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Briefmarathon 2019 Jugendliche in Gefahr

11. September 2019
Im Rahmen des Briefmarathons von Amnesty («Write for Rights») werden weltweit über 2 Millionen Briefe und Solidaritätsbotschaften für Menschen in Gefahr verschickt. Im Jahr 2019 stehen junge Menschen im Mittelpunkt.
Yasaman Aryani, Iran – 16 Jahre Haft, weil sie für Frauenrechte kämpft

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Am 8. März 2019, dem Internationalen Frauentag, protestierte Yasaman Aryani (23 Jahre alt) auf poetische Weise gegen den gesetzlichen Kopftuchzwang im Iran. Mit unbedeckten Haaren verteilte sie weisse Blumen an die Passagierinnen in einer Teheraner U-Bahn. Ein Video der Aktion zeigt, wie sie einer Frau mit Kopftuch eine Blume gibt und sagt, sie hoffe, eines Tages mit ihr durch die Strassen gehen zu können, „ich ohne Kopftuch und du mit“. Das Video verbreitete sich schnell in den sozialen Medien.

Einen Monat später wurde Yasaman Aryani inhaftiert und intensiv verhört. Sie sollte gestehen, dass ‚ausländische Elemente‘ sie zu der Aktion angestiftet hätten, und ihr Verhalten ‚bereuen‘. Andernfalls würden ihre FreundInnen und Familienmitglieder festgenommen. Die iranischen Behörden gehen massiv gegen jegliche Kritik an der Diskriminierung von Frauen vor: Seit Anfang 2018 wurden mehr als 40 Feministinnen inhaftiert.

Frauen, die sich gegen Diskriminierung wehren, werden drakonisch bestraft. Am 31. Juli 2019 erfuhr Yasaman Aryani, dass ein Gericht sie zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt hat. Sie muss davon mindestens zehn Jahre verbüssen – nur, weil sie dafür kämpft, dass Frauen selbst entscheiden dürfen, wie sie sich kleiden.

Sarah Mardini and Seán Binder, Griechenland – Angeklagt, weil sie Menschenleben retteten

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Griechenland geht hart gegen Menschen vor, die versuchen, Geflüchteten das Leben zu retten. Die 24-jährige Sarah Mardini und der 25-jährige Seán Binder arbeiteten ehrenamtlich für eine Organisation, die Flüchtlingen hilft. Die beiden hielten nach Booten in Seenot Ausschau und kümmerten sich um Geflüchtete, die auf Lesbos ankamen.

Im August 2018 wurden die beiden Freiwilligen festgenommen und erst nach mehr als 100 Tagen Untersuchungshaft gegen Kaution wieder freigelassen. Die Behörden werfen Mardini und Binder Spionage, Schlepperei und Mitgliedschaft in einem kriminellen Netzwerk vor. Ihnen drohen bis zu 25 Jahre Haft. Anstatt die Rechte von Flüchtlingen zu schützen, kriminalisieren die griechischen Behörden engagierte HelferInnen.

Die aus Syrien stammende Sarah Mardini studiert in Berlin. Sie kennt die Situation der Flüchtlinge genau. Gemeinsam mit ihrer Schwester war sie 2015 ebenfalls mit einem Boot in Lesbos angekommen – unter dramatischen Umständen: Nach dem Ausfall des Motors hatten die beiden geübten Schwimmerinnen das Boot an einer Leine hinter sich hergezogen und so allen Insassen das Leben gerettet.

 

José Adrián, Mexiko – Zur falschen Zeit am falschen Ort

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Der 14-jährige José Adrián war am 25. Februar 2016 auf dem Heimweg, als sich in der Nähe mehrere Jungen prügelten. Als die Polizei eintraf, flogen Steine in Richtung Streifenwagen. Die Polizisten ergriffen den unbeteiligten Jungen und schleuderten ihn gegen das Auto. Ein Beamter trat gegen seinen Kopf. Weil der Junge eine Hörbehinderung hat, konnte er sich nur schwer mit der Polizei verständigen.

