Der Arzt steht müde in einem Spitalraum, im Hintergrund sind medizinische Geräte zu sehen
Operiert seine kleinen Patient*innen auch in der Freizeit: Der Stationsleiter Dr. Mohamed Younes. © Charles Cuau
Syrien

Ein Spital am Limit

In Damaskus ist eines der letzten Kinderkrankenhäuser des Landes seit dem Ende der Assad-Herrschaft mit einem Ansturm von Patient*innen überlastet. Trotz Versorgungsengpässen, der Abwanderung von Ärzt*innen und explodierenden Kosten versucht die Klinik, die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten.

Entlang der Mauern des Kinderspitals in Damaskus reihen sich Matratzen aneinander; der Ort ist zu einem Notlager für die Familien der Patient*innen gewor­den. Strassenverkäufer*innen bieten Win­deln, Milch oder Süssigkeiten an. Man grüsst sich und tauscht Neuigkeiten aus.

Hamed Aadad, 54 Jahre alt, hat sich direkt beim Eingang niedergelassen. Sei­ne Frau kann den ganzen Tag bei ihrem Kind im Krankenhaus bleiben, er aber muss auf die Besuchszeiten warten. Er stammt aus der Gegend um Raqqa im Nordosten des Landes und trägt das tra­ditionelle lange Hemd der Männer unter einer Lederjacke, dazu die Kopfbede­ckung Kufija. Hamed ist vor zwei Wo­chen mit seinem achtjährigen Sohn, der an einer Lungenerkrankung leidet, hier­her gekommen. Das Gesicht des Vaters ist eingefallen, von Müdigkeit gezeich­net. «Bei uns gibt es kein öffentliches Kinderspital», sagt er. Um dem Sohn die bestmögliche Versorgung zu garantie­ren, hat er eine mehr als siebenstündige Fahrt auf sich genommen.

Wie er kommen Familien aus ganz Sy­rien in die Hauptstadt. Das Land verfügt nur über vier Kinderspitäler, dasjenige in Damaskus ist das wichtigste. «Die Famili­en bevorzugen das Spital in der Haupt­stadt, da es besser ausgestattet ist und über mehr Fachpersonal verfügt», sagt Hussam Dalati, 57, der ärztliche Leiter des Kinderspitals in Damaskus. Der Sturz von Baschar al-Assad am 8. Dezember 2024 hat einen massiven Zustrom von Patient*innen aus Regionen ausgelöst, wo die Gesundheitsversorgung unzurei­chend oder marode ist. Diese Familien, die aus dem ganzen Land anreisen, ver­längern die Wartelisten der Krankenhäu­ser, die ohnehin schon kurz vor dem Zu­sammenbruch stehen.

Im Operationssaal beugen sich sich die Ärzt*innen und weiteres Personal über den Operationstisch
Im Kinderspital in Damaskus können aus Ressourcen- und Personalmangel nicht so viele Patient*innen operiert werden, wie nötig wäre. © Charles Cuau

Unter ständigem Druck

Aus Platzmangel müssen sich manchmal zwei Personen ein Bett teilen. Regelmäs­sig sind die Stationen voll belegt. «Die Familien, die weite Wege auf sich ge­nommen haben, um hierher zu kom­men, verstehen nicht, dass wir keinen Platz haben», sagt Hussam Dalati. Es bleibt nichts anderes übrig, als die Patient*innen in der Notaufnahme zu be­halten, bis auf den Stationen ein Bett frei wird. «Das ist eigentlich untragbar, aber wir haben keine Alternative.»

Auf den Stationen versuchen die me­dizinischen Teams, trotz der materiellen und personellen Engpässe ein Mindest­mass an Eingriffen aufrechtzuerhalten. In der Herzchirurgie beispielsweise sind die Operationen auf zwei pro Tag be­grenzt, davon nur ein schwerer Eingriff.

Auf der Intensivstation erholt sich ein Säugling nach einer Operation am offe­nen Herzen, die ein ganzes Team sieben Stunden lang beschäftigt hat. «Ausser­halb solcher Notfälle kann die Wartezeit zwischen sechs Monaten und einem Jahr betragen», sagt Mohamed Younes, der Stationsleiter. Um die Wartezeiten zu verkürzen, operiert er auch an seinen freien Tagen, was sowohl für ihn als auch für seine freiwilligen Teams mit zuneh­mender Erschöpfung einhergeht.

Der Personalmangel verschärft sich durch die massive Abwanderung junger Ärzt*innen ins Ausland. «In der Kin­derchirurgie, in der ich tätig bin, verlieren wir bis zu 80 Prozent der Absolvent*innen des Medizinstudiums», beklagt Hus­sam Dalati. Die in Syrien ausgebildeten Fachärzt*innen finden Arbeit in Europa oder in den Golfstaaten, wo die Arbeitsbe­dingungen stabiler und die Vergütungen konkurrenzlos sind. 2025 verdienten Fachärzt*innen in Syrien etwa 150 Dollar im Monat, Assistenzärzt*innen und Pfle­gende 100 Dollar. Das macht eine Rück­kehr der ausgewanderten und der wäh­rend des Bürgerkriegs geflüchteten Fachkräfte unwahrscheinlich. Die Regie­rung hatte zwar Lohnerhöhungen ange­kündigt, auf 600 bzw. 350 Dollar für Fach- und Assistenzärzt*innen und auf 200 bis 300 Dollar für das Pflegeperso­nal – doch bis die ausbezahlt werden, wird es Sommer.

