Amnesty International untersuchte drei Angriffe, die zivile Wohnhäuser zerstörten. Sie trafen am 6., 12. und 13. März das Viertel al-Thakana im Bezirk Tyros, das Dorf Irkay im Bezirk Saida und das Viertel al-Rahbat im Bezirk Nabatäa. Unter den Getöteten waren zwölf Kinder im Alter von fünf bis 16 Jahren, sechs Frauen, darunter eine Schwangere, und sechs Männer. Mindestens 18 weitere Menschen wurden verletzt.
Aufgrund der gesammelten Beweise kommt Amnesty International zum Schluss, dass israelische Streitkräfte gegen das humanitäre Völkerrecht verstossen haben, unter anderem indem sie nicht zwischen zivilen und militärischen Zielen unterschieden, Angriffe gegen Zivilpersonen oder zivile Objekte durchführten oder es versäumten, alle praktisch möglichen Vorsichtsmassnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung zu treffen.
«Innerhalb von nur einer Woche hat das israelische Militär im Libanon ganze Familien, darunter ein Dutzend Kinder, ausgelöscht und damit eine kaltherzige Missachtung ziviler Leben an den Tag gelegt. Wie viele Familien müssen noch die Leichenteile ihrer Kinder aus den Trümmern bergen, bevor diese Kriegsverbrechen ein Ende finden? Die internationale Gemeinschaft muss jetzt handeln: Die Staaten müssen unverzüglich ein umfassendes Waffenembargo gegen Israel verhängen und im Rahmen der universellen und extraterritorialen Gerichtsbarkeit Ermittlungen gegen die Verantwortlichen einleiten und diese strafrechtlich verfolgen», sagte Kristine Beckerle, stellvertretende Regionaldirektorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International.
«Es wächst die Sorge, dass das jüngste, von den USA vermittelte Abkommen zwischen Israel und dem Libanon zu einem weiteren Hindernis für die Gerechtigkeit werden und den Opfern den Zugang zu Rechenschaft verwehren könnte. Die libanesischen Behörden müssen entschlossen handeln. Dazu gehört, dem Internationalen Strafgerichtshof die Zuständigkeit für Verbrechen auf libanesischem Staatsgebiet zu übertragen und unabhängige sowie glaubwürdige Ermittlungen im eigenen Land einzuleiten.»
Zwischen dem 2. März, als der Konflikt eskalierte, und dem 29. Juni wurden im Libanon nach Angaben der libanesischen Regierung 4.257 Menschen getötet, darunter mehr als 250 Kinder. Nach Berichten israelischer Medien wurden im Südlibanon zwei Zivilist*innen und mindestens 39 Soldat*innen getötet.
Für die Untersuchung sprach Amnesty International mit 15 Personen, darunter Überlebende, Angehörige, Sanitäter*innen, Journalist*innen und lokale Amtsträger*innen. Das Crisis Evidence Lab der Organisation analysierte Satellitenbilder, verifizierte 20 Fotos und elf Videos.
Amnesty International wandte sich am 12. Juni an die israelischen Behörden und bat um Informationen zu neun Angriffen, darunter diese drei. In ihrer Antwort vom 22. Juni erklärten die Behörden, sie hätten «die Vorwürfe geprüft». Einige Angriffe seien «gegen militärische Ziele der Hisbollah» gerichtet gewesen, andere «zur Prüfung weitergeleitet» worden. Zu den drei dokumentierten Angriffen machten sie trotz Nachfrage keine konkreten Angaben.
«Vom Haus war keine Spur mehr zu sehen. Ich habe drei Tage lang Leichenteile eingesammelt.»
Einziger Überlebender des Angriffs auf das Haus seiner Familie in Al Thakana
Angriffe auf zivile Wohngebiete
Am 6. März gegen 15:50 Uhr traf ein israelischer Luftangriff das Haus von Hassan Saleh im Viertel al-Thakana im Bezirk Tyros. Der Angriff zerstörte das Haus und tötete acht Familienmitglieder, darunter vier Kinder. Sechs weitere Menschen wurden verletzt. Getötet wurden unter anderem Hassan Saleh, ein Krebskranker in seinen Sechzigern, seine Frau Fatimah, die Kinder Zein al-Abidin (14) und Roqaya (11) sowie Fatimahs schwangere Schwester Haniya und deren fünfjährige Tochter Sara.
