Syrische Kinder in einem Flüchtlingscamp in der Bekaa-Ebene. © Jojo Schulmeister
Syrische Kinder in einem Flüchtlingscamp in der Bekaa-Ebene. © Jojo Schulmeister

Libanon Schwieriges Zusammenleben im geteilten Land

Von Sebastian Sele(Text), Jojo Schulmeister (Fotos) und Chirine Ismail(Mitarbeit) . Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» vom August 2021.
Kein anderes Land der Welt hat gemessen an der Bevölkerung so viele Geflüchtete aufgenommen wie der Libanon. Doch dann kamen die Wirtschaftskrise, das Coronavirus und die Explosion im Hafen Beiruts. Was passiert mit der Gastfreundschaft einer Gesellschaft, wenn sie selbst an den Rand ihrer Existenz kommt? Ein Besuch.

Die Sonnenstrahlen dringen durch das Elektrokabelgeäst, das zwischen den Häusern des armenischen Arbeiterviertels Beiruts hängt, als wäre es seit jeher Teil des Himmels. Vom Smog verdreckte Vorhänge verdecken die Balkone. «Die meisten hier kaufen ihre Vorhänge bei mir», sagt der 53-jährige Joseph Saliba in seinem Eckladen im Erdgeschoss. Seit 40 Jahren ist das Geschäft in Familienbesitz. An dieser Ecke wird genäht, an einer anderen verkauft. Das Geschäft lief gut. Und doch: Spricht Saliba über seinen Laden, spricht er von den Angestellten, denen er kündigen musste. Und von den Perspektiven, an denen es sehr mangelt.

Nicht nur für Saliba: Das Leben im Libanon unterteilt sich in ein Früher und ein Jetzt. Früher, das ist die Zeit, als die Inflationsrate bei jährlich 10 und nicht bei monatlich 150 Prozent lag. Als man niemanden bestechen musste, um an Benzin zu kommen. Das ist die Zeit vor den Massenprotesten gegen das korrupte Establishment, vor dem Coronavirus und einem der weltweit striktesten Lockdowns – und vor der wohl massivsten nicht nuklearen Explosion der Menschheitsgeschichte im Hafen der Hauptstadt vom 4. August 2020, als 2750 Tonnen Ammoniumnitrat in die Luft gingen.

Früher, da gab es trotz allem noch Hoffnung. Und das Jetzt, das ist die Zeit, in der eine Frage die meisten Libanes*innen verbindet: Soll ich meine Heimat verlassen? Abertausende sind bereits gegangen. Mit dem Flugzeug, legal oder illegal, und vereinzelt auch mit Fischerbooten. 230 Kilometer übers Mittelmeer sind es vom Norden des Landes bis ins europäische Zypern.

Joseph Saliba in seinem Eckladen. © Jojo Schulmeister

Ein Viertel sind Flüchtlinge

Derweil ist der Libanon das Land, das weltweit am meisten Geflüchtete pro Kopf aufgenommen hat. Rund 200'000 Palästinenser*innen leben seit Jahrzehnten im Land, etwa 1,5 Millionen aus Syrien geflüchtete Menschen kamen seit 2011 hinzu. Damit ist gut jede vierte Person in dem Land mit seinen knapp sieben Millionen Einwohner*innen ein Flüchtling. Die Krise in all ihren Facetten trifft sie am härtesten. Neun von zehn syrischen Familien leben gemäss Vereinten Nationen inzwischen in extremer Armut. 2019 war es noch jede zweite.

Jede vierte Person in dem Land mit seinen knapp sieben Millionen Einwohner*innen ist ein Flüchtling.

Es verwundert also nicht, dass die Spannungen zwischen der libanesischen Bevölkerung und den Syrer*innen neue Höhepunkte erreichen. Im Mai wurden in Beirut syrische Wähler*innen von einem libanesischen Mob mit Knüppeln verprügelt. Oft geht es auch einfach um alltägliche Sorgen, die zu existenziellen wurden. Wie im Dezember 2020, als im Norden des Landes sämtliche Zelte eines Flüchtlingscamps mit 375 Bewohner*innen aus 75 Familien niederbrannten. Dem Brand soll ein Streit zwischen Libanes*innen und syrischen Arbeitskräften um deren Lohn vorangegangen sein. Die Libanes*innen griffen zum Feuer. Einige syrische Familien flüchteten aus der Region, weil sie die explodierenden Haushaltskanister im Camp für Bomben hielten.