Am Ende der Kräfte

Zu diesen Schwierigkeiten kommen wiederholte Engpässe bei Medikamenten und medizi­nischer Ausrüstung hinzu. In einem Zim­mer der Abteilung für Allgemeinmedizin sitzt Shadi al-Rifa am Bett ihrer dreijähri­gen Enkelin Haoura. Das kleine Mädchen ist seit drei Tagen wegen dem Kawasaki- Syndrom, einer fieberhaften Entzündung der Blutgefässe, hospitalisiert. Jede Fla­sche ihrer Infusionen kostet etwa 150 Dol­lar. Die Medikamente werden nicht vom Staat übernommen. Houras Eltern seien im Daraa im Süden des Landes geblieben und arbeiteten Tag und Nacht, um die Kosten zu bestreiten, erzählt Shadi al-Rifa.

Das kleine Mädchen sitzt im Spitalbett, daneben steht die Grossmutter
Shadi al-Rifa und ihre Enkelin Haoura teilen sich ein Zimmer mit fünf weiteren Kindern und deren Familien. © Charles Cuau

Haoura teilt sich ihr Zimmer mit vier weiteren Kindern. Einige Eltern berich­ten, dass sie das Geld für die Behandlung nur mit Hilfe von Verwandten oder hu­ manitären Organisationen aufbringen konnten. Wenn die Kosten zu hoch wer­den, verweist die Spitaladministration die Patient*innen an NGOs weiter. Diese Un­terstützung durch den privaten Sektor ist für den Zugang zur medizinischen Ver­sorgung unverzichtbar geworden. «Die Behörden versuchen, ihre Abhängigkeit von internationaler Hilfe zu verringern, aber die Lage ist nach wie vor zu prekär, als dass das möglich wäre», sagt Christina Bethke, die Vertreterin der Uno-Weltge­sundheitsorganisation in Syrien. Über die Behandlungen hinaus müssen auch bestimmte medizinische Geräte von den Familien selbst bezahlt werden. In der Herzchirurgie kann ein Oxygenator – un­verzichtbar für Operationen am offenen Herzen, da er die Funktion der Lunge übernimmt – bis zu 900 Dollar kosten. Ein Betrag, der für die Mehrheit der Syrer*innen unerschwinglich ist, da 90 Prozent der Bevölke­rung unterhalb der Armuts­grenze lebt.

Der ärztliche Leiter des Spi­tals, Hussam Dalati, versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, doch sein Pessi­mismus ist offensichtlich. Die Maschinen sind «am Ende ih­rer Kräfte», wie er sagt. Sie fal­len regelmässig aus. Ihre Wartung wird durch den Mangel an Ersatzteilen er­schwert. Eine direkte Folge davon ist, dass einige komplizierte Operationen unmög­lich geworden sind. «Wir können die Kin­der nicht mehr so behandeln, wie wir es gerne würden, weil uns die Mittel fehlen», sagt er.

Auf nationaler Ebene anerkennen die Behörden das Ausmass der Schwierigkei­ten. Laut Wasel al-Jark, dem Leiter der Di­rektion für Gesundheitseinrichtungen, waren zum Zeitpunkt des Sturzes von Ba­schar al-Assad in dem grossen Land mit mehr als 26 Millionen Einwohner*innen nur noch 70 öffentliche Krankenhäuser funktionsfähig. Heute sind es 146, wenn man diejenigen im Nordosten Syriens mitzählt, seit dieses Gebiet vollständig un­ter die Kontrolle von Damaskus gefallen ist. Das Budget für die Spitäler hat sich je­doch seit 2024 nicht verändert, sodass die den einzelnen Spitälern zugeteilten Mittel reduziert wurden. Ein Entscheid, der selbst im Gesundheitsministerium kriti­siert wird.

Vor dem Eingang des Spitals sieht man rechts und links auf dem schmalen Trottoir Menschen auf Schlafsäcken liegen, während Autos vorbeifahren.
Nicht alle Eltern können sich eine Unterkunft leisten, während ihr Kind in Behandlung ist. Also schlafen sie auf Matratzen vor dem Spital. © Charles Cuau

Für die Patient*innen bedeutet dies ei­nen zunehmend ungleichen Zugang zur Gesundheitsversorgung. Vor dem Kran­kenhaus warten manche Eltern schon seit Monaten. Adil Sharouf aus Qusayr kam vor drei Monaten mit seinem 5-jährigen Sohn nach Damaskus. Er hat sich ein Ho­telzimmer in der Nähe genommen und wartet tagtäglich auf die Besuchszeiten. Für ihn wie für viele Syrer*innen bleiben Spitäler trotz der Wartezeiten noch die beste Lösung. Denn Privatkliniken sind noch teurer, hier kostet eine Übernach­tung bis zu 100 US-Dollar.

«Syrien hat heute die Chance auf ei­nen Wiederaufbau. Doch ohne die not­wendigen Ressourcen werden sich die Ungleichheiten weiter vertiefen und den sozialen Frieden gefährden», warnt Christina Bethke, während sie die Bemü­hungen der Regierung lobt. «Es ist uner­lässlich, in das Gesundheitswesen zu in­vestieren. Das wird auch dazu beitragen, das soziale Gefüge wiederherzustellen.»