Am Vortag hatte das israelische Militär pauschale Räumungsbefehle für den gesamten Südlibanon erlassen. Solche Anordnungen ohne klare Angaben zu sicheren Routen und Zeitfenstern stellen laut Amnesty International keine wirksame Vorwarnung dar und entbinden Israel nicht von seinen völkerrechtlichen Pflichten.
Hussein Saleh, das einzige überlebende Familienmitglied, sagte, seine Familie habe nicht sofort evakuiert werden können, da sechs seiner Familienmitglieder unter einer Krankheit litten. Hussein Saleh war zum Zeitpunkt des Angriffs nicht zu Hause. Er war zum Markt gegangen, um Lebensmittel einzukaufen, als der Angriff stattfand. Als er beim Haus seiner Familie ankam, war dieses komplett zerstört. «Vom Haus war keine Spur mehr zu sehen. Ich habe drei Tage lang Leichenteile eingesammelt. Sie haben mein ganzes Leben zerstört. Warum haben sie uns nicht gewarnt? Sara, meine Tochter, war mein Ein und Alles», sagte Hussein.
Das Evidence Lab von Amnesty International überprüfte zwei von Zeug*innen geteilte Videos. Eines davon zeigte Rettungskräfte, die inmitten der Trümmer einen Leichensack trugen, und ein anderes zeigte das leere Grundstück, auf dem früher das Haus der Familie stand. Ein von den Medien veröffentlichtes Bild zeigt einen Krater an dieser Stelle. Die Analyse von Satellitenbildern bestätigt, dass das Gebäude zwischen dem Morgen des 6. und 8. März 2026 zerstört wurde. Sowohl der Krater als auch die sichtbaren Schäden deuten auf einen Luftangriff hin.
Die Recherchen von Amnesty International ergaben keine Hinweise darauf, dass sich zum Zeitpunkt des Angriffs militärische Ziele vor Ort befanden. Ein örtlicher Beamter erklärte, dass es sich bei der Familie Saleh um Zivilist*innen handelte, dass es sich bei dem angegriffenen Gebiet um ein ziviles Wohnviertel handelte und dass in der Gegend keine militärischen Aktivitäten stattfanden und keine militärischen Ziele vorhanden waren.
Auf der Grundlage der vorliegenden Beweise hat Amnesty International hinreichende Gründe für die Schlussfolgerung, dass es sich bei diesem Angriff entweder um einen direkten Angriff auf Zivilisten oder ein ziviles Ziel oder um einen wahllosen Angriff handelte und dass er als Kriegsverbrechen untersucht werden muss.
«Im Schlafzimmer, wo die Rakete eingeschlagen war, konnte ich keine Spur von Zeinab und Zahraa finden. Die Sanitäter fanden später ihre Leichenteile und sammelten sie ein.»
Überlebender des Angriffs in Irkay
Mehrere Kinder getötet
Am 12. März gegen 14:20 Uhr zerstörte ein israelischer Luftangriff das Haus der Familie Taqi im Dorf Irkay im Bezirk Saida. Sieben Familienmitglieder wurden getötet, darunter vier Kinder, fünf weitere verletzt. Der Angriff beschädigte auch das Nachbarhaus und tötete dort zwei weitere Zivilist*innen.
Der 54-jährige Mohamad Taqi, der den Angriff überlebte, befand sich zum Zeitpunkt des Anschlags auf der Veranda. Sobald er sich nach dem Angriff bewegen konnte, begann er unter den Trümmern nach seinen Familienangehörigen zu suchen. «Als ich aufstehen konnte, fing ich an, nach den Mädchen und meinen Eltern zu suchen. Ich fand Yasmina. Sie lebte noch. Ihr Atem ging langsam. Die Sanitäter brachten sie ins Krankenhaus. Malika war bereits tot. Im Schlafzimmer, wo die Rakete eingeschlagen war, konnte ich keine Spur von Zeinab und Zahraa finden. Die Sanitäter fanden später ihre Leichenteile und sammelten sie ein. Ich selbst war am Kopf, am Auge und im Gesicht verletzt», sagte Mohamad Taqi.
Das Evidence Lab von Amnesty International überprüfte sieben von Quellen bereitgestellte Videos, die das zerstörte Gebäude und beschädigte Strukturen in der Nähe zeigten. Satellitenbilder bestätigen, dass es zwischen dem Morgen des 10. und 17. März 2026 zerstört wurde. Die sichtbaren Zerstörungen stimmen mit einem Luftangriff überein.