Die Beamten nannten weder eine Begründung für seine Festnahme, noch riefen sie seine Eltern an. Dass es den Jungen traf, ist kein Zufall, denn er gehört zur indigenen Gemeinschaft der Maya. Die Polizei verdächtigt oft als erstes gesellschaftlich diskriminierte Menschen. Auf der Polizeiwache wurde José Adrián an Handschellen aufgehängt. «Ich hing da etwa eine halbe Stunde, und sie haben mich auf die Brust geschlagen und geohrfeigt», berichtete er.

Seine Eltern mussten eine Busse und den Schaden am Streifenwagen bezahlen. Sie reichten Beschwerde bei der Menschenrechtskommission von Yucatán ein. Doch die Polizisten wurden bis heute nicht bestraft, und José Adrián hat immer noch keine Entschädigung für das erlittene Unrecht erhalten.

Yiliyasijiang Reheman, China – Verschleppt und verschwunden

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Yiliyasijiang Reheman, 24 jahre alt, und seine Frau Mairinisha Abuduaini, 19 Jahre alt, studierten in Ägypten und erwarteten ihr zweites Kind, als der junge Mann im Juli 2017 plötzlich verschwand. Die chinesischen Behörden hatten Ägypten aufgefordert, dort lebende Uiguren festzunehmen und nach China abzuschieben.

Die 19-jährige Mairinisha Abuduaini brachte ihr Kind allein zur Welt und zog in die Türkei. Trotz ihrer unermüdlicher Suche hat sie seit über zwei Jahren nichts mehr von ihrem Mann gehört. Sie geht davon aus, dass er sich in einem der Internierungslagern befindet, in denen Angehörige meist muslimischer Minderheiten ‚umerzogen‘ werden. Dennoch hofft sie, dass die Familie eines Tages wieder vereint sein wird: «Mein mann muss sofort freigelassen werden. Ich werde nicht aufgeben, bis wir wieder zusammen sind. Die Kinder brauchen ihren Vater »

Seit 2017 wurden in China bis zu eine Million Menschen, in der Mehrzahl Muslime, aus ihren Familien gerissen und in sogenannte ‚Umerziehungslager‘ gebracht. Sie werden dort auf unbestimmte Zeit willkürlich festgehalten und auf chinesischen Regierungspropaganda getrimmt.

Ibrahim Ezz El-din, Ägypten – Verschwunden in Kairo – sagt uns, wo er ist!

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Ibrahim Ezz El-Din ist 26 und arbeitet für die ägyptische Menschenrechtsorganisation «Egyptian Commission for Rights and Freedoms» (ECRF). Er arbeitet zu sicherem und bezahlbarem Wohnraum und dokumentiert Zwangsräumungen und Stadtplanungsmassnahmen in Kairo. Ibrahim liebt seinen Job. Daneben malt er und interessiert sich für Design. Dazu ist er Feuer und Flamme für sein Fussball-Team: Zamalek Sporting Club.

Am Abend des 11. Juni 2019, Ibrahim war auf dem Heimweg, wurde er von vier Sicherheitskräften in Zivil umringt und verhaftet. Als seine Mutter das hörte, ging sie schnurstracks zur nächsten Polizeistation, um nach ihrem Sohn zu fragen. Ibrahim war nicht dort, die BeamtInnen stritten seine Verhaftung ab. Seit diesem Abend versucht die Ibrahims Familie, herauszufinden, was ihm passiert ist. Vergebens, bis heute haben sie keine Antwort bekommen.

Ibrahim Ezz El-Din ist bereits der fünfte Mitarbeiter des ECRF, der seit 2016 verhaftet wurde. In den letzten Monate sind hunderte von Menschen wie Ibrahim zuerst verschwunden, bevor es sich herausstellte, dass sie über Monate in Gefängnissen sassen, ohne dass ein Gericht darüber befunden hätte. Viele dieser Menschen – JournalistInnen, Fussballfans und sogar PolitikerInnen – wurden verhaftet, weil sie sich das Recht herausgenommen haben, ihre Meinung über die ägyptischen Behörden frei zu äussern oder weil sie sich für die Menschenrechte eingesetzt haben.