Freiwillige beim Vorbereiten der mit Lebensmitteln gefüllten Taschen. Genf im Mai 2020. Weitere Eindrücke von den Verteilaktionen bei Klick aufs Bild. © Fabrice Coffrini/AFP via Getty Images
Freiwillige beim Vorbereiten der mit Lebensmitteln gefüllten Taschen. Genf im Mai 2020. Weitere Eindrücke von den Verteilaktionen bei Klick aufs Bild. © Fabrice Coffrini/AFP via Getty Images

Aktiv trotz allem Helfende Hände in der Not

Von Manuela Reimann Graf und Emilie Mathys. Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Dezember 2020.
Die Covid-19-Pandemie verschlimmert die Lage armutsbetroffener Menschen in der Schweiz, insbesondere die von Sans-Papiers. Engagierte Menschen wie Amine, Tatiana und Louise springen in die Bresche.

Weitere Bilder von den Verteilaktionen

Samstagmorgen im Herbst 2020, Zürich Altstetten. Neben einer Do-it-yourself-Autowaschanlage, an der einige Männer ihre Autos blitzblank putzen, bildet sich eine lange Schlange. Es sind Sans- Papiers, Flüchtlinge, aber auch Obdachlose und andere – mit oder ohne Schweizer Pass –, die anstehen, um ihre Taschen mit Lebensmitteln zu füllen. Bis am Abend werden es über 1000 Menschen sein, die sich hier mit dem Notwendigsten versorgen.

Ähnliche Szenen sah man nach Beginn des Lockdowns im März in verschiedenen Schweizer Städten. Die Bilder von Tausenden Menschen, die im internationalen Genf für Nahrung anstanden, waren auch in ausländischen Medien zu sehen und erstaunten die Welt. Wie viele Menschen in der «reichen» Schweiz nun in Not gerieten, wurde deutlich sichtbar.

Seit Frühling verschärft sich die Lage der von Armut betroffenen Menschen: Insbesondere die Sans-Papiers fallen durch alle Maschen, sie können sich wegen ihres «illegalen Status» nicht an die Sozialdienste wenden. Sie sind die ersten, die ihr mageres Einkommen verlieren, das sie ohne gültige Verträge als Putzhilfen, Betagtenbetreuerinnen, Bauarbeiter oder in der Gastronomie verdienten. Nach dem Ende des Lockdowns im Frühsommer konnten viele nicht an ihre Stellen zurückkehren. Geschätzte 100'000 Papierlose leben gemäss einer Studie von 2015 in der Schweiz, die genauen Zahlen kennt niemand. 

Unerwartet viel Unterstützung

«Im März und April wurden wir mit Anfragen um Hilfe fast überrannt», sagt Bea Schwager von der Anlaufstelle für Sans-Papiers Spaz in Zürich. «Viele hatten Angst, auf der Strasse zu landen, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten.» Das Spaz lancierte einen Aufruf und erhielt überraschend viele Zusagen. «Es war schön zu sehen, wie viele Menschen zum Beispiel für andere die Krankenkassenprämien bezahlten. Auch dem Aufruf, die Sans-Papiers etwas aus der Isolation zu holen, folgten viele. Denn die meisten Sans-Papiers getrauten sich kaum mehr auf die Strasse – wegen der erhöhten Polizeipräsenz, aber auch weil sie ohne Geld sowieso nicht viel unternehmen konnten. Wenn man bedenkt, dass die meisten in äusserst prekären Wohnverhältnissen leben müssen, kann man sich vorstellen, wie schwierig das für die Betroffenen war.»

Einer, der sofort erkannte, was die neuen Umstände für die Sans- Papiers bedeuten, ist Amine Diare Conde. Der junge Mann aus Guinea ist schon fast schon eine Berühmtheit, zumindest in Zürich und sicher bei den Asylsuchenden der Stadt. Amine erzählt, wie er am 16. März, als der Lockdown begann, einkaufen wollte. «Ich sah, wie die Leute ihre Einkaufswagen mit Lebensmitteln und WC-Papier vollstopften. Da fragte ich mich, wie wohl andere Sans-Papiers, die es nicht so gut haben wie ich, diese Tage überleben würden.»