Nach dem Angriff erklärte das israelische Militär gegenüber der Zeitung Observer, es habe «Hisbollah-Kämpfer» getroffen, legte dafür jedoch keine Beweise vor. Die Recherchen von Amnesty International ergaben keine Hinweise darauf, dass sich zum Zeitpunkt des Angriffs militärische Ziele vor Ort befanden. Und selbst wenn Israel beabsichtigt hätte, jemanden anzugreifen, den es als militärisches Ziel betrachtete, würden die Mittel und die Vorgehensweise dieses Angriffs auf ein Wohnhaus voller Zivilisten diesen Angriff zu einem wahllosen Angriff machen.
Ganze Familien ausgelöscht
Am 13. März zwischen 20:00 und 20:30 Uhr traf ein israelischer Luftangriff ein Haus im Viertel al-Rahbat im Bezirk Nabatäa und tötete sieben Zivilist*innen. Getötet wurden Qais Basma, ein Anstreicher, seine Frau Balndin Jaber und ihre vier Kinder Hassan, Hussein, Abbas und Helene im Alter zwischen sieben und 16 Jahren sowie ein Nachbar. Mindestens fünf Menschen in umliegenden Gebäuden wurden verletzt.
Abdul Latif Bitar, ein Mukhtar (Vertreter der Kommunalverwaltung), der auch als Rettungssanitäter bei den al-Risala-Pfadfindern tätig ist, sagte, er sei zum Ort des Geschehens geeilt, nachdem er den Einschlag gehört und aufsteigenden Rauch gesehen hatte: «Das zweistöckige Haus lag in Trümmer. Die erste Leiche, die wir herausholten, war die einer von Qais Söhnen. Dann bargen wir zwei weitere Kinder, aber sie waren in Stücke gerissen. Die Leichen von Qais und seiner Frau waren unversehrt. Wir holten auch Hussein heraus. Er lebte noch, starb aber eine Stunde später im Krankenhaus.»
Das Evidence Lab von Amnesty International überprüfte 19 Fotos und zwei Videos, die das zerstörte Gebäude und beschädigte Strukturen in der Nähe zeigten. Satellitenbilder mit geringerer Auflösung zeigen, dass das Gebäude zwischen dem 10. und 17. März 2026 dem Erdboden gleichgemacht wurde. Die Aufnahmen der Schäden stimmen mit einem Luftangriff überein.
Mehrere Interviewte berichteten, vor dem Angriff Drohnen und Flugzeuge gehört zu haben. Amnesty International fand keine Hinweise auf militärische Ziele. Die israelischen Behörden haben den Angriff weder bestätigt noch dementiert. Aufgrund der vorliegenden Beweise handelte es sich bei dem Angriff entweder um einen direkten Angriff auf Zivilist*innen oder zivile Objekte oder um einen wahllosen Angriff, der als Kriegsverbrechen untersucht werden muss.
«Diese drei verheerenden Angriffe sind Teil eines gut dokumentierten Musters rechtswidriger israelischer Angriffe im Libanon, die in einem völligen Vakuum der Rechenschaftspflicht durchgeführt werden. Die anhaltende Straflosigkeit droht schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht zu normalisieren und sendet die gefährliche Botschaft, dass israelische Streitkräfte weiterhin ungestraft Zivilist*innen töten und verletzen können», sagt Kristine Beckerle
Hintergrund
Am 8. Oktober 2023 feuerte die Hisbollah Raketen auf Israel ab, gefolgt von israelischen Luft- und Bodenoperationen, die sich ab September 2024 deutlich verschärften. Eine Waffenruhe trat am 27. November 2024 in Kraft, doch Israel führte weiterhin nahezu täglich Angriffe entlang der Grenze durch. Am 2. März 2026 nahm die Hisbollah ihre Angriffe wieder auf, nachdem ein US-israelischer Angriff im Iran den iranischen Obersten Führer Ali Khamenei getötet hatte. Israel reagierte mit einer Angriffswelle im gesamten Libanon.
Seit Oktober 2023 dokumentiert Amnesty International ein Muster völkerrechtswidriger israelischer Angriffe im Libanon, bei denen Zivilist*innen, Journalist*innen und medizinisches Personal getötet wurden. Die Organisation hat auch Hisbollahs völkerrechtswidrigen Beschuss ziviler Wohngebiete in Israel mit ungelenkten Raketen dokumentiert, der zu toten und verletzten Zivilist*innen führte.