Wo man zusammenhält

«Ich stelle nur libanesische Leute ein», sagt der Manager einer französischen Brasserie in Beiruts Downtown. Einige Stockwerke über dem Restaurant lebt Haifa Wehbe, eine der bekanntesten Schauspielerinnen und Sängerinnen des Landes. Vor dem Gebäude parkieren die von Sicherheitsleuten bewachten SUVs der Elite aus dem Showbusiness und der Politik. Doch selbst hier: Krise. «Wir haben 80 Prozent weniger Kundschaft», sagt der Manager. Für den Sommer, wenn die Ausland-Libanes*innen auf Heimatbesuch kommen, erwartet er zwar einen kurzen Aufschwung. «Aber was ist im September?», fragt er. Niemand am Tisch braucht die Antwort auszusprechen.

Beim Restaurant gegenüber – Sushi, Pasta, elektronische Popmusik – kostet eine Portion inzwischen die Hälfte des libanesischen Mindestlohns. «Vor einem Jahr hatten wir sechzig Angestellte», sagt der Betreiber. «Heute sind es noch vierzig.» Profit würde schon lange nicht mehr gemacht. Der einzige Grund, das Restaurant überhaupt noch offen zu halten, sei, dass vierzig Arbeitsplätze noch immer besser seien als keine Arbeitsplätze. Die einzigen zwei Syrer, die hier angestellt sind, stehen in der Küche. Warum nur so wenige? Und warum nur in den schlecht bezahlten Jobs?

«Wir haben nichts gegen sie», sagt der Restaurantbetreiber. Ein Grossteil der Inhaber des Restaurants komme schliesslich aus Syrien. «Aber die Kunden wollen Libanesen.» Warum? «Die Sprache. Die Art, sich auszudrücken. Das Wissen, wie man Kunden und Kundinnen begegnet.» Und auch der Manager der französischen Brasserie antwortet wieder mit einer der Fragen, auf die er gar nicht erst eine Antwort erwartet: «Haben Sie in Syrien schon einmal eine französische Brasserie gesehen? » Syrien steht nicht gerade für Glamour.

«Ob ich syrische Leute anstellen soll, war für mich nie eine Frage», sagt hingegen Joseph Saliba im Arbeiterviertel Bourj Hammoud. Im Geschäft nebenan heisst es: «Menschen sind Menschen.» Und in jenem gegenüber: «Hier halten wir zusammen. Wer gut arbeitet, der arbeitet gut.» Der einzige Angestellte in Joseph Salibas Laden für Vorhänge ist ein junger Syrer, den er seit acht Monaten ausbildet. «Ich verstehe aber auch den Unmut», fügt der Lehrmeister an. «Es gibt immer mehr Geschäfte, die illegal eröffnen.» Sie drücken die Preise, zerstören den sowieso schon kaputten Markt komplett.

Geflüchtete aus Syrien lassen sich im Camp zu Rechtsfragen beraten. © Jojo Schulmeister

Vergessenes Leben in Zelten

Der rote SUV des Typs Chevrolet Trailblazer, auf dessen Beifahrersitz Mahmoud Abdulrahman1 Platz genommen hat, schlängelt sich die Strasse hoch stadtauswärts. Hinter uns Beirut mit seinen Hochhäusern, den Ruinen im Hafen, dem Trauma. Vor uns das Bekaa-Tal, bekannt für seinen Wein, seine Oliven, seine römischen Tempel. Und als Hochburg der Hisbollah. Obwohl die paramilitärisch und politisch organisierte Hisbollah auch an der Regierung beteiligt ist, haben im Bekaa- Tal nicht der Staat und die Polizei das Sagen, sondern die Miliz und die Familien-Clans. In den Strassen hängen die Bilder mit den Gesichtern der jungen Männer, die das Tal bis zu ihrem Tod gegen den IS verteidigt haben – und in der Luft hallen die Granaten und Maschinengewehrsalven, wenn sich wieder einmal ein Clan mit dem Militär in die Haare gerät.