«Ich sah, wie die Leute ihre Einkaufswagen vollstopften. Da fragte ich mich, wie wohl andere Sans-Papiers diese Tage überleben würden.» Amine Diare Conde

Andere, denen es nicht so gut gehe wie ihm – das erwähnt Amine immer wieder. Als 16-Jähriger allein aus seinem Heimatland durch die Wüste Richtung Europa geflüchtet, kam Amine vor sechs Jahren in die Schweiz. Hier wurde sein Asylantrag umgehend abgelehnt, seither müsste er das Land eigentlich verlassen. «Anfangs hielt ich die Ungewissheit fast nicht aus. Aber ich wollte nicht aufgeben. Also begann ich mich zu informieren und zu engagieren.» In bis zu 15 Projekten gleichzeitig arbeitet er als Freiwilliger. Inzwischen spricht er fast fehlerlos Deutsch und holt den Schulabschluss nach.

Achteinhalb Franken pro Tag

«Ich hatte auf der Flucht erfahren, was Hunger ist. Die meisten abgewiesenen Flüchtlinge müssen in der Notunterkunft wohnen und erhalten nur 8.50 Franken Nothilfe pro Tag. Davon kann niemand wirklich leben, die meisten brauchen zusätzliche Hilfe. Aber woher sollten sie sie nun bekommen?»

Amine beschloss, aktiv zu werden. Nach unzähligen Telefonaten schaffte er es, mehr als 5000 Mahlzeiten eines Verpflegungsdiensts für die nun geschlossenen Kindertagesstätten aufzutreiben und in der Autonomen Schule Zürich eine Lebensmittelabgabe auf die Beine zu stellen. «Wir rechneten mit rund 500 Personen, aber es kamen viel, viel mehr.» Rund 70 Freiwillige helfen seither Samstag für Samstag bei «Essen für Alle» mit, wie Amines Projekt jetzt heisst. Hunderte Kisten werden aus den Lieferwagen gehievt, die Waren ausgebreitet und die Abgabe organisiert – nun in jener Kantine in Altstetten, da die Autonome Schule ihre Räume wieder selbst benötigt. Die Stiftung Pfarrer Sieber, die mittlerweile das Patronat übernommen hat, stellte die neue Lokalität zur Verfügung. Dank Geldspenden und weiterhin vielen Naturalspenden kommt genug zusammen, um jede Woche an die tausend Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Insgesamt kann Amine mittlerweile auf ein Netz von mehr als 300 Freiwilligen zurückgreifen, alle gespeichert in seinem Handy, das unablässig klingelt.

«Wir möchten Essen verteilen, nicht Corona.» Amine Diare Conde

Um den Schutz vor Corona zu gewährleisten, entwickelte man ein Hygienekonzept. Von einem Hilfswerk wurden ausreichend Masken gespendet, «denn wir möchten ja Essen verteilen, nicht Corona», sagt Amine mit einem breiten Grinsen. Damit die Warteschlangen nicht zu lang werden, darf pro Familie nur noch eine Person in einem bestimmten Zeitfenster anstehen. Als «Ordnungshüterin » amtet an diesem Samstag Gina, eine junge Schweizerin, die «einfach Zeit hatte und etwas Sinnvolles tun wollte. » Sie erklärt den geduldig wartenden Menschen den Ablauf und sorgt dafür, dass sich alle die Hände desinfizieren und hinter den Abstandsmarkierungen bleiben.

