Hinter den Zahlen stecken Einzelschicksale

Es war früh am Morgen nach Weihnachten, ich sass in einem Taxi zum Bahnhof in Lausanne. Der Name des Fahrers, geschrieben auf einem Schildchen im Fahrzeug, kam mir bekannt vor. Es ist mir jedoch erst ...

Manon Schick Von Manon Schick, Geschäftsleiterin von Amnesty International Schweiz © Valérie Chételat

Es war früh am Morgen nach Weihnachten, ich sass in einem Taxi zum Bahnhof in Lausanne. Der Name des Fahrers, geschrieben auf einem Schildchen im Fahrzeug, kam mir bekannt vor. Es ist mir jedoch erst im Zug in den Sinn gekommen, dass ich den Mann zuvor bereits einmal getroffen hatte, und zwar an einer Konferenz über Darfur in Genf. Er war damals der Leiter einer der wichtigsten Menschenrechtsorganisationen in dieser Region des Sudan, die in den Jahren nach 2000 wegen der schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen in den Schlagzeilen war.

Der Ex-Direktor hat also in der Schweiz Zuflucht gefunden und ist Taxifahrer geworden. Er ist nicht der Einzige. Jedes Jahr sind Millionen von Menschen gezwungen zu fliehen und anderswo einen sicheren Ort zu finden, um ein neues Leben zu beginnen. Die Zahlen sind schockierend: Noch nie seit dem 2. Weltkrieg gab es weltweit so viele Flüchtlinge und Vertriebene wie letztes Jahr, mehr als 51 Millionen.

2014 wird auch als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem so viele Flüchtlinge wie niemals zuvor versucht haben, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen: Gemäss den Zahlen des Uno-Hochkommissariats für Flüchtlinge waren es mehr als 200‘000 Personen, mehr als 4‘300 von ihnen haben die Überfahrt nicht überlebt.

Wir vergessen viel zu oft, dass sich hinter diesen Zahlen in jedem Fall ein menschliches Schicksal verbirgt. Das eines Aktivisten, der von der Regierung seines Landes verfolgt wird. Oder dasjenige der jungen Somalierin, die an den Olympischen Spielen in Peking auf der Distanz von 200 Metern angetreten war, und die 2012 im Meer ertrunken ist, weil sie nach Europa fliehen wollte. Oder die Schicksale von Zehntausenden von syrischen Familien, die nach ihrer Flucht vor den Bombardements in ihrer Heimat zusammengepfercht in Lagern in der Türkei oder im Libanon leben. Viele ziehen es vor, bei ein Überfahrt auf dem Meer ihr Leben zu riskieren, statt weiterhin in den Lagern unter schlimmsten Bedingungen ohne jede Perspektive auszuharren, bis der Krieg in ihrem Land vielleicht irgendwann vorbei ist. Wie können wir uns in Anbetracht dessen wundern, dass diese Menschen den Weg ins Exil wählen?

Jede/-r dieser Migrantinnen und Migranten hat einen Namen, eine Geschichte und Hoffnungen. Nur wenigen von ihnen können ihre Träume verwirklichen, aber einige finden wenigstens Schutz vor Krieg und Verfolgung. Es reicht nicht, die skrupellosen Methoden der Schlepper – wie neuerdings „Geisterschiffe“ und schrottreife Frachter -  zu beklagen. Damit diese Menschen nicht auf solche Angebote angewiesen  sind und ihr Leben riskieren müssen, ist es hier und jetzt notwendig, legale Wege für sie nach Europa zu schaffen. Wir müssen auch die Hilfe für die Nachbarländer der Konfliktgebiete bei der Beherbergung und Unterstützung der Flüchtlinge vor Ort verstärken. Und schliesslich müssen wir besonders verletzliche Personen, schwangere Frauen, Kranke und Verletzte, bei uns aufnehmen. In Anbetracht der Dimension der humanitären Tragödie in Syrien stehen die Länder Europas, darunter auch die Schweiz, mehr denn je in der Verantwortung.

Von Manon Schick, Geschäftsleiterin Amnesty International Schweiz
Erschienen am 6. Januar 2015 in 24 heures