Die geflüchteten Syrer*innen leben grossmehrheitlich im Bekaa-Tal, rund 40 Prozent von ihnen verteilen sich auf die im ganzen Tal verstreuten wilden Camps. Mahmoud Abdulrahman, Legal Officer bei Urda, einer der grössten libanesischen NGOs, ist unterwegs in eines dieser Lager. Er wird Rechtsberatungen anbieten – zu ausbleibenden Lohnzahlungen etwa oder zur Notwendigkeit, sich offiziell zu registrieren. «Ich verstehe die Probleme der Menschen dort», sagt Abdulrahman im Auto. «Ich habe sie selbst erlebt, ich habe erst vor wenigen Jahren die Grenze zum Libanon überquert.»

Immer wieder erhebt seine NGO, welche Sorgen die syrischen Geflüchteten plagen. Das Hauptproblem: Die Regierung erschwert seit Jahren die legale Einreise. Vier von fünf Syrer*innen im Libanon haben daher keine Aufenthaltsbewilligung. Sie sind gezwungen, ohne Bewilligung zu arbeiten. Halten sie sich ausserhalb der Camps auf, droht ihnen die Ausschaffung. Über bürokratische Hürden gibt ihnen die Regierung zu verstehen: Ihr seid nicht willkommen. «Heute wollen wir 21 Kinder registrieren», sagt Abdulrahman daher. Der SUV bremst ab. Militär-Checkpoint. Nach nur einer Stunde im Camp werden es bereits 35 Kinder sein, die registriert und damit vor der Staatenlosigkeit bewahrt wurden. Auch wenn überall im Land NGOs wie Urda präsent sind: Die Nachfrage ist bei weitem nicht gedeckt.

Überforderte Dörfer

Das Flüchtlingscamp in Yammoune, ein paar Tausend Einwohner*innen, Dutzende Felder, ein See, liegt neben der Strasse am Dorfeingang. «Wir sind ein zerstörtes Land», klagt Bürgermeister Jamal Chreif weiter dorfeinwärts, irgendwo zwischen seinen drei Villen mit fünf Hausangestellten. Schon seit Jahrzehnten kommen syrische Erntehelfer*innen ins Dorf. Manche von ihnen leben gar hier, sind Teil der Dorfgemeinschaft. Doch 2011 kam der Krieg – und fünf Jahre später das Camp. «Früher hatte ich 200 Syrer pro Jahr», berichtet Chreif, «heute sind es 1200.» Im Dorf gebe es aber nur Elektrizität für 3000 Personen, nicht für über 5000. Im ganzen Libanon kommt es sowieso schon täglich zu etlichen Stromausfällen.

Mit dem Camp hat sich auch die Dynamik im Dorf verändert. «Die Syrer bekommen Geld von internationalen Organisationen », erklärt der Bürgermeister. «Und die Libanesen bekommen nichts.» Spätestens mit der Krise wurden aber auch sie zu Bedürftigen, jede zweite Person lebt in Armut. Inzwischen haben die Syrer*innen von Yammoune genug Geld, um selbst Felder zu mieten und zu bewirtschaften. «Bald werden wir für sie arbeiten statt andersrum», befürchtet einer der Bauern und fügt an: «Wären die Syrer nicht hier, wäre alles gut.» Derweil beschäftigt auch er syrische Kinder für einen Hungerlohn. Es wird gemutmasst, dass in den knapp 80 Zelten am Dorfeingang nicht 1200, sondern bloss etwa 400 Geflüchtete leben würden. Die humanitären Zahlungen für die restlichen paar Hundert würde die Gemeinde kurzerhand für sich behalten. Erstaunen würde es niemanden in einem Land, in dem die Korruption allgegenwärtig ist.

1 Name geändert, der Redaktion bekannt.

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