200 Tonnen Esswaren

Auch in Genf startete die Verteilung von Nahrungsmitteln Mitte März zunächst in kleinem Rahmen. «Den Anfang machte Silvana Mastromatteo, die sich in der Caravane de Solidarité schon lange für Sans-Papiers engagiert», erzählt Tatiana Lista Auderset, die wenig später dazustösst. «Silvana und ihr Mann gaben nach Ausbruch der Corona-Krise Lebensmittel in der eigenen Garage ab.» Um die Gesundheit der HelferInnen und der EmpfängerInnen zu schützen, wurde die Verteilaktion auf einen grossen Platz verlegt. Immer mehr Menschen kamen, was schliesslich die Polizei auf den Plan rief. «Ich hörte davon, dass die Aktion gestoppt werden musste, weil Silvana verhaftet worden war», erzählt Tatiana. Sie kontaktierte verschiedene Organisationen, um eine eigene Verteilaktion aufzubauen. Ärzte ohne Grenzen bot an, alle logistischen und sanitären Aspekte zu regeln. «Mitte April trafen wir uns dann zu einer ersten Lebensmittelverteilung in einer Schule. Eins führte zum anderen, und so wurde ich Koordinatorin der Freiwilligen.»

«Wir gingen alle schockiert nach Hause.» Tatiana Lista Auderset

«Anfangs hatten wir 650 Lebensmittelpakete», erzählt Tatiana. «Es kamen aber doppelt so viele Menschen, die Schlange erstreckte sich über mehrere Kilometer. Da wurde uns klar, wie gross die Not wirklich war. Wir gingen alle schockiert nach Hause.»

In den folgenden Wochen wechselte man wieder den Ort. Freitags wurden Lebensmittel, Babynahrung sowie Hygieneprodukte verpackt und samstags wurden diese Waren dann verteilt – mittlerweile mehr als 15 000 Pakete, rund 200 Tonnen Esswaren. «Dank Mund-zu-Mund-Propaganda meldeten sich immer mehr, die helfen  wollten.» Normalerweise seien es Pensionierte, die sich für solche Freiwilligenarbeit engagierten. «Doch jetzt kamen auch Studierende, Leute aus dem Kultursektor, Arbeitslose, ein Lehrer mit seiner ganzen Klasse.»

Ihr Engagement habe sie zutiefst verändert, meint Tatiana. «Mir ist bewusst geworden, wie heuchlerisch die Gesellschaft mit den Papierlosen umgeht, die so zahlreich mitten unter uns leben und denen es an so vielem fehlt.»

Paradoxe Sandwichs

Etwas kürzer als in Genf und Zürich sind die Schlangen in Bern an der Speichergasse bei den Büros der Gassenarbeit. Auch hier werden zwei Mal pro Woche Mahlzeiten und Hygieneprodukte abgegeben, auch in der Bundesstadt ist die Not gross. «Viele wichtige Treffpunkte und Beratungsstellen für Menschen mit Lebensmittelpunkt auf der Strasse mussten geschlossen werden, weil die Abstandsregeln nicht eingehalten werden konnten», erzählt Louise Frey, eine der Freiwilligen. Beratungen fanden nun auf der Strasse statt, auch die Essensabgabe wurde ins Freie verlegt. «Es kamen nun viele uns unbekannte Gesichter, ganze Familien», erzählt die 25-jährige Studentin der Sozialanthropologie. «Da war mein Einsatz eine vergleichsweise kleine Hilfe.» Tagelang strich Louise mit weiteren Freiwilligen Hunderte von Sandwichs. «Es war ziemlich paradox», erinnert sie sich. «Von geschlossenen Restaurants erhielten wir edle Ware, die diese nicht mehr verwenden konnten. So machten wir Sandwichs mit Spezialbroten, Feigensenf und ähnlichem teurem Zeug.»

«Das Leid muss sichtbar werden, es muss allen klar werden, dass es besteht und warum.» Louise Frey

Louise sieht ihr Engagement auch kritisch: «Es wäre Aufgabe des Staats, jenen Menschen zu helfen, die durch die Maschen fallen. Mit Corona wurden diese Löcher in den Maschen noch viel grösser.» Der Staat rechne mit der Freiwilligenarbeit, ist sie überzeugt. «Wir sind das Pflaster für seine Versäumnisse. Ich habe Angst, dass es durch unser Engagement aussieht, als wäre das ‹Problem› gelöst. Ich bin bereit, diese Arbeit zu leisten, ich habe Zeit und bin privilegiert. Aber ich finde, das Leid muss sichtbar werden, es muss allen klar werden, dass es besteht und warum.»