis um?
Das Schweizer Sexualstrafrecht geht von einer «Idealvergewaltigung» aus – da gibt es kein Erstarren. Im Gegenteil: Eine Frau muss vor Gericht nachweisen, dass sie erkennbar Widerstand geleistet hat. Zugespitzt gesagt, muss sie sich mit Fingernägeln und bis aufs Blut gewehrt haben. Erstarren wird in der aktuellen Vergewaltigungsdefinition nicht mitgedacht. Das ist falsch. Aus psychologischer Sicht ist deshalb klar, dass ein adäquates Sexualstrafrecht die Zustimmung ins Zentrum stellen muss.

Wie kann eine Person beweisen, dass sie erstarrt war?
Es gibt keine Blut- oder Hirnuntersuchungen, die ein Erstarren nachträglich nachweisen könnten. In der Therapie und bei der Polizei müsste die betroffene Person aber dazu befragt werden. Wenn eine Frau zum Beispiel erzählt, dass sie während des Übergriffs ihren Blick starr an die Zimmerdecke gerichtet hatte, dann müssten schon Alarmglocken schrillen.

Warum ist es so wichtig, das Phänomen Erstarren zu verstehen?
Eine Vergewaltigung endet nie mit der Vergewaltigung. Zum einen sind da die Selbstvorwürfe, zum anderen die teils verständnislosen Reaktionen des Umfelds, von Ermittlungsbehörden, Fachleuten der Therapie, Gerichten. Viele Betroffene machen sich riesige Vorwürfe, dass sie er- starrt sind. Sie fehlinterpretieren als Charakterfehler, was eigentlich eine normale Reaktion ist. Das führt zu starker Scham und Selbstabwertung. Wenn dann das Gericht auf Freispruch entscheidet, weil es das Erstarren als Hinweis auf Einwilligung fehlinterpretiert, kann das retraumatisierend wirken.

Buchtipp:
Jan Gysi: Diagnostik von Traumafolgestörungen. Bern, Hogrefe-Verlag. 328 Seiten.